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15-11-2004 Ukraine
Wer hat gesagt, dass Juschtschenko schlecht für Russland sei?
Der Spruch, der als Titel des Beitrags dient, stammt vom russischen Botschafter in der Ukraine Viktor Tschernomyrdin. Dieser Mensch, der für seine ziemlich rücksichtslose Behandlung der Normen der russischen Sprache bekannt ist, wird zugleich oft zum Autor von geflügelten Worten. Er scheint auch diesmal den Sinn der Sache genau getroffen zu haben.

Am Mittwoch unterbrach die Zentrale Wahlkommission der Ukraine endlich ihr neuntägiges Schweigen und erklärte den Kandidaten der Opposition Viktor Juschtschenko zum Sieger der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen. Er ist dem Kandidaten der Macht Viktor Janukowitsch, heutiger Premierminister, um 0,55 Prozent oder rund 150 000 Wählerstimmen voraus.

Früher haben einige Kandidaten für den Posten des Präsidenten, die es nicht vermochten, in die zweite Runde zu gelangen, ihre Unterstützung für den Oppositionsführer erklärt. Abkommen über die Zusammenarbeit mit Juschtschenko haben Alexander Moros, Leiter der Sozialistischen Partei, der sich in der ersten Runde als dritter placierte, der Bürgermeister von Kiew Alexander Omeltschenko, Leiter der Partei Einheit, und Anatoli Kinach, Leiter der Partei der Industriellen und Unternehmer, abgeschlossen.

Somit erhält Juschtschenko anscheinend reale Chancen nach der zweiten Wahlrunde, die für den 21. November anberaumt ist, zum Nachfolger von Präsident Leonid Kutschma zu werden.

Das veranlasst die russische politische Elite dazu, den Kandidaten der Opposition auf eine neue Art, unvoreingenommen und in höherem Maße interessierter, zu betrachten. Wird denn der durch und durch prowestliche und sogar mit einer Amerikanerin verheiratete Juschtschenko für Russland als ukrainischer Präsident wirklich eine sehr unangenehme Überraschung sein?

Juschtschenko wurde zwar auf feindseligen Wahlplakaten tatsächlich oft als amerikanischer Cowboy mit einem Lasso in der Hand oder mit der Stars- und Stripes-Melone von Onkel Sam auf dem Kopf dargestellt. Entsprechend schreibt die traditionelle Einschätzung sowohl durch russische als durch westliche Politologen Juschtschenko - im Falle seiner Wahl zum Präsidenten - das Streben zu, die Ukraine von Russland loszureißen und sie möglichst weit nach dem Westen zu entführen.

Im Gegensatz dazu wird Viktor Janukowitsch als treuer Mitstreiter Russlands positioniert. Seine Wahl würde den Status-quo erhalten, versichern dieselben Politologen. Zur Bestätigung berufen sie sich auf die Versprechungen von Janukowitsch, im Falle des Machtantritts die Ukraine vom NATO-Beitritt abzuhalten, der russischen Sprache den Status der zweiten Staatssprache zu verleihen und die doppelte Staatsbürgerschaft einzuführen. In Wirklichkeit ist aber nicht alles so klar.

Die Weltanschauung eines jeden der beiden Präsidentschaftskandidaten in der Ukraine stellt eine viel kompliziertere ideologische "Legierung" dar. Dazu noch kann sich die proportionale Zusammensetzung dieser Legierung nach der Wahl stark verändern. Aber heute schon zweifle ich wenig daran, dass auch Viktor Juschtschenko als Präsident der Ukraine Russland durchaus passen könnte, ganz besonders, was die Richtung der Wirtschaftsentwicklung des Landes betrifft. Es ist allgemein bekannt, dass es gerade der heutige Oppositionsführer in den Jahren 1999-2001 in seiner Eigenschaft als Premierminister vermocht hat, den Rückgang im bilateralen Handel aufzuhalten und den größten Störfaktor in den damaligen Beziehungen zwischen den beiden Ländern - den Diebstahl von russischem Gas - auszumerzen. Gerade unter Juschtschenko öffnete sich der ukrainische Markt für große russische Unternehmen. Juschtschenko ist auch noch als Verteidiger einer möglichst transparenten Privatisierung der ukrainischen Wirtschaft bekannt. Das kann im Prinzip für das russische Business nicht unvorteilhaft sein.

Kontrasthalber sei an ein Sujet, das nicht weit zurückliegt, erinnert. Die Regierung von Viktor Janukowitsch hat solche Bedingungen für den Tender zur Privatisierung von Ukrtelecom und Kriworoschstahl ausgearbeitet, die die Teilnahme russischer Industriegruppen, insbesondere von Sewerstahl, daran unmöglich machten. Im Ergebnis fiel das große Hüttenkombinat von Kriwoj Rog ohne jegliche Auktion in die Hände einer ukrainischen Gesellschaft. Gerüchte bringen die Glücksfirma mit einem Verwandten einer im heutigen Kiewer Establishment hohen Persönlichkeit in Verbindung. Scheinbar eine Bagatelle, aber eine kennzeichnende.

Wollen wir aber von der Wirtschaft absehen und uns dem zuwenden, was als antirussische Stimmungen von Viktor Juschtschenko bezeichnet wird. Es sei die Frage gestattet, wie sich diese Stimmungen äußern. Das gesamte Archiv der Äußerungen des Oppositionsführers über Russland kann durchsiebt werden, dabei findet man aber keine Ausfälle gegen das benachbarte Land, geschweige denn Versuche, den ukrainischen Nationalisten in diesem Sinne in die Hand zu spielen. Juschtschenko sendet Moskau keine Handküsse, sein Streben, Distanz zu halten, weist aber keine Feindseligkeit auf. "Mancher Nachbar ist besser als ein Verwandter", diese Worte stammen von Juschtschenko.

Juschtschenko ist sich über die prinzipielle Bedeutung Russlands als natürlicher und unerschöpflicher Markt für ukrainische Waren durchaus klar. Nach seiner Meinung, die er eine Woche vor den Wahlen geäußert hat, "wird Russland unter beliebigen Umständen der ewige strategische Partner der Ukraine sein". Moskau liest sich heute auch noch aufmerksam in die bekannten Worte aus einer Wahlrede Juschtschenkos hinein, in der er verspricht, im Falle des Machtantritts alles zu unternehmen, "damit sich der russische Mensch in der Ukraine wohl fühlt, damit er sich im ukrainischen Fernsehen Programme in russischer Sprache ansehen und ukrainische Zeitungen in russischer Sprache lesen könnte, damit seine Kinder Russisch lernen und der russischen Kultur teilhaftig werden könnten".

Die russische Bevölkerung der Ukraine schenkt diesen Worten von Juschtschenko Glauben. Viele einflussreiche Moskauer Politologen neigen ebenfalls zu der Ansicht, dass der Leiter der ukrainischen Opposition nach dem Antritt des Präsidentenamtes gleichmäßige Partnerschaftsbeziehungen zu Russland aufbauen und am wahrscheinlichsten es weniger durch ein ständiges Pendeln zwischen Moskau und Washington, das seinen Vorgängern eigen war, reizen würde. Offensichtlich tun sich die gleichen Weiten vor einem Beobachter auf, der sich im Glockenturm der Russisch-Orthodoxen Kirche befindet. Am vergangenen Sonntag bekam Juschtschenko eine Audienz beim Metropoliten von Kiew und der ganzen Ukraine Wladimir, Vertreter des Moskauer Patriarchats. Zum Abschluss der Unterredung gab der heilige Hierarch dem Präsidentschaftskandidaten den Segen. Eine solche Gnade im Vorfeld der zweiten Runde ist viel wert.

Es besteht aber noch ein Umstand, der, wie mir scheint, den russischen Behörden helfen könnte, der Versuchung zu widerstehen, den Sieger der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine als einen Agenten des westlichen Einflusses aufzufassen. Schauen Sie bitte genauer hin: Viktor Juschtschenko und Wladimir Putin scheinen vieles gemeinsam zu haben. Der eine wie der andere ist bestrebt, die Macht des Gesetzes in seinem Land zu festigen, die Korruption zu unterdrücken und die Oligarchen, die sich in einem mit den Tränen des Volkes gefüllten Becken tummeln, Mores zu lehren. (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti)

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