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12-05-2005 Ukraine
Orangefarbene setzen auf das Patriarchat von Konstantinopel
(Alexej Makarkin, stellvertretender Generaldirektor des Zentrums für politische Technologien) Für die heutige Situation in der ukrainischen Orthodoxie ist nicht nur die Konfrontation verschiedener religiöser Strömungen - der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche /die zum Moskauer Patriarchat gehört/, des "Kiewer Patriarchats" /Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats/,

deren Vorsteher Metropolit Filaret von der Russisch-Orthodoxen Kirche mit dem Anathem belegt worden ist, und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche, Erbin der "Selbständigen" der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Prinzip ist dieser Konflikt gut bekannt und hat eine lange Geschichte. Ein neuer Faktor ist die Aktivierung des Konstantinopoler Patriarchats, das bestrebt ist, im ukrainischen Streit der Konfessionen die Rolle des Schiedsrichters zu spielen, was den Interessen des Moskauer Patriarchats, das die Ukraine als einen Teil seines kanonischen Territoriums betrachtet, offensichtlich nicht entspricht.

Übrigens appellierten die Gegner Moskaus in der ukrainischen Orthodoxie auch früher an Konstantinopel, aber Istanbul übte dabei äußerste Vorsicht, weil es die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats als die einzige kanonische Kirche auf dem ukrainischen Territorium betrachtete.

Nach dem Sieg von Viktor Juschtschenko bei den Präsidentenwahlen hat sich die Situation geändert. Der neue Präsident positioniert sich nämlich als Befürworter der Gründung einer einheitlichen ukrainischen Landeskirche, die der Definition nach kein Bestandteil des Moskauer Patriarchats sein könnte. Daher nimmt es nicht wunder, dass der ukrainische Teil des Konstantinopeler Patriarchats seine Aktivitäten in dieser Richtung verstärkt hat. Im März hat Erzbischof Wsewolod /Maidanowski/, einer dessen exponiertesten Vertreter, die Ukraine besucht. Bei einem Treffen mit Juschtschenko erklärte er, dass die Unterstellung der Kiewer Metropolie unter die Moskauer Kirche 1686 von dem damaligen Konstantinopeler Patriarchen Dionis eigenmächtig, ohne Zustimmung des Synods, verwirklicht worden wäre. Und dass Konstantinopel die Autokephalie der Russisch-Orthodoxen Kirche nur in den Grenzen des Moskauer Reichs ohne Ukraine anerkenne.

Konstantinopel will selbstverständlich Revanche für seine historischen Niederlagen, die recht zahlreich gewesen sind, nehmen. Im Verlaufe mehrerer Jahrhunderte verringerte sich das Territorium, das von dem "der Ehre nach ersten" /das heißt traditionell meist geachteten/ orthodoxen Bischofssitz kontrolliert worden war, unaufhaltsam. Im 19. Jahrhundert fielen Serbien, Rumänien, Bulgarien und sogar Griechenland ab, in dem die eigene Helladische Orthodoxe Kirche gegründet wurde /und das, obwohl das Konstantinopeler Patriarchat historisch griechisch ist/. Freilich sind im laufenden Jahrhundert die Missionsaktivitäten Konstantinopels in den USA verstärkt worden, aber auch dort besitzt das "der Ehre nach erste" Patriarchat kein Monopol. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat der Orthodoxen Kirche in Amerika, die auf der Basis der russischen Eparchien in der "Neuen Welt" gegründet worden war, die Autokephalie gewährt. Im kleinen Estland kollidierten die Interessen Moskaus und Konstantinopels in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts unmittelbar: heute bestehen dort zwei konkurrierende kirchliche Strukturen.

Heute bekommt Konstantinopel die Möglichkeit, Moskau in der ukrainischen Richtung zurück zu drängen, als Patron des Gründungsprozesses der ukrainischen Landeskirche aufzutreten und dieser dadurch einen kanonischen Charakter zu verleihen /damit hängt auch die Berufung auf die Ereignisse von 1686 zusammen/. Wie zu ersehen ist, werden bestimmte Schritte in dieser Richtung unternommen. Bemerkenswert ist aber, dass Patriarch Bartholomäus einstweilen noch die Äußerungen seines Erzbischofs in keiner Weise kommentiert hat, wenngleich es sich dabei um eine sehr wichtige Frage der zwischenkirchlichen Beziehungen handelt. Offensichtlich wird vorläufig noch das Terrain sondiert und es geht noch nicht um prinzipielle Entscheidungen. Dafür gibt es triftige Gründe.

Erstens ist die Ukraine kein Estland. Eine direkte Einmischung Konstantinopels in die Angelegenheiten der Orthodoxen kann zur Folge haben, dass die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen beeinträchtigt werden. Dabei für lange. Es sei daran erinnert, dass Moskau im Verlaufe des estnischen Konfliktes den kanonischen Umgang mit Konstantinopel für mehrere Monate unterbrochen hatte. Heute können die Folgen weitaus negativer sein. Unter den Bedingungen der Krisenerscheinungen in der griechischen Gemeinschaft /Korruptionsskandale in der Jerusalemer und der Helladischen Orthodoxen Kirche/ kann der zwischenkirchliche Konflikt zu einer starken Senkung des Ansehens der Orthodoxie in der Welt führen. Dabei wäre die "schuldige Seite" in diesem Fall Konstantinopel.

Zweitens ist unklar, wie stark die heutige ukrainische Macht ist, die durch Widersprüche erschüttert wird. Möglicherweise wird es Juschtschenko gelingen, die Situation zu bereinigen, aber auch das Gegenteil kann nicht ausgeschlossen werden. Eine derart alte Kirche, wie es die von Konstantinopel ist, kann sich nicht erlauben, in Abhängigkeit von der instabilen politischen Konjunktur zu geraten.

Drittens hat Konstantinopel ein Problem mit den Partnern innerhalb der Ukraine. Die Ukrainische Landeskirche des Moskauer Patriarchats kann kein solcher Partner sein. Dabei handelt es sich aber um eine Kirche, die die absolute Mehrheit /mehr als 10 000/ der ukrainischen orthodoxen Gemeinden vereinigt. (RIA)

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