russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.


Archiv:
2003   2004   2005   2006   2007   2008   2009   2010   2011   2012   2013


28-03-2005 Ukraine
Intrigen der Ukraine um Erdgas
(Dr. oec. Igor Tomberg, Zentrum der außenwirtschaftlichen Forschungen des Instituts für internationale ökonomische und politische Studien der Russischen Akademie der Wissenschaften) Danach zu urteilen, wie eilig der Besuch des ukrainischen Präsidenten Juschtschenko in Aschchabad vorbereitet und durchgeführt wurde, handelte es sich um die Reaktion auf die äußerste Notwendigkeit, die für die Ukraine lebenswichtige Frage der Lieferungen von turkmenischem Erdgas zu lösen.

Es ist nicht gelungen, Turkmenbaschi zu einer Preissenkung für sein Erdgas zu überreden. Dies nicht nur deshalb, weil beide Präsidenten politische Antipoden sind und die Ereignisse in Kirgisien wohl kaum dazu beigetragen haben, die Sympathien Nijasows für den Exponenten der "orange Revolution" zu verstärken. Eher ist die Unnachgiebigkeit der turkmenischen Seite auf die reale Einschätzung der Lage in der Ukraine zurückzuführen: Will sie eine Energiekrise vermeiden, so muss sie eben zahlen.

Außerdem wird Kiew allmählich auch das "billige" Erdgas verlieren, das es dank den Transitzahlungen von Gasprom hat. 2005 wird die Ukraine für das Durchpumpen von russischem Erdgas nach Europa 23 Milliarden Kubikmeter Erdgas zu einem Preis von 50 Dollar je 1 000 Kubikmeter erhalten. Das turkmenische Gas aber kostet sie jetzt 58 Dollar plus der Transportkosten auf dem Wege von Turkmenistan bis zur eigenen Grenze. Gemäß den vorjährigen Vereinbarungen hätte der Umfang des Bartergeschäftes allmählich zurückgehen und 2009 nur noch 15 Milliarden Kubikmeter betragen sollen. Die neue Führung der Ukraine äußerte wiederholt ihre Unzufriedenheit über die im August geschlossenen Abkommen zwischen Gasprom und der damaligen Leitung von Neftegas Ukrainy. Obwohl Präsident Putin nach seinem Treffen mit Juschtschenko in Kiew den Journalisten erklärte, die Seiten hätten keine Absicht, von den im Erdgasbereich erzielten Vereinbarungen abzugehen, bleibt eine solche Wahrscheinlichkeit doch bestehen.

Turkmenistan seinerseits strebt neuerdings offenkundig danach, die Bedingungen des 2003 für 25 Jahre (2004 - 2028) unterzeichneten Abkommens mit der Russischen Föderation über die strategische Zusammenarbeit in der Erdgasindustrie zu revidieren, und bringt seine Bereitschaft zum Ausdruck, sich auf die Ukraine umzustellen. Gemäß dem genannten Abkommen würde Russland in zwei Jahren im Grunde das gesamte turkmenische Erdgas kaufen: 60 bis 70 Milliarden Kubikmeter im Jahr im Zeitraum 2007 - 2008 und 80 bis 90 Milliarden in der Folge. Laut Angaben von Quellen in Gasprom sei Turmenbaschi bereit, das Abkommen zu zerreißen, fürchte jedoch Sanktionen seitens der internationalen Arbitrage.

Zurzeit hat Russland keine rechtliche Handhabe, die direkten Lieferungen von turkmenischem Erdgas in die Ukraine in ihrem heutigen Umfang zu blockieren und sich dazu beispielsweise auf die begrenzte Durchlassfähigkeit des Gastransportsystems "Mittelasien - Zentrum" zu berufen. Wenn sich aber Aschchabad weigert, die vertraglich festgelegten Verpflichtungen gegenüber Russland zu erfüllen, werden sich solche Begründungen finden. Übrigens stimmt es auch, dass Turkmenien mit seinem Gas sowieso keine anderen Abnehmer hat, wenn man von seinen begrenzten Lieferungen an Nordiran absieht; die einzige Exportroute führt über Russland, und alle alternativen Transitprojekte bestehen nur auf dem Papier.

Laut Informationen des Ministeriums für Erdöl- und Erdgasindustrie von Turkmenistan ist die Erdgasgewinnung dort in den ersten zwei Monaten des laufenden Jahres (gegenüber dem gleichen Zeitraum von 2004) bereits um 6 Prozent und der Export sogar um 12 Prozent zurückgegangen. Im Ministerium wurde erläutert, die Senkung dieser Volumina hänge mit der Einstellung der Gaslieferungen an Russland und der Verringerung des physischen Umfangs des Gasexports an die Ukraine zusammen.

Deshalb ging es beim heutigen Besuch Viktor Juschtschenkos um weit mehr als um Fragen von Preisen, Volumina und Fristen, wenn auch die ukrainische Ministerpräsidentin vorschlug, ein Abkommen über Erdgaslieferungen für 20 bis 30 Jahre zu schließen. Denn der Besuch Juschtschenkos in Turkmenistan ist trotz des Fiaskos in der Preisfrage ein wichtiger Ausgangspunkt in einem Prozess, dessen Ziel darin liegt, Gasprom bei den Lieferungen von mittelasiatischem Erdgas nach Europa zu verdrängen und das Monopol des Unternehmens zu schwächen.

Kurz vor dem Besuch zitierte die Agentur RusEnergy die Worte einer Quelle, die der turkmenischen Regierung nahe steht: "Unsere Führung ist an der Zusammenarbeit mit einer Organisation interessiert, die von einer Reihe europäischer Staaten gegründet werden soll, um Turkmenistans Gas auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Turkmenistan erwartet demnächst einen Besuch des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko zu Verhandlungen über eine langfristige Zusammenarbeit im Bereich der Erdgasindustrie."

Die Koalition der Kräfte, die es auf den Platz der russischen Gasprom auf dem Erdgasmarkt Eurasiens abgesehen hat, nimmt allmählich Konturen an. In der vergangenen Woche bekundeten Vertreter Deutschlands, der Ukraine und Polens in verschiedenen Worten und aus verschiedenen Anlässen ihre Absicht, eine Erdgasallianz zu gründen.

Ihr Organisations- und Businesszentrum soll ein Europäisches Erdgashaus sein, vertreten durch den deutschen Energiekonzern E.ON Ruhrgas sowie zwei nationale Unternehmen: Naftogas Ukrainy und PGN&G aus Polen.

Möglich, dass die deutsche Unterstützung Juschtschenko zur Aktivierung seiner von Russland getrennten Vereinbarungen mit Turkmenistan inspiriert hat. Die Präsenz der E.ON Ruhrgas im Schema der Verdrängung von Gasprom könnte die Verhandlungspositionen von Gasprom, das es sich mit den deutschen Partnern nicht verderben will, etwas mildern, das Unternehmen jedoch nicht daran hindern, auch andere Eisen aus dem Feuer zu holen.

So könnte sich Moskau mit Usbekistan darüber einigen, dass dieses seine Erdgastransport-Kapazitäten nicht erweitere oder über die russischen Erdgaspipelinen eigenes Erdgas liefere. In diesem Fall würde es für turkmenisches Erdgas einfach keinen Platz geben. Es liegen keine besonderen Gründe vor, über die Versorgung des Inlandsmarktes beunruhigt zu sein. Nach Meinung von Experten gibt die Unsicherheit in Bezug auf den Import von turkmenischem Gas zweifellos solchen unabhängigen russischen Erdgasgewinnungsunternehmen wie NOVATEC eine Chance. Wenn sich der Umfang der garantierten Lieferungen aus Mittelasien vermindert, wird Gasprom wahrscheinlich einen bestimmten Anteil des einheimischen Marktes an unabhängige Produzenten abtreten.

Es ist auch früher schon passiert, dass Kiew und Aschchabad Abkommen unterzeichneten, ohne an Russlands Interessen zu denken. Aber bei ihrer Realisierung kam immer das Problem der Rohrleitung auf, und die Geografie ordnete alles. Der jetzige Besuch Juschtschenkos wird offenbar ähnliche Ergebnisse zeitigen. (RIA)

Archiv:
2003   2004   2005   2006   2007   2008   2009   2010   2011   2012   2013