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21-02-2005 Ukraine
Wird russisches Business zum größten Investor der ukrainischen Wirtschaft?
Die neuen ukrainischen Behörden haben versprochen, die Ergebnisse der Privatisierung zum Teil zu revidieren. Das Schicksal eines unternehmerischen Erfolges im postsowjetischen Raum hängt mitunter davon ab, ob die oberen Schichten wohlwollend gesinnt sind.

Deshalb führt ein Wechsel politischer Figuren nicht selten dazu, dass die Rechte auf Betriebe neu verteilt werden. Nach Äußerungen von Vertretern der neuen Macht in Kiew zu urteilen, rechnet die neue Regierung damit, dass der Haushalt durch eine Revision der Privatisierungsergebnisse zusätzliche Mittel erhält.

Die Ukraine ist stark auf Investitionen angewiesen. Nach Expertenschätzungen sind für ein normales Funktionieren der ukrainischen Wirtschaft gegenwärtig 80 bis 100 Milliarden US-Dollar Zusatzinvestitionen erforderlich, während in den 13 Jahren der Unabhängigkeit nur knapp fünf Milliarden Dollar direkte ausländische Investitionen akkumuliert werden konnten. Dabei ist die Struktur dieser Investitionen so, dass die meisten Mittel in Betrieben der Lebensmittelindustrie und des Einzelhandels landen. Es geht also um Branchen, in denen sich das angelegte Kapital verhältnismäßig schnell bezahlt macht. Aber für eine komplexe strukturelle Umgestaltung der Wirtschaft sind langfristige Investitionen erforderlich.

Hat denn das russische Kapital Perspektiven für eine Beteiligung an diesen Prozessen? Offiziellen Angaben zufolge entfallen nur zehn Prozent aller ausländischen Anlagen in der Ukraine auf russisches Kapital. Das hängt damit zusammen, dass die ukrainischen Behörden eine mangelnde Bereitschaft bekunden, russische Investoren zu ukrainischen Aktiva zuzulassen. Ein letztes Beispiel dafür ist die Ausschreibung zur Privatisierung des Stahlproduzenten Kriworoschstal. Daran durften nur ukrainische Bewerber teilnehmen.

Infolge der ungelösten Probleme zwischen Business und Macht wird in Russland ein zunehmender Kapitalabfluss registriert. Inoffiziellen Angaben zufolge waren im vergangenen Jahr knapp acht Milliarden Dollar aus dem Land geflüchtet. Das russische Business sucht nach Investitionsmöglichkeiten und bekundet Interesse an Kontakten mit den neuen Behörden in der Ukraine. Laut dem Präsidentenberater Andrej Illarionow wurden im vergangenen Jahr nicht acht, sondern 27 Milliarden Dollar aus Russland ausgeführt. Und viele Geschäftsleute beobachteten aufmerksam die Entwicklung in der benachbarten Ukraine.

Wenn neue Auktionen objektiv werden, wenn daran ausländische Bewerber, darunter auch russische, teilnehmen dürfen, wird das russische Kapital in der Ukraine aktiver werden. Zwischen den Wirtschaftskomplexen beider Länder gibt es seit Jahren Kooperationsbeziehungen. Investitionen in der Ukraine würden sich für russische Anleger lohnen. Nach Worten des Duma-Abgeordneten Alexander Lebedew liegt Russland dem Investitionsumfang nach derzeit an erster Stelle in der Ukraine und wird das europäische Kapital allem Anschein nach auch weiterhin hinter dem russischen zurückbleiben. Die Ukraine hat im Hinblick auf das hohe Niveau der Korruption und mangelnden Professionalismus etwa die selbe Investitionsattraktivität wie Russland. Deshalb können russische Geschäftsleute, die die Spielregeln in der Ukraine und die örtlichen Besonderheiten sehr gut kennen, einen gewissen Vorteil haben.

Kontakte russischer Geschäftsleute und Experten mit Vertretern der Ukraine führen vor Augen, dass das russische Business weiterhin eine große Rolle in der Ukraine spielt. Die Positionen des russischen Kapitals in der Ukraine müssen berücksichtigt werden, weil Russland ein großer Rohstofflieferant für die Ukraine und ein wichtiger Abnehmer ukrainischer Erzeugnisse ist. Nach Ansicht von Ruslan Grinberg, Direktor des Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, ist sich Kiew darüber im Klaren, dass der Beitritt zur Europäischen Union (EU) mit erheblichen Problemen zusammenhängt. "In jedem Fall sind ukrainische Geschäftsleute, mit denen ich in letzter Zeit zusammengetroffen bin, zur Kooperation und Integration mit Russland geneigt", sagte Grinberg.

Ihrerseits könnte sich die große Politik in das Business einmischen. Dann werden russische Unternehmen wenig Chancen haben, ukrainische Betriebe, darunter auch Kriworoschstal, zu erwerben. "Das russische Business, das sogar (dem zum Präsidenten gewählten) Viktor Juschtschenko Dienste erwiesen hat, kann irgendwelche Präferenzen vergessen", meinte Michail Deljagin, Leiter des Instituts für Globalisierungsprobleme. Bei einer eventuellen formellen Gleichberechtigung wird Kapital aus den EU-Ländern, darunter auch aus den neuen Mitgliedsländern, Präferenzen genießen. Wurden die Interessen russischer Betriebe früher infolge der Konkurrenz mit dem Kapital aus Donezk geschmälert, so wird das russische Kapital unter Juschtschenko im Vergleich zu dem westeuropäischen Kapital eine zweitrangige Rolle in der Ukraine spielen, wenngleich sich die vorhandenen russisch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen weiter entwickeln werden. Deljagin zufolge wird das russische Kapital im Zuge der Privatisierung in der Ukraine künftig auf Platz drei nach dem Kapital aus Donezk und Westeuropa liegen.

Es ist unmöglich, das russische Kapital aus der Ukraine zu verdrängen, weil seine Rolle in der Republik durch die engen Kooperationsbeziehungen beider Länder bedingt ist. Aber die jüngsten politischen Tendenzen in der Ukraine, so die Umorientierung der neuen ukrainischen Behörden auf die Integration mit Westeuropa, sind für Russland ungünstig. Die Frage besteht darin, wie stark diese politischen Tendenzen über die wirtschaftlichen Interessen gestellt werden. In seinem Wahlrennen hatte Juschtschenko seinem Land eine Verzehnfachung der ausländischen Investitionen versprochen. Nach allem zu urteilen werden nach dem Machtwechsel in Kiew etwas mehr Investitionen in die Ukraine fließen. Die Frage, welches Kapital, russisches oder westliches, dabei bevorzugt wird, ist noch offen. (Nina Kulikowa, Wirtschaftskommentatorin der RIA Nowosti).

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