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09-12-2004 Ukraine
Spritzige Mandarinen
von Nina Körner

Der Hit, der Schal, der Luftballon zur Revolution – in der dritten Woche der Demonstrationen sind Demonstranten und fliegende Händler auf dem Kreschatyk professioneller geworden.

„Darf ich Ihnen helfen, Madame, es ist sehr glatt hier!“ Wildfremde Leute reichen sich die Hände auf Kiews Platz der Unabhängigkeit, Maidan Nesaleschnosti.


Eine Handtasche sei gefunden worden und könne hier abgeholt werden, ruft man von der zentralen Bühne aus. In einigen Geschäften bekommt jeder Kunde eine Mandarine geschenkt. Soviel Freundlichkeit, so viele Höflichkeit war nie.
Man erkennt die Ukrainer nicht wieder. Wird das Land tatsächlich, wie viele behaupten, nach den Demonstrationen nie mehr dasselbe sein?

Was ist passiert? Eine manipulierte Stichwahl zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten hat die Ukrainer, vor allem die Jungen, auf die Strasse gebracht. Hunderttausende demonstrierten in Orange auf Kiews Hauptstrasse Kreschatyk und bauten dort ein großes Zeltlager. Orange ist die Farbe der Oppositionspartei „Unsere Ukraine“ und ihres Kandidaten Viktor Juschtschenko. „Wir sind nicht wenige“ , so schrieen sie sich heiser, „man kann uns nicht besiegen!“. Sie skandierten den Namen ihres Favoriten, tagelang Während das Stadtzentrum dem Infarkt nahe war und in öffentlichen Gebäuden mit Stundenplänen für Essensausgabe, Reinigung und Unterkunft der Demonstranten aushingen, wusste man in der Provinz fast nichts. Wie auch im russischen Fernsehen zeigten die Regierungssender einen leeren Maidan Nesaleschnosti, bis auch die dortigen Journalisten angeblich keine Lust auf Regierungspropaganda mehr hatten und zur Opposition überliefen. Nach vier Tagen flogen internationale Berater und Vermittler ein. Seitdem warten die Demonstranten auf die neuesten Nachrichten aus dem Nachrichtenticker oder sind damit beschäftigt Gerüchte zu falsifizieren

Und einiges ist bereits anders! Professioneller, so scheint es. Die Absperrungen der Zeltstadt im Herzen Kiews sind zu einer einzigen Pinnwand geworden, darauf Mandarinen und Orangen, gespickt mit Spritzen - eine humoristische Attacke auf den politischen Gegner. In Kiew verteile man mit Drogen vollgepumptes Obst, so hatte die Gattin des Regierungskandidaten Janukowitsch hatte in dessen Hochburg Donezk verbreitet.
Selbstironisch hängen daneben zum Nikolausfest Filzstiefel mit Dollarzeichen. Oft hörte man, die Demonstranten seien von den amerikanischen Geheimdiensten gekauft. Auch das Ei ist zurückgekehrt. Aus Styropor und hämisch auf die Berrikaden gesteckt erinnert es an einen Fall des Gegners. Der war, bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem Ei am Revers getroffen, gefallen und in ein Krankenhaus gebracht worden.

Berge von Feuerholz stapeln sich im Lager, genauso Paletten und Styropor. Abfalltonnen sind aufgestellt, Fahnen ordentlich aufgesteckt, Luftballongirlanden aufgehängt. Über allem weht der Geruch von Borscht und Rauch. Geht es abends nicht zur Veranstaltung auf der zentralen Bühne, wiegen sich die Demonstranten zur HipHop-Hymne „Wir sind viele“ oder zum Revolutionsreggae „Ukraina“ . Kurz – Public Relations und Logistik, die Demonstranten haben einiges gelernt.

Revolutionäre sind auch Kunden, das haben die ansässigen Händler schnell gemerkt. Die Zeltstadt ist ihrerseits belagert von Kiosken. Ein orangenes Tuch ist für 15,- Grivnja zu haben, ein orange gestrickter Schal mit Juschtschenko-Schriftzug kostet das Doppelte. Ja, er verkaufe hier sonst Bücher, nun aber Revolutionsaccessoires, meint der ältere Händler Wadic. Wie es denn damit aussehe in Deutschland, fragt er, er könnte einige Wagenladungen davon liefern. Ab 20,- Grivnja geht die ukrainische Flagge, jetzt ein beliebtes Schultertuch, über den Kiosktisch. Für die Tröte in den Nationalfarben blau-gelb sind dem Revolutionär 25,- Grivnja, die manchmal noch Rubel genannt werden, nicht zu schade.
bei russland.RU


Demonstrationen in Kiew – Seit Sonntag stehen Tausende von Demonstranten in Kiew auf der Strasse um gegen das Wahlergebnis zu protestieren.

In einer Art Tagebuch hält Nina Körner die Stimmung auf der Strasse fest


Spritzige Mandarinen…

Hart bleiben am Wochenende …

Wilde Tänze, aber friedlich …

Mit den Schneeflocken tanzen ...

Eine orangene Revolution? …
Orangene Luftballons, wenn gewünscht in Hasenform, vertreiben den Kleinen die Langeweile. Wer sich über die plötzlich massenhaften orangenen Kleidungsstücke der Kiewer wunderte, wird an exquisiteren Ständen mit größerer Auswahl fündig: orangene Mützen, Handschuhe, Haargummis, gar Ansteckblumen.

Frittierte Priroschki, Teigtaschen mit Kohl oder Fleisch, Marsbars oder Zuckerwatte – für das leibliche (Un)Wohl ist in zahlreichen eilig aufgestellten Zeltbuden gesorgt. Am meisten verkaufe sie Wasser, sagt Getränkeverkäuferin Mascha. Nein, die Leute tränken nicht viel jetzt, nicht mehr als an einem gewöhnlichen Feiertag. An den Tagen nach der Stichwahl da habe sie täglich einen Umsatz von fünf Tagen gemacht, das war etwas! Nicht nur Mascha klagt über Revolutionsflaute. „Uns reichen die Leute nicht!“ so Studentin Irina aus Ternopil. Sie wacht bereits die dritte Woche in der Zeltstadt. Das Gefühl am Anfang und jetzt, meint sie und schaut etwas trüb auf die herumstehenden Gruppen, nun ja, die Leute seien schon müde. Dennoch – die Demonstranten gehen nicht vor dem 26. Dezember, der für die Wiederholung der Stichwahl angesetzt ist. Und mit Ihnen bleiben die Händler!


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