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11-01-2009 Ukraine
Alle Jahre wieder wird die Angst vor Russland geschürt
[ Gunnar Jütte ] Die Macht der Medien und vor allem solcher Bilder hat die Wirkung nicht verfehlt. Obwohl es realistisch keinen Grund gibt an einem zuverlässigen Gasexporteur Russland zu zweifeln wird immer wieder der Eindruck in den Medien erweckt.



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Da ist die Bildzeitung mit dem typischen reißerischen Foto oder exemplarisch der Focus mit einer nicht nachvollziehbaren Aussage: „Ein Lieferant, der Gas als Waffe nutzt, ist für Deutschland langfristig aber gefährlicher als ein unzuverlässiges Transitland“. Solche Aussagen ziehen sich bei jedem Gasstreit an dem Russland beteiligt ist durch die deutsche Medienlandschaft.

Ein Nachweis wo und wie Russland jemals Gas als „Waffe“ nutze wird nirgendwo geführt. Die Behauptung reicht um für Verunsicherung zu sorgen.

In einer repräsentativen Umfrage von TNS-Emnid für die Zeitung "Bild am Sonntag" fordern angesichts des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine 83 Prozent der befragten Deutschen eine größere Unabhängigkeit der deutschen Energieversorgung von Gasimporten aus Russland.

bei russland.RU
Köder Schröder?


Russland, Deutschland, Ostsee-Pipeline und der Altkanzler Schröder


In einem Schwerpunkt über die Nordeuropäische Gaspipeline hat russland.RU Daten, Fakten, Hintergründe, Kommentare und Analysen zusammengefasst. ...


Droht Gazprom tatsächlich den Europäern?


In einem Schwerpunkt über den Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine hat russland.RU Daten, Fakten, Hintergründe, Kommentare und Analysen zusammengefasst. ...


Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt das diese Furcht vor russischem Gas und Russland als Exporteur unbegründet ist.

Wie es anfing

1973 schloss die Ruhrgas im Rahmen der deutsch-sowjetischen Verträge ein Gasgeschäft, mitten im „Kalten Krieg“, mit dem Erzfeind UdSSR ab.

Bei dem Geschäft, das die Errichtung einer Erdgaspipeline von Sibirien bis nach Deutschland vorsah, lieferte die Mannesmann AG finanziert von der Deutschen Bank nahtlose Rohre, die zum Bau der Pipeline benötigt wurden. Im Gegenzug beliefert die heutige Gazprom die Ruhrgas mit Erdgas. Aus dem über Jahrzehnte bis zum Jahr 2000 fixierten Erlös tilgte die sowjetische Seite den Kredit bei der Deutschen Bank.

1983 unterzeichnete die Ruhrgas AG mit der sowjetischen Sojusgasexport und dem DDR-Kombinat "Verbundnetze Energie" einen Vertrag über die Lieferung von jährlich 650 Millionen m³ Erdgas für Westberlin ab 1985.

Wie kam es zu dem Gasgeschäft mit der UdSSR

Carl−Christian Kaiser schrieb dazu in der „Die Zeit“ vom 13.2.1970
... Neben den deutschen Banken - an deren Selbstlosigkeit zu glauben schwerfällt - gibt es nur einen Leidtragenden: die holländischen Gasexporteure. Erst ihre Preispolitik, die nicht zuletzt von den Ölinteressen der beteiligten Mineralölkonzerne Esso und Shell beeinflusst worden ist, hat den Anstoß zu denVerhandlungen mit den Russen gegeben.

Jetzt kann es durchaus passieren, dass die Holländer bei Ausbruch des zweiten Atomzeitalters in den achtziger oder neunziger Jahren auf ihren Vorräten sitzenbleiben, auf Vorräten, die immerhin 30 Prozent der russischen Reserven ausmachen....

Selbst die Russen sahen in dem Gasgeschäft eine Möglichkeit für Kooperationen mit dem Feind im Westen.

.... Und auch die Regierungszeitung Iswestija zögerte nicht, am vergangenen Wochenende zu schreiben, die Möglichkeiten solcher Kooperation - zwischen dem Westen und dem Osten unseres Kontinents" seien - kolossal."

Dass die Kreml−Zeitung die Brücke von Wissenschaft und Technik zur Wirtschaft schlug, dass sie als Exempel die deutsch−sowjetischen Verträge über die gegenseitige Lieferung von Röhren und Erdgas nannte und dass sie dieses Beispiel mit dem Hinweis verband, langfristige Verträge und der Bau einer langen Pipeline über viele ost und westeuropäische Grenzen hinweg erforderten Sicherheit und Ruhe an diesen Grenzen und machten eine stabile Zusammenarbeit nötig - all dies ist in Bonn sehr aufmerksam registriert worden.

Nicht zuletzt setzt die Bundesregierung darauf, dass wissenschaftlich−technische und eine daraus folgende engere, wirtschaftliche Kooperation der politischen Entspannung voranhelfen kann,....

Das gilt auch heute noch.

Noch Anfang 1963 hatte Konrad Adenauer eine Röhrenlieferung der Mannesmann-Werke und anderer westdeutscher Firmen an die Sowjets in Höhe von 100 Millionen Mark auf Geheiß der Amerikaner verboten.

Patriotisch warnte damals noch der christdemokratische Kohle-Professor Fritz Burgbacher vor russischem Erdgas: "Bei der Versorgung mit lebensentscheidenden Produkten begibt man sich nicht in die Hände derer, die einem nach dem Leben trachten -- auch heute noch."

Doch Burgbachers Appell blieb Gott sei Dank ohne Resonanz.

Krupp-Generaldirektor Ernst Wolf Mommsen sagte damals: "Selbst wenn acht bis zehn Prozent des westdeutschen Energiebedarfs von der UdSSR gedeckt wurden, hätte ich keine Bedenken."

Carl−Christian Kaiser schrieb 1970 weiter:
.... Im Augenblick deutet allerdings nichts darauf hin, dass die Russen das Geschäft mit dem stillen Vorbehalt abgeschlossen haben, uns eines Tages den Gashahn zuzudrehen. ....

..... Bis dahin wird man sehen, ob für die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen auch eine politische Basis gefunden worden ist. Der Idealfall wäre eine gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit, wäre ein dem Gas entgegenlaufender Strom europäischer Ware, auf die Russland nicht so schnell verzichten kann....

Dieser Strom der Waren läuft. Im letzten Jahr haben Deutschland und Russland Waren im Wert von 50 Milliarden Euro umgesetzt. Tausende von deutschen Firmen haben sich in Russland mit Zweigstellen niedergelassen, deutsche Gaskonzerne haben Bohrrechte in Sibirien, deutsch-russische Joint-Venture zwischen Energieproduzenten sorgen für eine Energiesicherheit in Europa.

Damals wurde es als Frechheit angesehen, dass die UdSSR mit dem Gasgeschäft harte Devisen verdienen könnte.

"Für die Zweifler bleibt ein Stachel - selbst bei erträglichem Sicherheitsrisiko: Bis zum Jahre 2005 wird Moskau 300 Milliarden Mark an Devisen kassieren.
Solche Vorteile (ein Devisenzufluß) sind bei einem internationalen Handelsgeschäft auch erforderlich, um es zustande zu bringen", so der damalige Chef der Ruhrgas AG.

In dem Zusammenhang natürlich nicht zu vergessen die Panik der USA vor einem Kommunismus, der zur Konkurrenz werden könnte.
Der amerikanische Staatssekretär Lawrence Brady äußerte sich dazu schon fast phobisch: "Hohe Überschüsse von Hartwährungen aus dem Gasexport könnten die Sowjetunion in die Lage versetzen, das westliche Finanzsystem zu manipulieren."

Was früher kein Problem war kann heute erst recht keines sein

Entgegen aller Bedenken, vor allem gegen die USA, wurde vor über 35 Jahren mit der Sowjetunion ein Gasgeschäft getätigt, welches problemlos den „Kalten Krieg“ überstand.

Wenn man sich aber Äußerungen der Skeptiker und Gegner von damals anschaut und mit heute vergleicht fallen einem die Parallelen auf.

Entweder ist es USA-Hörigkeit oder Atomfetischismus der Russland immer wieder versucht als unsicheren Kantonisten in der Gasversorgung hinzustellen. Anstatt wenigstens auf alternative Energiequellen zu setzen fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts des Gasstreits einen "breiten Energie-Mix", um die Abhängigkeit vom Gas zu verringern.

Merkel sagte der "BamS: "Wir werden auf Kohle und Atomkraft nicht verzichten können, wenn wir nicht in immer stärkere einseitige Abhängigkeit vom Gas geraten wollen."

Heute sind die Bedingungen für Gasgeschäfte mit Russland auf einem viel größerem Fundament. Russland respektive Gazprom als größter Gasexporteur sind mit deutschen Gasversorgern auch aktenmäßig verbunden. Jeder will Geld verdienen, die deutsche wie die russische Seite, keiner hat ein Interesse diese Versorgungssicherheit aufs Spiel zu setzen, dafür sind die wirtschaftlichen Verknüpfungen viel zu groß.
Nebenbei ist der „Kalte Krieg“, wenn nicht gerade mal wieder von den USA irgendwo Raketen an die russische Grenze gestellt werden, vorbei und Russland ein kapitalistischer Staat der Unsummen an Geld braucht um seine Wirtschaft zu sanieren. Das verdient Russland nicht damit, dass es irgendwo Gas absperrt.

Probleme gibt es immer noch im Gastransit durch Drittländer wie das Problem Ukraine gezeigt hat. Eine Ostseepipeline wie die Nordstream wird da Entlastung schaffen. Zusätzlich wird man sich Gedanken machen müssen wer die Transitpipelines durch Drittländer kontrollieren sollte und wie eine dauerhafte Transitsicherheit zusammen mit der EU hergestellt werden kann.

An Russland als Gasversorger für Europa führt kein Weg vorbei. Nur Russland verfügt über Reserven die eine Energiesicherheit über Jahrzehnte gewährleisten können bis es möglich sein wird mit Alternativenergien eine Versorgung zu sichern. [ Gunnar Jütte / russland.RU ]


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