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19-10-2007 Ukraine
Golodomor: Das Phänomen der Hungersnot in der Sowjet-Ukraine
[ Andrej Martschukow, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften ] Kiew fordert schon seit mehreren Jahren von der Weltöffentlichkeit, von der UNO und von Russland mit beeindruckender Beharrlichkeit, die Hungersnot, die die Sowjetunion in den Jahren 1932 und 1933 durchmachen musste, als Völkermord anzuerkennen.



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Die Dimensionen und die Aggressivität der Kampagne um dieses tragische Ereignis, das u. a. die Ukraine erfasst hatte, sind beeindruckend. Die Hungersnot, die von den ukrainischen Politikern als "Golodomor" (Aushungern) bezeichnet wird, ist zu einer ideologischen Konzeption und zu einem Instrument für eine massive Gehirnwäsche geworden. Offensichtlich ist dabei das Streben der heutigen ukrainischen Spitzenpolitiker, das Andenken an die Opfer des Hungers in eine politische Demonstration zu verwandeln, die gegen Russland gerichtet ist.

Soeben wurde das Thema im Rahmen der UNO behandelt: Am 15. Oktober fand in der UNESCO eine Konferenz statt, in der die Ukraine einen Resolutionsentwurf unterbreitete, dessen Ziel in einem möglichst umfassenden Informieren über "Golodomor" besteht. Niemand ist dabei auch nur bestrebt, Fakten zu verheimlichen. Die internationale Öffentlichkeit, die zwar die Tragödie des ukrainischen Volkes anerkennt, beeilt sich zugleich nicht, diese als einen "Völkermord" zu bezeichnen. Es gibt einfach keine Fakten, die bestätigen würden, dass dieses traurige Ereignis Folge einer bewussten Aktion des Kremls war, deren Ziel darin bestand, die ukrainische Nation zu vernichten. Solche Fakten kann es auch nicht geben. Die Fakten aber, über die die Historiker verfügen, zeugen indessen von etwas Anderem.

Die russischen Wörter "Golod" (Hunger) und "Golodomor" (Aushungern) sind zwar eng verwandt, ihre Bedeutung ist aber unterschiedlich. Unter dem "Golodomor" wird ein zielgerichtetes Aushungern der Ukrainer als einer Nation verstanden. Diese Politik soll die Führung des "Sowjetreichs" mit Hilfe der "kolonialen Administration", der damaligen ukrainischen KP-Spitze, betrieben haben. Die Tatsache, dass von der Hungersnot die ganze Sowjetunion erfasst wurde, wird dabei verschwiegen. Alles wird so hingestellt, als sei die Ukraine das einzige Opfer gewesen.

Die "Golodomor"-Konzeption entstand in den Kreisen der ukrainischen Emigration. Zwischen den 40er- und den 70er-Jahren erschienen im Westen regelmäßig Beiträge, in denen die Hungersnot in den Jahren 1932 und 1933 als eine geplante Aktion der Kreml-Führung bezeichnet wird, die auf die physische und psychische Vernichtung des ukrainischen Volkes gerichtet war.

Anfang der 80er-Jahre nahm das Interesse für dieses Ereignis radikal zu. Zum 50. Jahrestag der Tragödie fanden in den USA und in Kanada Konferenzen statt. Es erschien ein Dokumentarfilm zu diesem Thema. In Edmonton, Vinnipeg, London und Melbourne wurden Denkmäler für die "Golodomor"-Opfer errichtet. Diese Kampagne wurde von den Medien aktiv mitgetragen.

Gerade in jenen Jahren bezeichnete Ronald Reagan die Sowjetunion als ein "Imperium des Bösen": Die ukrainische Emigration ist zu einem Nährboden für die "Golodomor"-Konzeption geworden. 1984 bildete der US-Kongress eine Sonderkommission, die "die Ursachen der von der Sowjetführung inspirierten Hungersnot 1932 und 1933 in der Ukraine" untersuchen sollte. In einem 1988 veröffentlichen Schlussbericht der Kommission war von einem "künstlichen Charakter" der Hungersnot die Rede. Die Hungersnot selbst wurde als "Völkermordsakt" gegen das ukrainische Volk bezeichnet.

Während der Perestroika-Zeit drang diese Konzeption in die Ukraine ein. Überall begannen Kampagnen zur Verewigung der "Völkermord-Opfer".

Heutzutage wird hartnäckig versucht, "Golodomor" zu einem Teil der Weltanschauung der ukrainischen Bürger zu machen. Darum "kümmert sich" der ukrainische Staat, der dieses Ereignis offiziell als einen Eckstein der nationalen und der staatlichen Ideologie anerkannt hat. Das Startsignal für diese Kampagne gab der ehemalige ukrainische Präsident Leonid Kutschma, der vom ukrainischen Parlament unterstützt wurde. In einem Appell des Parlaments vom 14. Mai 2003 wurde "Golodomor" als ein "Terrorakt" und als eine "teuflische Aktion des Stalin-Regimes" bezeichnet. Wie der jetzige ukrainische Staatschef, Viktor Juschtschenko, betonte, besteht eine Aufgabe der Politiker seiner Generation darin, "das historische Gedächtnis zu wahren und alles zu tun, damit die ganze Welt die Hungersnot von 1932 und 1933 als Völkermord anerkennt".

Diese Aufrufe finden in Kanada, den USA, Georgien, Polen und einigen anderen Ländern ihren Widerhall. Bei weitem nicht alle sind aber bereit, die Hungersnot von 1932 und 1933 mit einer "Völkermordspolitik" gleichzusetzen. Mit keinem Wort wird sie auch in der "Gemeinsamen Erklärung" der UNO-Vollversammlung vom 10. November 2003 erwähnt. Bezeichnenderweise gaben führende westliche Historiker die Konzeption eines "Aushungerns als Völkermordsaktion" auf, weil sie keiner ernsthaften wissenschaftlichen Kritik standhält. Zu diesen Historikern zählt auch Robert Conquest, der seinerzeit zu den wichtigsten Inspiratoren der Konzeption gehört hatte. Vorerst gehen also die Hoffnungen der ukrainischen Seite auf eine offizielle Anerkennung ihrer Ansprüche nicht in Erfüllung.

Zu welchem Zweck wird aber dieser Rummel um ein Ereignis betrieben, der mehrere Jahrzehnte zurück liegt? Erstens: um den "Feind" als ein "absolutes Übel" zu definieren, das eine verhängnisvolle Rolle in der ukrainischen Geschickte gespielt hat. Damit soll ihm ein Schuldgefühl eingeflößt werden. Er muss eine moralische und materielle Verantwortung dafür tragen. Nicht zufällig wird dieses Ereignis von ukrainischen Spitzenpolitikern als "ukrainischer Holocaust" bezeichnet. Damit wird die UdSSR dem "Dritten Reich" gleichgesetzt.

Das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche, Kardinal Lubomir Gusar, stellte fest: "Die Erinnerung an Golodomor ist ein die Nation prägendes Element." Altpräsident Kutschma betonte: "Die Konsolidierungsprozesse in der ukrainischen Nation sind noch längst nicht abgeschlossen. Die Ukraine wurde geschaffen, nun müssen die Ukrainer geschaffen werden." Das bedeutet, einen speziellen moralisch-psychologischen Typ der Gesellschaft zu bilden und den Gedanken durchzusetzen, dass die Ukrainer und die Russen völlig unterschiedliche und einander fremde Völker sind. Alles, wovon mehrere Generationen der Ukrainer gelebt haben, sei falsch und ein "schwarzes Loch". Ins Bewusstsein der jungen Bevölkerung soll die Vergangenheit als eine "Ära der kolonialen Unterjochung" und der Vernichtung des Volkes eingetrichtert werden. Das beste Beispiel dafür sei eben "Golodomor".

Was geschah aber in Wirklichkeit? Gab es den Völkermord an den Ukrainern wirklich? In den Jahren 1932 und 1933 hatte die UdSSR in der Tat eine schreckliche Hungersnot durchmachen müssen. Dies war eine Folge der Kollektivierungspolitik. Die forcierte Entwicklung des neuen, kollektiven Typs der Wirtschaftsführung, der mit einer Enteignung von Bauern einherging, führte zu einem Aufschwung der Unzufriedenheit auf dem Lande. Auch die Verfolgung der Kirche spielte dabei eine gewisse Rolle. Dieses Bild war aber im ganzen Land zu beobachten. Der stärkste Widerstand wurde an den südrussischen Flüssen Don und Kuban geleistet, in denen die Kollektivierungspolitik lange vor der Ukraine begonnen hatte. Radikale, dazu noch gewaltsame Schritte zur Änderung der Wirtschaftsform führen anfangs unbedingt zu einer Rezession. Die Macht weigerte sich aber, die objektive Natürlichkeit dieser Entwicklung anzuerkennen. Um so stärker wurde zugleich der Wunsch, die Bauern für die Verweigerung der Arbeit in den Kolchosen zu bestrafen.

All das führte zu äußerst schweren Folgen. "Engpässe" in der Lebensmittelversorgung begannen bereits 1931. Die Bolschewiki weigerten sich jedoch, ihre Politik auf dem Lande zu ändern. Der Plan für 1932 sah für die Ukraine die Ablieferung von rund 400 Millionen Pud Getreide (ein Pud = 16 kg) vor, dabei konnten lediglich 261 Millionen Pud eingebracht werden. Um den Plan zu erfüllen, wurden Durchsuchungen, Strafen und sonstige Repressalien beschlossen. Als Folge begann bereits im Oktober in der Ukraine eine Hungersnot, die bis Ende 1933 herrschte.

In den beiden Hungerjahren starben in der Ukraine 2,9 bis 3,5 Millionen Menschen. Dies war aber keine Völkermordpolitik. Laut der Standesamtsstatistik für 1933 entsprach die Sterblichkeit in den Städten den Normalwerten. Auf dem Lande war sie aber übermäßig hoch. Dabei kamen Vertreter verschiedener Völkerschaften ums Leben. Die Sterblichkeit auf dem Lande war auf dem gesamten UdSSR-Territorium höher als in den Städten. Entscheidend für den Tod war also nicht die Nationalität, sondern der Ort, in dem die jeweiligen Menschen lebten.

Der Bedarf an Brot spitzte sich angesichts einer schlagartigen Zunahme der Stadtbevölkerung zu. In den Jahren 1924 bis 1932 vergrößerte sich die städtische Bevölkerung in der UdSSR auf 12,4 Millionen Einwohner. In der Ukraine stieg sie allein 1931 um 4,1 Millionen an, hauptsächlich durch ukrainische Bauern. Niemand hat aber diese Millionen mit einer Aushungerungspolitik beseitigen wollen, obwohl das viel einfacher zu machen gewesen wäre: Im Unterschied zu einem Dorfbewohner hängt der Stadteinwohner voll und ganz davon ab, was er in seinem Lebensmittelgeschäft kaufen kann.

Die geografischen Dimensionen der Hungersnot zeugen davon, dass das Bauerntum als solches, unabhängig von der Nationalität, zum Objekt dieser Politik wurde. Die Tragödie erfasste die führenden Getreideregionen der UdSSR: Neben der Ukraine waren das der Mittel- und der Unterlauf der Wolga, der Nordkaukasus, das zentrale Schwarzerdegebiet, die Uralregion, ein Teil Sibiriens und Kasachstan. Die Einwohnerzahl dieser Regionen belief sich insgesamt auf rund 50 Millionen. Landesweit starben sechs bis sieben Millionen Menschen an Hunger. Dieser harten Prüfung wurden also alle Völker des Landes unterzogen.

Die Verfechter der "Völkermord"-Konzeption behaupten, die Hungersnot sei geplant gewesen, um den "nationalen Geist" des ukrainischen Bauerntums zu brechen und damit auch die Basis der ukrainischen "Befreiungsbewegung" zu zerstören. Selbst in den Jahren des Bürgerkrieges folgte aber das Bauerntum den Nationalisten.

Hat es also "Golodomor" gegeben oder nicht? Für die "Völkermord"-Konzeption gibt es keine ernsthaften Argumente. Dies war eine tragische Seite in der UdSSR-Geschichte. Es ist aber längst an der Zeit, diese Seite umzublättern. Viele in der Ukraine wollen das aber nicht tun, weil danach der heutige Tag und die Resultate der eigenen Politik ins Blickfeld kommen würden.

Diese Resultate sehen aber wie folgt aus: In den Jahren 1991 bis 2003 hat sich die ukrainische Bevölkerung um mehr als 4,3 Millionen Einwohner verringert: 3,6 Millionen starben, mehr als 1,2 Millionen verließen ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit. Nur 500 000 siedelten in dieser Zeit in die Ukraine um. Bis Ende 2006 muss die Rückläufigkeit der Bevölkerungszahl auf mehr als 5,4 Millionen gestiegen sein. Und dies geschah ohne "Golodomor" und trotz des Wegfalls des "Moskauer Imperialismus". Diese Zahlen liefern Grund, über dieses Problem gründlicher nachzudenken. [ ria novosti ]

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