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15-05-2007 Ukraine
Die Ukraine ist keine „Ironie der Geschichte"
[von Gennadi Bordjugow] Früher oder später wird sich natürlich eine Lösung der Krise in der Ukraine finden.

Doch hinter den trivialen Kombinationen künftiger Blöcke und Megablöcke, den Märschen von zwei oder drei Parteikolonnen der rivalisierenden Seiten, dem unvermeidlichen Rückgriff auf die Frage des Machtaufbaus (der heutige wird nach wie vor Erschütterungen in sich bergen) steckt dauernd die Frage nach dem Schicksal der Ukraine als Staat.


Es ist nicht auszuschließen, dass der Wunsch, um jeden Preis zu siegen, auch dazu bewegen könnte, die Karte der Spaltung des Landes auszuspielen.

Das vergangene Jahrhundert hob zahlreiche neue Nationalstaaten aus der Wiege, obwohl solche Staaten für die damaligen Anhänger der Globalisierung, pardon, der Weltrevolution, eine Schimäre, eine Erfindung, ein Trugbild waren. Im 21. Jahrhundert wiederholt sich die Geschichte, selbst wenn jemand glaubt, dass die Welt durch Finanzkapital regiert wird, und wenn einige Völker nicht einmal eigenständige Banken haben. Die Idee der Nationalstaaten im postsowjetischen Raum wurde vor allem von der Intelligenz aufgegriffen, die bestrebt war, in diesen Staaten eine Elite zu bilden und sich von der russischen (egal, ob zaristischen oder sowjetischen) Staatlichkeit möglichst zu distanzieren.

Übrigens sind für andere Bevölkerungsschichten, die zuerst diesen Eliten nacheiferten, die Art und Weise der Lösung der Eigentumsfragen und die Sozialpolitik von erstrangiger Bedeutung. Und in einem bestimmten Moment kann der Nationalismus für die Mehrheit des Volkes zum Feind werden. Wenn die eigenen Parteien und Abgeordneten sich als unfähig zeigen, lebenswichtige Fragen zu lösen, könnte man den Westen oder Russland anrufen und eines der vorgeschlagenen Modelle auswählen, je nach dem, welche Bedingungen sie anbieten und wer dabei das Nationalgefühl nicht zu schmerzhaft berührt. Es ist verständlich, dass jede Schmälerung der Interessen den Hass der Nationalisten hervorruft und sät sowie zudem die Entwicklung von negativen Seiten der nationalistischen Ideologie stimuliert - siehe den Slogan "Die Ukraine für die Ukrainer".

Der Hauptwiderspruch der politischen Situation in der Ukraine liegt meiner Ansicht nach gerade darin, welches Modell für die weitere Bewegung in der Geschichte - das westliche oder das eigene - gewählt wird (Russland und Weißrussland haben, wie es scheint, ihre Wahl getroffen). Das Finden eines eigenen Modells ist der Haupttest für das neue Staatswesen. Eine eindeutige Orientierung auf den Westen oder auf Russland droht mit neuen Konflikten bis hin zur Spaltung des Landes.

Einige Historiker wissen ausgezeichnet, dass der Akt von 1654 eine Allianz von zwei unabhängigen Partnern war, beschränkt im äußersten Fall höchstens zeitlich durch das Moskauer Protektorat, aber in keinem Fall durch die Eingliederung der Ukraine in den Moskauer Staat. Eindeutig wird heute der Fakt aufgefasst, dass die Provisorische Regierung Russlands die Zentrale Rada anerkannte, die am 10. Juni 1917 die Autonomie der Ukraine ausrief. Der betreffende Erlass ("Erstes Universal") enthielt Berufungen auf die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Staatsakte des Hetmantums, welches als das "goldene Zeitalter" des ukrainischen Staatswesens betrachtet wurde.

Die gegenwärtige Krise erinnert wieder einmal auch an die klassische Teilung der Ukraine: in den Westen mit den ehemaligen polnischen Gebieten; in den Osten, mit dem Russland verbunden ist; und schließlich in den eroberten Süden mit seiner bunten ethnischen Zusammensetzung. Die geographischen, ökonomischen, historischen und nationalen Unterschiede bestimmen auch heute in hohem Maße die unterschiedliche politische Orientierung der Landesteile. Doch darf man nicht vergessen, dass all diese Teile bereits seit Beginn des vorigen Jahrhunderts zusammengehalten wurden durch die Überzahl der ukrainischen Bauernfamilie und ihrer Institutionen, die in keinen Gemeinden eingebunden waren. Die Bauern haben ihre eigenständige Kultur bewahrt, sie bewahrten die ukrainische Sprache, während die Elite zum Russisch überging, das auch zur Sprache der staatlichen Führung wurde. Alle Regionen erlebten gleichermaßen die zaristische Modernisierung und die Industrialisierung "von oben", die riesigen sozialen Veränderungen im Imperium, die Revolutionen von 1905 und 1917, die Kriege. Und selbst wenn die ukrainischen Regionen in verschiedenem Maße in diese Ereignisse eingebunden waren, selbst wenn zwischen ihnen nach wie vor tiefe Unterschiede bestehen, kann die Ukraine als Einheitsstaat funktionieren. Die Alternative dazu ist nicht die Föderalisierung des Landes, von der russische Politologen so viel reden und mit der allein sie die Demokratisierung verbinden (als ob es sie in der Ukraine nicht gäbe), sondern die Spaltung.

Die Lösung der ukrainischen Frage, die Erhaltung der Ukraine liegt in der gegenseitigen östlich-westlichen und westlich-östlichen Assimilation der Regionen. Einer Assimilation durch Wirtschaftsbeziehungen, Arbeitsmigration und Zweisprachigkeit. Zugleich aber im Verzicht auf die Ukrainisierung der Nichtukrainer, in der Überwindung der veralteten Idee einer Großmacht, die sich auf das unitäre Entwicklungsmodell und die Ideologie der Petljura- und der Bandera-Bewegung stützt. Außerdem darin, es einer der Seiten nicht zu erlauben, dass sie die Vergangenheit vergisst oder sie "lebendigen Leibes präpariert", wie das in einzelnen Gebieten der Ukraine geschehen ist, welche die ukrainische SS-Division rehabilitiert haben.

Wenn alles anders verläuft, muss Russland dazu bereit sein, es mit zwei ukrainischen Staaten zu tun zu haben. Aber auch in diesem Fall werden sie das Klischee von der "Ironie der Geschichte" widerlegen, da ihre Unabhängigkeit nicht Sache des Zufalls sein wird. Diese Unabhängigkeit wird, da durch Leiden erkauft, ein festes Fundament haben. [ RIA Novosti ]

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