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26-11-2004 Ukraine
Hart bleiben am Wochenende
von Nina Körner

Revolution praktisch: im Ukrainischen Haus, dem früheren Leninmuseum, finden die Demonstranten Unterkunft, Wärme und Verpflegung

„Alles gelingt uns in letzter Zeit. Wir haben den Grandprix d’Eurovision gewonnen und auch im Fussball stehen wir in der Champions-League und für die Weltmeisterschaft gut da.


Jetzt müssen wir nur noch diese Kleinigkeit mit dem Präsidenten hinkriegen, aber das klappt auch!“ scherzt Jurji, Vertriebsmanager aus Odessa. Schon den dritten Abend in Folge steht er vor der Bühne auf dem zentralen Maidan Nesaleschnosti, mit ihm hunderttausende Demonstranten.
Die größte Gefahr in Kiew scheint in diesen Tagen nicht die angeblich angeforderte „brüderliche Hilfe“ aus Moskau zu sein. Sich auf dem spiegelglatten und menschenüberlaufenen Prachtboulevard Kreschatyk die Beine zu brechen ist wahrscheinlicher.

„Die georgische Revolution hat drei Wochen gedauert, aber dort war es nicht so kalt.“ Artiom, Übersetzer in Kiew, reibt die Hände gegeneinander. Nur drei Länder gratulierten dem Regierungskandidaten Viktor Janukowitsch zu seinem angeblichen Sieg der Präsidentenwahl: Russland, Weißrussland und Usbekistan. Der Rest der Welt, vor allem EU und USA, hat seine Ablehnung der bisherigen Ergebnisse deutlich gemacht. Die Ukraine war Thema beim Russland-Gipfel der EU in Den Haag. Lech Walesa sprach auf der Bühne im Kiewer Zentrum, so auch Bundestagsabgeordnete Caludia Nolte. Saakaschwili, der georgische Präsident, ist stets im Herzen mit den demonstrierenden Ukrainern. Der amtierende polnische Präsident Kwasniewski und der EU-Außenbeauftragte Javier Solana sind angereist. Nachdem die lange vernachlässigte Ukraine nun weltweite Aufmerksamkeit genießt, gilt es für Opposition und Demonstranten am Wochenende hart zu bleiben in politischen Forderungen und gegen die Temperaturen auf der Straße. Bis zum kommenden Montag soll der Oberste Gerichtshof die Vorwürfe der Opposition zur Wahlfälschung prüfen.

Doch abgesehen von Verhandlungen auf hoher Ebene, wie sieht Revolution praktisch aus? Hunderttausende Menschen belasten die Infrastruktur der Innenstadt. Menschen kommen von außerhalb. Sie wollen demonstrieren, aber sie müssen auch essen, schlafen, sich wärmen und unterhalten werden.
Im Ukrainischen Haus am östlichen Ende des Kreschatyk wird die Revolution praktisch aufrecht erhalten. Die Luft ist nicht mehr frisch im kreisförmigen Foyer, in dem Leute zwischen Bergen von Kleiderspenden, Decken oder Stapeln von Filzstiefeln erschöpft auf Stühlen sitzen. Mit ukrainische Volksweisen stärkt ein älteres Männerensemble die Stimmung. Der provisorisch eingerichtete „Stab“ verteilt Adressen. Willige Kiewer beherbergen die Angereisten. Protestieren und Unterstützen halten in diesen Tagen viele Ukrainer für ihre patriotische Pflicht. „ Wenn ich jetzt nichts tue, darf ich mich nie mehr darüber beschweren, dass sich in der Ukraine nichts ändert.“, so Programmierer Nikolai. Vor der Kantine im ersten Stock stehen die Demonstranten geduldig Schlange. Menschen lagern hinter Topfpflanzen und provisorisch aufgestellten Trennwänden auf Isomatten und Kleiderbündeln. Am „Medpunkt“ bietet ärztliche Hilfe. Umlagert wie Essensausgabe, sanitäre Anlagen und Kleiderverteilung ist jedoch der „Aufladepunkt“: Handys geben vielleicht auf, doch ihre Besitzer nicht!
Kiewer Tagebuch


Demonstrationen in Kiew – Seit Sonntag stehen Tausende von Demonstranten in Kiew auf der Strasse um gegen das Wahlergebnis zu protestieren.

In einer Art Tagebuch hält Nina Körner die Stimmung auf der Strasse fest


Hart bleiben am Wochenende …

Wilde Tänze, aber friedlich …

Mit den Schneeflocken tanzen ...

Eine orangene Revolution? …
Dann heißt es: Aufladen im Ukrainischen Haus, denn ohne Handy keine Revolution!

Ist die Batterie voll, geht es wieder zur Bühne auf den 200 m entfernten Maidan Nesaleschnosti Der Oppositionskandidat Viktor Juschtschenko tritt täglich dort auf, während sein Gegner Janukowitsch sich äußerst bedeckt hält. Oppositionsvertreterin Julia Timoschenko ruft zur Blockade von Regierungsgebäuden auf, ausländische Politiker verkünden ihre Symphatie und Unterstützung. Bedeutende ukrainische Stars geben sich das Mikrofon in die Hand. Nicht für den Oppositionskandidaten seien die vielen Leute ins Zentrum von Kiew gekommen, so kursiert ein Witz der Janukowitsch-Fraktion, sie seien alle nur zum Konzert gegangen! Wenn es aber beim Blockieren, Demonstrieren, Skandieren wieder zu kalt wird oder die Batterie aufgibt, dann schnell zurück ins Ukrainische Haus.


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