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25-11-2004 Ukraine
Wilde Tänze, aber friedlich
von Nina Körner

In der Ukraine ist Regierungskandidat im Präsidentenamt bestätigt worden. Doch das entmutigt die demonstrierenden Anhänger der Opposition ebenso wenig wie die Kälte.

„Diki tanzi w Verhowna Rade“ singt Roslana und das Publikum wogt.


Der Hit „Wilde Tänze“ hatte Roslana den Sieg beim Grandprix d’ Eurovision beschert und soll jetzt auch das Parlament aufmischen. Während des Wahlkampfes hatte die wohl populärste ukrainische Sängerin sich geweigert, für einen der beiden Präsidentschaftskandidaten das Mikrofon zu ergreifen.
Doch nun fegt sie für den Oppositionskandidaten Viktor Juschtschenko über die zentrale Bühne auf dem Platz der Unabhängigkeit, obwohl sie in einen Hungerstreik eingetreten ist. Sie gewonnen zu haben ist für Juschtschenko, der sich auch mit Vitali Klitschko zeigte, ein großer Clou in Public Relations.

Am dritten Tag der Demonstrationen nach der Stichwahl um das ukrainische Präsidentenamt fehlt nicht viel, um die Proteste wie eine große Party aussehen zu lassen. Dabei sind die Demonstranten ihrem Ziel nicht viel näher gekommen. Sie hatten auf dem verschneiten Prachtboulevard Kreschatyk ihre Zelte aufgestellt, um gegen die offizielle Auswertung der Stimmen zu protestieren. Diese hatte den Favoriten der Regierung, Viktor Janukowitsch, zum Sieger erklärt. An diesem Nachmittag wurde der Regierungskandidat von der Zentralen Wahlkommission nochmals im Amt bestätigt.

Kiewer Tagebuch


Demonstrationen in Kiew – Seit Sonntag stehen Tausende von Demonstranten in Kiew auf der Strasse um gegen das Wahlergebnis zu protestieren.

In einer Art Tagebuch hält Nina Körner die Stimmung auf der Strasse fest


Wilde Tänze, aber friedlich

Mit den Schneeflocken tanzen

Eine orangene Revolution?

Doch das Volk, so warnt es eintönig aus dem Ausland, darf nicht ignoriert werden. Hunderttausende harren im Herzen Kiews trotz Kälte in orangefarbenen Plastikcapes aus, unterstützt von den Kiewern, die Plastiktüten mit Lebensmitteln und warmer Kleidung in die Zeltstadt schleppen. In bestimmten Abständen jubelt es dort, wenn wieder eine ukrainische Stadt ihre Sympathie für den Oppositionskandidaten ausgesprochen hat. Busse bringen Sympathisanten aus anderen Orten in die Hauptstadt. „Der beste Beweis für den Volkswillen ist,“ sagt aufgeregt ein Vertriebsspezialist aus Odessa „dass alle freiwillig hier sind und frieren! Niemand wurde dafür bezahlt!“

Die ausländische Presse sah die Lage sich dramatisch zuspitzen, als Demonstranten am Dienstagabend zur abgeriegelten Präsidialverwaltung zogen. Auch wurden Botschafter von EU-Staaten bereits in die Außenstelle der EU einberufen, um eine gemeinsame Haltung und ein gemeinsames Vorgehen zu besprechen. Würde die Regierung den Weg einer Diktatur wie Weißrussland wählen, könnte das ein Einstellen der Visaerteilung zur Folge haben. Auf einer Pressekonferenz in der deutschen Botschaft überbrachte Bundestagsmitglied Claudia Nolte daher die Bedenken von deutschen Politikern.

Doch was soll geschehen? Ob eine erneute Zählung der Stimmen technisch überhaupt möglich ist, bleibt unklar. Die Regierung hat daher Neuwahlen gefordert und zum Boykott aufgerufen. Statt zur Arbeit, sollen die Menschen auf die Straße gehen. In vielen Städten tun sie dies bereits, doch ein Riss teilt das Land. Die Oppositionspartei „Unsere Ukraine“ stammt aus dem ärmeren aber umso stärker patriotischen Westen der Ukraine. Diesen Patriotismus, will sich der industrialisierte Osten, der sich traditionell an Russland orientiert, nicht aufzwingen lassen. Erneut wird diskutiert, ob die Ukraine nicht eine Föderation sein sollte.

Obwohl Pessimisten bereits einen Bürgerkrieg vorhersehen wollen, verliefen die Proteste bisher friedlich. Den Demonstranten scheint klar, dass ein Präzedenzfall der Regierung den nötigen Vorwand gäbe gegen die Opposition einzugreifen. Keine Gewalt gegenüber der Polizei oder auch der Armee, fordern die Oppositionsführer. Alle, so sagte der Kiewer Bürgermeister, sind Soldaten im Kampf gegen eine kriminelle Ukraine. Er spielte damit auf den kriminellen Hintergrund des Regierungskandidaten an. Der war als jugendliches Mitglied einer Gang zweimal im Gefängnis.

Seit drei Tagen herrscht ein thematischer Ausnahmezustand in Kiew. Beim Brotkauf, beim Wasserholen, in der Metro – der Name des Oppositionskandidaten ist in aller Munde. An der öffentlichen Trinkwasserstelle sagt Viktor, Professor für Kunst und Zeichnen: „Alles wird gut, ich sage es Ihnen. Die Jungen lehren es uns Alten. Und was wollen die schon machen? Schießen? Das wäre doch etwas altmodisch. Alles wird gut!“


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