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24-11-2004 Ukraine
Mit den Schneeflocken tanzen
Von Nina Körner

Die Anwesenheit von zwei Millionen Protestierenden in der Hauptstadt Kiew zeigt: es kann sich etwas ändern. Die Ukraine ist von sich selbst überrascht.

Am vergangenen Abend tanzten nicht nur die Schneeflocken auf dem Kreschatyk, dem großen Boulevard im Herzen Kiews.


Männer in orangenen Regencapes und fröhlichen Gesichtern umfassten die Taillen von Frauen mit blau-gelben Halstüchern und drehten sich zu den Takten des Livekonzerts von der großen Bühne auf dem Platz der Unabhängigkeit, Maidan Nesaleschnosti. Am zweiten Tag nach der Stichwahl um das Präsidentenamt sind die protestierenden Anhänger der Opposition in einer euphorischen Stimmung. Noch ist allerdings wenig mehr klar, als dass ihre Anwesenheit etwas bewirkt hat und die Demonstrationen weitergehen.

Am Morgen sollte das ukrainische Parlament zu einer Sondersitzung zusammentreten, um über ein Misstrauensvotum gegenüber der Zentralen Wahlkommission zu entscheiden. Der Kandidat der Opposition, Viktor Juschtschenko, hatte dieser massiven Wahlbetrug vorgeworfen und eine Überprüfung der Wahlergebnisse gefordert. Das Parlament konnte die Sitzung einberufen, aber keine Entscheidung verabschieden, da sich keine Mehrheiten fanden und nicht genug Abgeordnete anwesend waren. Indessen strömten zwei Millionen Menschen durch die Straßen Kiews. Sie sammelten sich um die zeltenden Demonstranten auf dem Kreschatyk, sie zogen vor das Parlament, sie füllten den angrenzenden Marijnski Park. Orangefarbene Fähnchen, Bänder, Schals, sogar Bauhelme und Skianzüge - wohin man auch blickte sah man die Farbe der Oppositionspartei „Unsere Ukraine“. In welche Richtung man hörte, überall wurde ein Name wieder und wieder skandiert. Doch das Parlament entschied nicht, die Wahlkommission schwieg, wie auch der amtierende Präsident Kutschma. Eine Schach-Situation. Da entschied sich Oppositionskandidat Juschtschenko zu einem Zug mit Symbolcharakter: am Nachmittag schwor er auf der großen Bühne seine präsidialen Absichten gegenüber dem Vaterland auf die Bibel. Nach Kiew, Lviv und Ivano Frankovsk erklärten nun weitere Städte ihre Loyalität für ihn als Präsidenten.

Nicht wenige Anhänger betrachten diesen Zug mit Skepsis. Sich selbst zum Präsidenten zu erklären, das entspräche nicht der Konstitution. Juschtschenko, der seinen Wahlkampf gesetzesgemäß geführt habe, leiste sich damit einen Fehler. Er gebe der Regierung Grund, die Armee auf den Plan zu rufen.
Es gibt Bedenken, dass die Massen in der Hauptstadt zum unkalkulierbaren Risiko werden. Die Opposition wähle mit diesem Weg eine sehr aggressive und nicht beherrschbare Methode, um an die Macht zu kommen, meint Wowa, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter in Kiew.

„Ja, es ist doch kein Spiel mehr! Es ist etwas Ernsthaftes!“ sagt Nikolai, Programmierer aus Odessa, der zynisch prophezeit hatte, seine Landsleute würden bei der Kälte schnell aufgeben. Jurji, ebenfalls Odessit, meint: „Am wichtigsten ist nicht der Kandidat. Wichtig ist, dass die Leute etwas bewirkt haben. Es sind ihre Wahlen. Sie wollen nicht von oben bestimmt werden!“

Dass hier eine Revolution begonnen hat, daran zweifelt wohl keiner der Demonstranten. Und Revolutionieren ist nicht leicht, besonders wenn es kalt ist: stehen, warten, Schilder halten, laufen. Dabei kocht die Gerüchteküche: Kutschma ist in Moskau, auf der Einfallsstrasse von Shitomir sind Sandberge aufgeschüttet, in Charkow legten sich Regierungsanhänger vor die Busse mit Demonstranten, um sie an der Abfahrt zu hindern. Für das Stadtzentrum ist die Menschenmenge ein Schock. Die öffentlichen Toiletten überfüllt, Putzkolonnen wegen des Abfalls auf den Strassen im Dauereinsatz. Die Metrostationen pumpen Menschenströme in alle Richtungen. Besonnen gingen die meisten Protestler um 23:00 Uhr nach Hause. Vielleicht werden sie einen weiteren Tag Urlaub nehmen, um am Morgen weiter zu demonstrieren. Dabei darf man das Handy nicht vergessen. Es ist, so sieht man, das wichtigste Utensil der Revolutionäre.


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