RIA: Wie bewerten Sie die heutige Situation in der Tschetschenischen Republik und welche Stimmungen überwiegen heute unter den Tschetschenen?
Kadyrow: Es sei daran erinnert, dass am 23. März in Tschetschenien ein Referendum über die Verfassung stattgefunden hat.
Durch die Unterstützung des Entwurfs der Verfassung sprach sich das tschetschenische Volk für Frieden, Einvernehmen und territoriale Integrität Russlands aus. Die Tschetschenen sind der Kriege, der Entbehrungen und der Gewalt überdrüssig, die auf sie auf Schritt und Tritt lauern. Wir wollen nur eines: friedliches Leben, Ordung, Stabilität sowie Möglichkeit, eine Beschäftigung zu haben und Kinder zu erziehen. Eben einen solchen Weg geht heute die Republik. Ich bin sicher, dass eben auf diesem Weg eine würdige Zukunft auf uns wartet.
RIA: Bekanntlich hören die Terrorakte in Tschetschenien nicht auf. Dabei geht die Welle des Terrorismus über die Grenzen der Republik hinaus. In diesem Sommer rafften Detonationen das Leben von schuldlosen Menschen in Moskau dahin.
Kadyrow: Es bestehen wirklich Kräfte, die die Wiedergeburt der Republik auf jede Art und Weise stören. Eben diese Kräfte stehen hinter den Terrorakten. Man kann sagen, dass militärische Handlungen in Tschetschenien zu Ende sind. Aber einzelne ungesetzliche bewaffnete Formationen, die sich dem Arm der Gerechtigkeit entziehen, beschießen weiter Blockposten, wenn auch nicht so intensiv wie früher, legen Hinterhalte und entführen Menschen. In letzter Zeit zieht man sogar Frauen an terroristische Diversionen heran. Die Terrorakte in Moskau, über die Sie sagten, waren eben so verübt worden. Aber solche Handlungen entsprechen nicht den Traditionen des tschetschenischen Volkes. Der Haupteinfluss geht hier von außen aus.
RIA: Was meinen Sie damit?
Kadyrow: Die ausländischen extremistischen Organisationen versuchen verstärkt, Tschetschenien die sogenannte palästinensische Variante aufzuzwingen. Aber in Tschetschenien wird sie nicht durchkommen. Die meisten Tschetschenen meinen, dass der Terrorismus ein absolutes Übel ist, das entschlossen ausgerottet werden muss. Am schrecklichsten ist dabei, dass schuldlose Menschen - Frauen, alte Menschen und Kinder - zu Opfern werden.
RIA: Seit über drei Jahren stehen Sie an der Spitze der Administration Tschetscheniens. Könnten Sie nicht in einigen wenigen Worten darüber sagen, was in dieser Zeit getan wurde?
Kadyrow: Vor drei Jahren stand vor der neuen Administration der Republik eine Hauptaufgabe: das Volk vom Abgrund wegzubringen und Tschetschenien vor einem ökonomischen Zusammenbruch, einem Bürgerkrieg und einem Chaos zu retten. Heute kann ich sagen: Es gelang uns, die Republik vor dem Zerfall und der Anarchie, vor der Spaltung in der Gesellschaft sowie im Grunde genommen vor der zwischennationalen und bürgerlichen Konfrontation zurückzuhalten.
Die Administration der Republik begann mit der Organisation der Lebensversorgung der von ungesetzlichen bewaffneten Formationen befreiten Rayons und mit der notwendigen sozialen Hilfe für die Bevölkerung.
Zur nächsten Etappe wurde die Normalisierung der Lebensbedingungen aufgrund des Wiederaufbaus des Sozialbereiches und des Wirtschaftspotentials der Republik.
Heute arbeiten wir in dieser Richtung weiter. Es steht bevor, noch sehr viel zu tun.
RIA: Wie sehen Sie in allgemeinen Zügen den Weg zur Regelung von Problemen Tschetscheniens? Wer muss hier, wenn man so sagen kann, in der vorderen Linie stehen?
Kadyrow: Der Prozeß der Regelung der Situation in Tschetschenien und dessen Wiedergeburt ist eine Aufgabe, die vor allem die Tschetschenen selbst zu lösen haben. Auf uns wartet eine große und schwierige Arbeit, in der Republik Bedingungen für ein sicheres Leben zu gewährleisten, den Wohnraum, Objekte der Industrie und des Sozialbereiches beschleunigt wiederaufzubauen, die geistigmoralischen und kulturellen Traditionen unseres Volkes wiedererstehen zu lassen.
Die Verschlechterung der sozialökonomischen Situation und die zügellose Kriminalität führten zu einer massenhaften Abwanderung von Zehntausenden hochqualifizierter Spezialisten, vor allem der russischsprachigen, aus Tschetschenien. Das sind ernsthafte Verluste, die bis heute nicht wettgemacht sind. In diesem Zusammenhang muss die Regierung der Tschetschenischen Republik ein komplexmäßiges Programm zur Schaffung von gebührenden Bedingungen für die Rückkehr der russischsprachigen Bevölkerung in die Republik ausarbeiten und annehmen.
RIA: Wie sehen Sie die politische Zukunft Tschetscheniens?
Kadyrow: Ich möchte betonen, dass der politische Kurs des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, große Hoffnungen einflößt, ein Kurs, der die Gewährung der breitesten Autonomie an Tschetschenien im Bestand Russlands voraussetzt.
Ich möchte auch etwas anderes unterstreichen: Unsere nationalen Interessen sind zukunftsorientiert. Sie beschränken sich nicht auf das durchaus verständliche Streben, die Wunden des Krieges möglichst schnell zu heilen. Bei der ganzen Wichtigkeit ist das lediglich die Aufgabe der ersten Etappe der Wiedergeburt.
Deshalb muß man, wenn man über die politische Zukunft Tschetscheniens spricht, unbedingt in Betracht ziehen, dass unsere nationalen Interessen in der Erkenntnis des Strebens bestehen, eine der ökonomisch und kulturell besonders entwickelten Regionen Russlands zu Bedingungen einer breiten Atonomomie zu sein.
RIA: Am 5. Oktober sollen die Wahlen des Präsidenten Tschetscheniens stattfinden, an denen Sie sich als einer der Kandidaten beteiligen werden. Womit gehen Sie zu den Wahlen?
Kadyrow: Das höchste Ziel meiner Politik ist das Wohlergehen der Einwohner der Republik und die grundlegende Verbesserung der Lebensqualität jedes ihrer Bürger. Vielleicht werde ich den Ereignissen vorgreifen, aber ich werde immerhin das strategische Ziel formulieren, die Republik zivilisiert und hochentwickelt zu machen. Dafür haben wir die notwendigen materiellen und organisatorischen Ressourcen, den Wunsch und Willen.
Aber zunächst muss man das Minimumprogramm erfüllen. Ich erachte es für notwendig, bis zum Ende 2003 Bedingungen für die Gewährleistung eines sicheren Lebens der Bevölkerung herbeizuführen, in der Republik die Gesetzlichkeit und die Rechtsordnung herzustellen, das Vertrauen von Bürgern zur Miliz, den Gerichts- und Staatsanwaltschaftsmitarbeitern zu festigen, ihre sozialen Probleme zu lösen, die Durchführung von unbegründeten „Säuberungen" und Festnahmen durch die föderalen Kräftestrukturen vollständig auszuschließen und an den Kontrolldurchlaßstellen gebührende Ordnung zu schaffen. Dann wird es uns leichter fallen, andere Probleme zu lösen: in der Republik eine freie Wirtschaftszone zu schaffen, den Sozialbereich wiederaufzubauen und Bedindungen für die Rückkehr der Zwangsumsiedler herbeizuführen.
RIA: Was wird nach den Wahlen kommen?
Kadyrow: Zum wichtigsten Ereignis wird die Unterzeichnung eines Vertrages über die Abgrenzung von Vollmachten zwischen der Tschetschenischen Republik und der Russischen Föderation werden.
Ich muss erläutern, wozu wir diesen Vertrag brauchen. Die Verfassung der Republik verankerte die demokratische Form unserer nationalen Staatlichkeit. Die Staatlichkeit allein ist für uns kein Selbstzweck. Die Staatlichkeit ist vor allem die Garantie der Sicherung der demokratischen Bedingungen und Mittel für die Lösung von tschetschenischen Problemen mit eigenen Kräften und mit eigener Verantwortung. Die Unterzeichnung des Vertrages mit Russland wird es ermöglichen, sich damit erfolgreicher zu befassen, und außerdem der Wiederholung tragischer Fehler einen Riegel vorschieben und den Weg zur Herstellung der führwahr föderativen Beziehungen eröffnen.
Und danach wird man die schon begonnenen Pläne fortsetzen müssen. Ich bin sicher, dass wir auf eine würdige Zukunft der Republik ernsthaft nicht rechnen können, wenn wir unserer Staatspolitik eine klar ausgeprägte soziale Ausrichtung nicht verleihen werden. Und die Früchte dieser sozialen Ausrichtung muss die Bevölkerung nicht „in lichter Zukunft", sondern bereits im Laufe der ersten Amtszeit des Präsidenten der Tschetschenischen Republik, das heißt, in den nächsten drei bis vier Jahren, empfinden.
RIA: Tschetschenien und Russland. Dieses Thema wird offenbar noch sehr lange die angespannteste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Könnten Sie Ihre Einstellung dazu in einigen Worten sagen?
Kadyrow: Keine einzige Republik und keine einzige Region Russlands haben das durchgelebt, was Tschetschenien durchgelebt hat. Aber es beginnt eine neue Periode unserer Geschichte, und der Erfolg dieser Periode wird, das muss man offen sagen, in enormem Maße auf der wirtschaftlichen Macht Russlands, seinem kolossalen geistigen, wissenschaftlichen und kulturellen Potential, seinem Ansehen in der Weltpolitik beruhen. Wir sind ein Teil Russlands, und das bedeutet, dass Tschetschenien über all jene Ressourcen verfügen kann, über die die Völker eines einheitlichen Staates verfügen. Es wäre ein historisches Verbrechen, ein tragischer Fehler und ein politischer Extremismus, nach eigenem Platz in der Welt zu suchen und auf den eigenen Platz in Russland zu verzichten.
Abschließend möchte ich sagen: Der Separatismus wird bekämpft, und nichts wird die Tschetschenische Republik stören, jenen hohen Platz einzunehmen, dessen sie würdig ist.
( RIA-„NOWOSTI"-INTERVIEW )
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