( MOSKAU ) Wer ist Achmat Kadyrow? Am vergangenen Sonntag wurde dieser Mensch zum Präsidenten der nordkaukasischen Republik Tschetschenien im Süden Russlands gewählt, in der sich seit mehr als zehn Jahren stürmische, blutige und für den Außenseiter mitunter absolut unverständliche Ereignisse vollziehen.
Diese Ereignisse werden mit solchen entgegengesetzten Begriffen bezeichnet wie „Separatismus" und „Bewegung für die staatliche Unabhängigkeit", „religiöser Fanatismus" und „islamische Wiedergeburt", „Terrorismus" und „nationaler Befreiungskampf".
Im Laufe aller drei Jahre nach seiner Ernennung zum amtierenden tschetschenischen Verwaltungschef durch Russlands Präsidenten Wladimir Putin war Kadyrow, festgebauter Mann in mittlerem Alter, der seine Schafsmütze niemals abnimmt und selbst im Kreml von seinen Leibwächtern umgeben ist, immer im Blickfeld, auf jeden Fall in Russland. Hier ist man bereits daran gewohnt, dass Kadyrow das immer noch separatistisch gesinnte Tschetschenien als integrierender Bestandteil Russlands bezeichnet und die ethnischen Russen aufruft, die in den letzten 15 Jahren die Republik verlassen haben, zurückzukehren.
Vor sieben bis acht Jahren war der damalige tschetschenische Mufti Achmat Kadyrow ein ganz anderer Mensch gewesen. 1995 erklärte er Russland den heiligen Krieg Dschichad und war einer der erfolgreichen tschetschenischen Feldkommandeure, die gegen die russischen Truppen kämpften. Kadyrow war unter jenen, die im Jahr 1996 den Sieg über Russland in dem so genannten „ersten Tschetschenien-Krieg" gefeiert hatten. Kadyrow erteilte sogar regelmäßig Konsultationen für den damaligen Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow und Tschetscheniens Vizepremier Schamil Bassajew.
Heute stehen diese Menschen an verschiedenen Seiten der Barrikade im blutigen und schonungslosen Gemengel.
Um zu verstehen, wer Kadyrow heute ist und was er als Präsident tun kann, sollen sein Lebenslauf wie auch geschichtliche Wurzeln der gegenwärtigen Tschetschenenrepublik unter die Lupe genommen werden. Der künftige Tschetschenenpräsident wurde im Jahr 1951 in der Verbannung in Kasachstan geboren, wo fast alle Tschetschenen, beinahe das gesamte Volk von Stalin vertrieben wurde, als die Tschetschenen während des Zweiten Weltkrieges mit den Deutschen sympathisiert hatten, die Territorien der UdSSR besetzten. Kadyrows Verwandte gehörten dem unter den Tschetschenen einflußreichen Stamm Benoi und waren äußerst religiös. Der Großvater unterrichtete im Laufe von 40 Jahren die Scharia, die Onkel waren islamische Wissenschaftler. „Ich lese den Koran ab fünf Jahren", erinnert sich Kadyrow an seine Kindheit.
In der usbekischen Medrese Mir-Arab in Buchara landete der künftige Präsident Tschetscheniens bereits als ein reifer Mann. Das war in den 80er Jahren, als Michail Gorbatschow in der damaligen UdSSR die Politik der Perestroika betrieben hatte. In Buchara lernte Kadyrow einen anderen Studenten der selben Medrese kennen - Rawil Gainutdin, den künftigen Scheich und Vorsitzenden des Rates der Muftis Russlands. Als im Juni 2000 Kadyrows Ernennung zum tschetschenischen Verwaltungschef bekannt gegeben wurde, sagte Gainutdin ihm jegliche Hilfe des Rates der Muftis zu. Zugleich warnte Gainutdin, dass Kadyrow mit der Annahme des Angebots des Kremls „das eigene Leben und den Wohlstand seiner Familie riskiert". Der globale islamische Radikalismus und der mit ihm aufs engste verbundene internationale Terrorismus sind die beiden wichtigsten Feinde Kadyrows, woran er ständig erinnert.
Die Feindseligkeit gegenüber dem Extremismus zwang Kadyrow im Jahr 1998, eine scharfe Kritik an Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow zu üben, der gegen verstärkte Positionen der Radikalen in der Republik nichts unternahm.
Kadyrow, Mufti von ganz Tschetschenien, Enkel eines Muftis und Neffe bekannter Islam-Kenner, erkannte die Gefahr, die aus der Bewegung der Wahhabiten ausging. Die neue fremdartige und aggressive religiöse Strömung faßte Fuss auf seinem geistlichen Gebiet. Und Kadyrow schwor es, der Verbreitung von Wahhabismus Einhalt zu gebieten. Ausgerechnet in diesem Zeitpunkt stimmten die Interessen des russischen Staates und des Muftis Tschetscheniens, Achmat Kadyrow, überein, und zwar für lange.
Seine Beziehungen zu Maschadow und Bassajew, der sich ebenfalls mit den Radikalen liierte, wurden immer schlechter. Bald kam es zur unabdingbaren Entladung: Im Herbst 1999 marschierten Bassajews Extremisten in Dagestan ein, um die Wahhabiten zu unterstützen und mit einer gewaltsamen Gründung eines islamischen Kalifats im Kaukasus zu beginnen. Kadyrow verurteilte öffentlich diese Aggression und schlug sich auf die Seite Moskaus, das nach Dagestan und dann nach Tschetschenien seine Truppen verlegte. Maschadow hat Bassajew nicht einmal gerügt, erließ aber Kadyrows Absetzung vom Amt des Muftis.
Im darauffolgenden Jahr kam der künftige Präsident Tschetscheniens bei drei Attentaten glimpflich davon. Er wurde nicht einmal verletzt. Bassajew setzte für Kadyrow ein für die bettelarme Republik phantastisch hohes Kopfgeld von 100 000 Dollar aus. Danach wurden Attentate auf Kadyrow immer öfter verübt, als er einem weiteren Erfolg in seiner auf eine Union mit Moskau orientierten Politik nahe stand und die örtliche Selbstverwaltung in Tschetschenien durchsetzte, ein Verfassungsreferendum in der Republik organisierte, auf eine Amnestie hinarbeitete und in seine persönliche Garde alle aufnehmen ließ, die die Karierre eines Extremisten beenden wollten, aber sich aus Angst vor einer Rache der föderalen Truppen im tschetschenischen Gebirge oder im Wald versteckten.
Vor zweieinhalb Monaten hatte eine Selbstmordattentäterin in einem Dorf des Rayons Kurtschaloi - der Heimat des Kadyrow-Geschlechts - versucht, Ramasan zu töten. Der junge Kadyrow kam unversehrt davon: Die von den Leibwächtern gestoppte Selbstmordattentäterin zündete ihre Bombe nur wenige Meter von ihm entfernt. Derartige Attentate werden regelmäßig verübt. Man kann nicht einmal ihre genaue Zahl nennen.
„Mir wird vorgeworfen, dass ich im Unterschied zu den Menschenrechtlern den Krieg nicht stoppen will. Das stimmt. Ich will den Krieg nicht stoppen. Ich will ihn ein für allemal beenden. Verhandlungen mit Maschadow werden nur ein Thema haben: Er muss den Widerstand einstellen, die Waffen strecken, sich vor dem Volk entschuldigen und sich einem Gericht stellen. Wir werden vielleicht ersuchen, dass er eine abgemilderte Strafe abbekommt. Danach kann er nach Malaysia zu seinem Sohn fliegen, wenn er will. Ihm wird grünes Licht gegeben", sagte Kadyrow.
Seine einstigen Rivalen bei den Präsidentenwahlen mag Kadyrow nicht. Er unternimmt alles nur mögliche, um alle daran zu erinnern, dass fast keiner von ihnen im Unterschied zu ihm gekämpft hat. Tatsächlich befassten sich mehrere dieser Menschen während des Krieges mit Business und Politik in Moskau oder anderswo, weit von Tschetschenien. Allerdings schickten sie humanitäre Hilfsgüter in die Republik - Lebensmittel und Kleidung - wie auch halfen ihren Angehörigen und früheren Nachbarn mit Geld.
„Die Achtung des Volkes kann man mit Almosen nicht erkaufen", betont Kadyrow. „Meine Opponenten wohnen weit von Tschetschenien und schwelgen in Üppigkeit und Schönheit. Nur selten kommen sie als Touristen nach Hause, während ich tags und nachts unter meinem Volk bin." Während der Wahlkampagne wiederholte Kadyrow immer wieder, dass er „in den schweren Zeiten mit seinem Volk war und seine Familie nicht in Moskau oder London versteckte" wie einige andere - einflußreiche, reiche und bekannte - Tschetschenen, die seiner Ansicht nach nicht würdig sind, um ins höchste Amt der Republik gewählt zu werden.
Kein einziger ernsthafter „Moskauer" Konkurrent Kadyrows, der die Absicht bekundet hatte, an den Wahlen teilzunehmen, stand auf dem Wahlzettel. „Kadyrow wird vom Kreml geführt", sagen einige Tschetschenien-Experten. „Bei der Ernennung in ein verantwortungsvolles Amt würde auch ich als Leiter immer den klügsten und den würdigsten unterstützen", kontert Kadyrow ironisch.
Ernste Töne der Achtung sind in seiner Stimme zu hören, wenn Kadyrow von Präsident Putin spricht. Kadyrow war einer der ersten, der Putin bei der Präsidentenwahl im Frühjahr 2000 zum Sieg gratuliert hatte. „Die Völker Russlands und Tschetscheniens verbinden mit dem neuen Präsidenten ihre Hoffnungen auf Wiedergeburt und Gedeihen des Landes." Eine Kopie dieses Telegramms nach Moskau wird immer noch im Privatarchiv des Tschetschenenpräsidenten aufbewahrt.
Ein Außenseiter würde es kaum glauben, dass die meisten Tschetschenen bei der Wahl-2000 gerade für Putin gestimmt haben, für einen Menschen, der damals eine Anti-Terror-Operation in Tschetschenien durchführte. „Menschen haben für ein friedliches Tschetschenien im Staatsverband Russlands gestimmt, dies aber nicht an die große Glocke gehängt. Viele haben noch Angst vor Terroristen, niemand will, dass seine Familie vernichtet wird", sagt Kadyrow.
Der gegenwärtige Tschetschenenpräsident gibt zu, dass Maschadows Gesandte nicht selten schneller als er in Hauptstädten verschiedener Länder handeln, weil sie nicht selten umfassende Beziehungen dort haben.
„Allah hat uns eine Möglichkeit gegeben, unseren eigenen Staat nach dem ersten tschetschenischen Krieg ohne einzigen russischen Soldaten aufzubauen. Aber wir haben diese Möglichkeit verpasst. Begonnen wurde mit Menschenentführungen, Raubüberfällen. Das alles gipfelte in einer Invastion in Dagestan." So beantwortet Kadyrow die Frage, wodurch sich die tschetschenische Zukunft von der Vergangenheit unterscheiden soll. Kadyrow wirft Maschadow vor, dass er Umtriebe der Banditen nicht unterbunden, den islamischen Radikalen bislang keine Abfuhr erteilt wie auch sich sozialer und wirtschaftlicher Probleme nicht hatte annehmen wollen oder können. Er sei nicht gewillt, Fehler seines Vorgängers zu wiederholen, sagte Kadyrow. Sein Präsidentenprogramm gilt zu zwei Dritteln der Wiederherstellung der zerstörten Wirtschaft der Republik. Sein Verhalten gegenüber Kriminellen und Wahhabiten ist auch ohne Einblick in offizielle Dokumente leicht zu erraten.
Es mag auch paradox klingen, aber Kadyrow hat immer noch etwas Ähnliches mit Maschadow und Bassajew. Es geht wenigstens darum, dass er wie diese beiden für den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien und für die Gewährung einer maximal möglichen wirtschaftlichen Souveränität an die Republik plädiert. Aber im Unterschied zu seinen einstigen Kampfgefährten erpresst er Russland nicht mit Terroranschlägen, rasselt nicht mit dem Säbel, sondern versucht, seine Ziele mit friedlichen zivilisierten Mitteln am Verhandlungstisch durchzusetzen.
Vieles ist ihm bislang gelungen. Zum ersten offiziellen Dokument, das Kadyrow als Tschetschenenpräsident mit Moskau unterzeichnet, wird ein Vertrag über die Abgrenzung der Vollmachten, nach dem Tschetschenien über seine Bodenschätze wird verwalten dürfen. Die Übertragung der Funktionen der Rechtsordnung an die tschetschenische Miliz durch die föderalen Truppen ist ein weiterer Punkt seines Programms. Präsident Putin versprach, diese Vereinbarung bis Jahresende zu erfüllen.
(politischer RIA-„Nowosti"-Kommentator Juri Filippow)
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