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23-10-2003 Tschetschenien
Wer ist Achmad-Hadschi Kadyrow?
Am 19. Oktober 2003 ist der 52-jährige Achmad-Hadschi Kadyrow als Präsident der Tschetschenischen Republik vereidigt worden.
Anhänger der Blutrache, vor einigen Monaten zum Kandidaten der politischen Wissenschaften promoviert, Anreger des „heiligen Krieges" gegen Russland, mit überzeugender Mehrheit zum Chef der russischen Teilrepublik gewählt, Träger der höchsten itschkerischen Auszeichnung und des russischen Freundschaftsordens: Er wurde am 23. August 1951 im kasachischen Karaganda geboren.


Es gab sieben Kinder in der Familie, drei Brüder und vier Schwestern. Die Kadyrows gehören zum größten tschetschenischen Tejp (Clan) Benoj. Dieser Clan gehört wiederum zum Wird (Zweig) Kuntachadschi des Sufi-Tarikats (Ordens) Kadyri. Ein weiterer großer Clan, der nach Ausfassung einiger Experten mit den Kadyrows rivalisiert, ist der Nakschbandi-Tarikat, für dessen Vertreter Beslan Gantamirow gehalten wird. Gantamirow ist einer der tschetschenischen Verwaltungschefs, der Kadyrow ständig kritisiert. Die älteren Verwandten von Kadyrow waren sehr gläubig. Sein Großvater sowie fünf Onkel galten als respektierte Koran-Kenner.

1957 kehrten die Kadyrows genauso wie viele andere Tschetschenen aus dem Stalin-Exil zurück. Sie kamen in ihr Sippendorf Zentoroj im Rayon Kurtschaloj, autonome Republik der Tschetschenen und Inguschen. Die Kindheit und Jugendjahre von Kadyrow waren typisch für jene Zeit. Wie er sagt, kennt er noch aus der Schulzeit viele Gedichte von Puschkin und Lermontow auswendig. Seine Lieblingsfilme seien nach wie vor die schwarzweißen sowjetischen Hits über den Großen Vaterländischen Krieg: „Ein Menschenschicksal" und „Siebzehn Augenblicke des Frühlings".

1968 absolvierte Kadyrow die Mittelschule von Batschijurt sowie einen Mähdrescherfahrer-Lehrgang im Dorf Kalinowskaja, Rayon Naurski. 1969 bis 1971 arbeitete er im Reisanbau-Sowchos Nowogrosnenski, Rayon Gudermes. Fast zehn Jahre lang durchstreifte Kadyrow danach als Schwarzarbeiter ländliche Gebiete in Sibirien und der Nichtschwarzerdezone. Er gehörte zu einer Brigade, die Wohnhäuser, Ställe und Schulen baute. Er wurde sogar an der Bauhochschule Nowosibirsk immatrikuliert, hat sie aber nicht absolviert. 1980 ließ ihn die Konzilmoschee Gudermes an der Miri-Arab Madrasah Buchara studieren. Unter seinen Studienkollegen war der heutige Vorsitzende des russischen Mufti-Rats, Rawil Gainutdin. Später absolvierte Kadyrow die Hochschule für Islam in Taschkent. Er war stellvertretender Imam von Gudermes. 1990 bis 1991 studierte er an der Schariat-Fakultät der Jordanischen Universität.

Nachdem Tschetschenien im Herbst 1991 seine Unabhängigkeit ausgerufen hatte, kehrte Kadyrow in die Republik zurück und engagierte sich beim Muftiat, der geistlichen Verwaltung Tschetscheniens. 1993 wurde er Stellvertreter von Mufti Muhammad Hussein Hadschi Alsabekow. Von 1991 bis 1994 war Kadyrow Rektor der ersten Islamischen Hochschule im Nordkaukasus, die auf seine Anregung im Dorf Kurtschaloj geschaffen worden war. Im September 1994, nachdem Alsabekow unter dem Vorwand einer ärztlichen Behandlung ins Ausland gegangen war, wurde Kadyrow amtierender Mufti. Trotz seiner gehobenen Position in der Glaubenshierarchie hatte Kadyrow keine absolute Autorität außerhalb von Gudermes und der Nachbarrayons. Das war auf das atheistische Erbe zurückzuführen, das die sowjetische Macht den meisten Tschetschenen hinterlassen hatte. Jugendliche und Menschen im mittleren Alter, vor allem Männer, die sich Moslems nannten, waren nach Angaben der Ethnographen in Wirklichkeit Atheisten oder einfach ungläubig. Sie kannten kaum den Text des Koran und verrichteten weder Gebete, noch die wichtigsten Riten. Die Massenzuwendung zum Islam spiegelte die Emotionen wider, die aus der äußerst tiefen Krise resultierten, in der die tschetschenische Gesellschaft im letzten Jahrzehnt steckte.

Von Beginn des ersten tschetschenischen Feldzuges an beteiligte sich Kadyrow aktiv an den Kriegshandlungen gegen die föderalen Truppen und wurde sogar mit dem itschkerischen Orden „Ehre der Nation" ausgezeichnet. Da Ex-Mufti Alsabekow den Krieg gegen Russland für heilig erklärt, sich später aber davon distanziert hatte, beschlossen tschetschenische Radikale, ihn abzusetzen. 1995 fand im Dorf Wedeno ein Treffen von so genannten Feldkommandeuren unter dem Kommando von Dschochar Dudajew statt, an dem auch Alime, Theologen aus fünf Berggebieten, teilnahmen. Auf Empfehlung von Schamil Bassajew und Ruslan Gelajew wurde Kadyrow zum Oberhaupt der tschetschenischen Moslems gewählt. Es gab keine anderen Kandidaten, denn Kadyrow war der einzige unter den ranghohen tschetschenischen Geistlichen, der es wagte, den Dschichad zu unterstützen. Doch es war selbst für die Extremisten schwer, diese Wahl als legitim zu bezeichnen. Deshalb galt Kadyrow als eine Art „Kriegsmufti". Gerade als solcher erklärte er Russland den „heiligen Krieg" und regte die Schaffung von Schariats-Gerichten in der Republik mit an.

Als Mitglied der Delegation der Feldkommandeure nahm Kadyrow 1996 an den Gesprächen des russischen Sicherheitsberaters Alexander Lebed mit Aslan Maschadow teil. Bei diesen Gesprächen wurde ein Dokument vereinbart, das Waffenruhe, die Trennung der Konfliktparteien sowie die gemeinsame Kontrolle über einige Stadtbezirke von Grosny vorsah.

Im Herbst des selben Jahres legitimierte Kadyrow seine Position als geistlicher Anführer Tschetscheniens. Er berief einen Kongress der Alime in Grosny ein und ließ sich zum Chef des neu gebildeten Muftiats der Tschetschenischen Republik Itschkerien wählen.

Bei der republikanischen Präsidentschaftswahl 1997 unterstützte Kadyrow aktiv Aslan Maschadow als Alternative zu Schamil Bassajew. Dabei setzte er sich für einen entschiedenen Kampf gegen religiöse Extremisten ein sowie für ein Verbot des Wahhabismus. Aus seiner Sicht war der Wahhabismus eine Ideologie des Terrors und gefährdete die für Tschetschenen traditionelle Religionslehre, den Sufismus.

Gerade die Meinungsverschiedenheiten mit dem zu Maschadows Zeiten einflussreich gewordenen Glaubensradikalismus liefen darauf hinaus, dass die Beziehungen zwischen dem Mufti von Tschetschenien und dem Präsidenten von Tschetschenien abgebrochen wurden. Damals war Kadyrow ein überzeugter Gegner des Wahhabismus. Doch die Positionen der einheimischen und der aus dem Ausland stammenden Wahhabiten wurden innerhalb von zwei Jahren nach dem Hassawjurt-Abkommen deutlich stärker. Missionare aus Saudi-Arabien, Jordanien und anderen Ländern propagierten hartnäckig den fundamentalistischen Islam. Für diese Zwecke wurden im ruinierten Tschetschenien Unsummen ausgegeben. Mitte Juli 1998 griffen Wahhabitengruppen das in Gudermes stationierte Regiment der Nationalgarde unter dem Kommando von Kadyrows Mitstreiter und fernem Clanverwandten Sulim Jamadajew an.

Zu jener Zeit fand in Grosny auf Initiative Kadyrows auch der Kongress der nordkaukasischen Moslems statt. Die Leiter von moslemischen Verwaltungen Tschetscheniens, Dagestans und Inguschetiens verurteilten den Wahhabismus scharf und erklärten jegliche Tätigkeit von Wahhabitengruppen und -organisationen für illegal. Kadyrow forderte von Itschkeriens Führung, die bewaffneten Wahhabitengruppierungen aufzulösen und die Glaubensprediger aus der Republik auszuweisen. Obwohl Maschadow früher die Ausweisung von zwei Wahhabitenpredigern, aus Jordanien stammenden Tschetschenen, beschlossen hatte, ließ er später die Umsetzung dieses Beschlusses auf eine persönliche Bitte Schamil Bassajews hin verschieben.

Ein Jahr später, im Juni 1999, beteiligte sich Kadyrow im Zuge des Kampfes gegen den Wahhabismus an der Vorbereitung eines Putsches. In einer geheimen Sitzung, an der alle Chefs der itschkerischen Militär- und Sicherheitsbehörden teilnahmen, wurde Kadyrow zum Kriegsamir gewählt. Laut den Schariat-Gesetzen musste er den weltlichen Präsidenten ablösen, doch der Chef der Nationalgarde, Magomed Chambijew, und Innenminister Aidamir Abalajew blieben Maschadow treu. Der Putschversuch wurde vereitelt.

Nachdem Bassajews und Chattabs Kämpfer im August 1999 in Dagestan eingebrochen waren, weigerte sich Kadyrow, sich an einem neuen Krieg gegen Russland zu beteiligen, und erklärte die von ihm kontrollierten Rayons Gudermes, Kurtschaloj und Noschaijurt als „vom Wahhabismus freie Zone". Auf einer Kundgebung in Gudermes erklärten Kadyrow und die Feldkommandeure Brüder Jamadajew ihre Bereitschaft, einen bewaffneten Kampf gegen die Wahhabiten zu beginnen.

Am 10. Oktober 1999 erließ Aslan Maschadow eine Verordnung über die Enthebung Kadyrows vom Amt des tschetschenischen Obermuftis. Kadyrow wurde zum „Feind des tschetschenischen Volkes" erklärt, der vernichtet werden müsse. Schmil Bassajew setzte für seinen ehemaligen Protege ein Kopfgeld in Höhe von 100 000 US-Dollar aus. Seitdem überlebte Kadyrow nach eigenen Worten mindestens zehn Mordanschläge.

Die föderalen Truppen verlagerten danach die Antiterror-Operation auf das tschetschenische Territorium. Anfang November 1999 marschierten sie dank Kadyrow und seinem Kampfgefährten Jamadajew fast ohne Verluste in Gudermes, der zweitgrößten Stadt der Republik, ein. Feldkommandeur Sulim Jamadajew verweigerte Maschadows Befehl zur Verteidigung der Stadt und übergab Gudermes faktisch an die russischen Truppen. Die Emissäre von Bassajew und Gelajew, die zu Gesprächen kamen, wurden von Jamadajews Anhängern nicht in die Stadt gelassen.

Durch einen Erlass des russischen Präsidenten wurde Achmad Kadyrow im Juni 2000 zum Chef der provisorischen Verwaltung der Tschetschenischen Republik ernannt. Zwei Monate danach legte er das Mufti-Amt nieder, nachdem sein Protege, der Imam des Rayons Schatoj, Achmad Schamajew, als Nachfolger in diesem Amt ernannt worden war.

Am 19. Januar 2001 erließ der russische Präsident die Verordnung „Zum System der Exekutive der Tschetschenischen Republik". Dementsprechend galt die Verwaltung der Tschetschenischen Republik nicht mehr als provisorisch. Dem Verwaltungschef wurde das Recht erteilt, seinen Stellvertreter, den Regierungsvorsitzenden der Tschetschenischen Republik, zu ernennen bzw. abzusetzen. Das musste er nur mit dem bevollmächtigten Vertreter des russischen Präsidenten im Föderationsbezirk Süd abstimmen. Heute ist Anatoli Popow Tschetscheniens Regierungsvorsitzender.

Als der Kreml Kadyrow zum tschetschenischen Verwaltungschef ernannte, hielten ihn viele für eine Zwischenlösung, denn er wurde zunächst nicht von der ganzen tschetschenischen Gesellschaft akzeptiert, wobei sich sein Einfluss auf die nördlichen und nordöstlichen Gebiete der Republik beschränkte. Doch Kadyrow konnte seine Position stärken, indem er Moskau versicherte, dass nur die Tschetschenen selbst eine antirussische Revolte unterdrücken könnten. „Wer die Geschehnisse nur im Fernsehen aus Moskau verfolgt hat, möge sie auch weiter verfolgen", erklärte er. „Erfundene und aufgedrängte" Anführer könnten die Republik nur in eine Sackgasse führen, so Kadyrow.

Um Kadyrow zu unterstützen, ließen die russischen Behörden die tschetschenische Miliz gut bewaffnen. Nach verschiedenen Einschätzungen stehen zwischen 3000 und 7000 bewaffnete Ordnungshüter unter Kadyrows Kommando.

Doch das russische Militär ist misstrauisch gegenüber Kadyrows bewaffneten Einheiten. Viele seiner Anhänger, insbesondere Extremisten, die ihre Waffen niedergelegt hatten und amnestiert wurden, werden von den föderalen Kräften für getarnte Terroristen gehalten, die ihre Kräfte auf Kosten Moskaus wiederherstellen wollen, um dann bei guter Gelegenheit wie 1996 in Grosny die russische Armee im Rücken anzugreifen. Die Feindseligkeit zwischen Kadyrow und dem Militär ist gegenseitig. Seitdem Kadyrow an die Macht gekommen ist, hält er das teilweise gesetzwidrige Vorgehen der russischen Soldaten gegen die Zivilbevölkerung für das Hauptproblem.

Seinen überzeugenden Sieg bei der Präsidentschaftswahl hat Kadyrow zum großen Teil der Unterstützung durch Moskau zu verdanken. Doch die Tschetschenen stehen unterschiedlich zu Kadyrow. Das betrifft sogar seine Verwandten aus dem Clan Benoj. Viele macht sein übermäßiger Ehrgeiz und Hochmut misstrauisch.

Chalid Jamadajew, ehemaliger Brigadengeneral von Maschadow, der 1999 zusammen mit seinem Bruder Sulim und Kadyrow den föderalen Truppen die Tore von Gudermes geöffnet hat: „Er hat es faustdick hinter den Ohren, und man weiß nie, was man von ihm zu erwarten hat".

Amchad Makajew, Mullah der Moschee Gudermes: „Kadyrow ist längst kein Mufti mehr, er hat die Macht angestrebt, um sie für seine Zwecke zu benutzen".

Auch Kadyrows Verhalten zu den Kommandeuren der illegalen bewaffneten Gruppierungen ist doppelseitig. Kadyrow erklärte resolut, er sei Gegner jeglicher Kontakte mit Maschadow, Bassajew und weiteren fünf oder sechs „Unversöhnlichen". Trotzdem versuchte er, mit Feldkommandeur Ruslan Gelajew zu verhandeln, um ihn zu überzeugen, den Widerstand aufzugeben. In einem Interview nannte Kadyrow Gelajews Leute „keine Banditen, sondern Kämpfer, weil kein kriminelles Blut an ihren Händen klebt".

Ohne Zögern tauschte er die Pelzmütze des Mufti gegen den Anzug und die Krawatte eines Politikers. Kadyrow blieb in den Reihen der gemäßigten tschetschenischen Nationalisten, die an den Schariat-Gesetzen und Volksbräuchen festhalten. Nach seiner Ausfassung sollten die Schariat-Gesetze nach und nach eingeführt werden: „Es ist bekannt, wie das aussehen muss. Getrennte Schulen und Erziehung für Jungen und Mädchen. Die Mädchen tragen ab sieben Jahre ein Kopftuch. Kaum dass ein Kind zu sprechen beginnt, weiß es, dass es Moslem ist". Kadyrow ist fest davon überzeugt, dass sich ein Mensch "ohne reines tschetschenisches Blut" kaum Sorgen um die Republik machen würde: Sie sei ihm egal, und er habe kein Mitleid mit ihr.

Kadyrow ist bereit, gegen seine Feinde mit allen Mitteln zu kämpfen, bis hin zur Blutrache. In einem Interview mit der Zeitung „Iswestija" sagte er: „Maschadow hat befohlen, alle zu töten, die mit den Behörden kooperieren. Laut Schariat trägt Maschadow nun die ganze Verantwortung... Die Menschen werden ihm nicht verzeihen, selbst wenn er nicht mehr lebt. Man wird sich an seinen Kindern und Enkelkindern rächen. Keiner hat in Tschetschenien die Blutrache abgeschafft, es gab sie immer, selbst zur Sowjetzeit... Sie wird bleiben, solange es die tschetschenische Nation gibt".

Wir werden sehen, ob Kadyrow es schaffen wird, dem durch einen langjährigen Konflikt geplagten Volk Frieden zu bringen. Dafür gibt es bestimmte Voraussetzungen. Laut einer Umfrage der soziologischen Institution „Validata" vom August denken 54 Prozent der Tschetschenen mit Hoffnung an die bevorstehenden zwölf Monate. 28 Prozent glauben, dass sich die Lage in der Republik verbessern, und nur 13 Prozent meinen, dass sie sich verschlechtern werde. Die mehr als 80 Prozent der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl sind nur ein Vorschuss, den Achmad Kadyrow vom tschetschenischen Volk erhalten hat. Die Aufgabe des neuen tschetschenischen Präsidenten besteht nun darin, dieses politische Kapital nicht zu verschwenden, sondern umzusetzen.