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Tschetschenien

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Flattr this 08-03-2004 Tschetschenien
Erzählerin des Schreckens
Die tschetschenische Menschenrechtlerin Lipkan Basajewa hilft vergewaltigten Frauen und will europäische Verantwortung

(von Andrea Strunk)

Der Fall Nummer 57949/00 in den Akten des Europäischen Gerichtshofs ist der Fall der Tschetschenin Basajewa gegen Russland.


Diesem Russland wird in der Anklageschrift vorgeworfen, gegen drei Artikel der Europäischen Konvention der Menschenrechte verstoßen zu haben. Gegen jene, die das Recht auf Leben, die Unverletzbarkeit des persönlichen Besitzes und Rechtshilfe vor Gericht garantieren. Fünf weitere Klagen aus Tschetschenien hat der Europäische Gerichtshof zur Verhandlung zugelassen. In den anderen Fällen geht es um Missachtung des Rechts auf Leben und Unversehrtheit. Zusammen genommen ergibt sich aus den Anklagen das Bild eines Täters, der willkürlich, ohne Empathie und ohne Mitleid vernichtet.

An einem grauen, verregneten Tag kommt Lipkan Basajewa nach Hamburg, um dort vor der kleinen tschetschenischen Gemeinde über die Situation in Tschetschenien und über ihre Arbeit als Menschenrechtlerin zu sprechen. Von der Vereinigung der Frauen des Nordkaukasus will sie erzählen, deren Vorsitzende sie ist. Von Memorial wird sie erzählen, der russischen Menschenrechtsorganisation. Geschichten wie: Wenn wir schnell genug bei der Polizei oder beim Militär sind, sobald einer der unseren verhaftet wird, können wir den Tod manchmal verhindern. Sie wird berichten, wie sie im Herbst 2002 in Inguschetien eine Einrichtung für vergewaltigte Frauen begründet hat. Ein Projekt, dass den Namen eines tschetschenischen Mädchens führt, das im Mai 2000 von einem russischen Oberst vergewaltigt und ermordet wurde: Elsa Kungajewa.

Lipkan Basajewa ist schon lange nicht mehr jung. Zwei Kriege und das Alter sind nicht spurlos zu haben. Ein Netz von Linien läuft über ihr Gesicht, der Ausdruck der Augen ist melancholisch, weise und ein wenig hochmütig zugleich. Hamburg ist kalt, und ihr dünner Mantel hält die norddeutsche Feuchtigkeit nicht ab. In zwei Tagen will sie zurück in die inguschetische Hauptstadt Nasran fliegen und eigentlich hätte sie gerne noch mehr Zeit mit ihrer Tochter und den Enkeln verbracht, die in Osnabrück leben. Die Hansestadt die letzte Station einer dreiwöchigen Deutschlandreise, auf der sie viel geredet, um Geld, Unterstützung und Sympathie für ihr Frauenzentrum, für ihr Land geworben hat. Sie hat Leid und Tod geschildert, hat die Tränen und die Entwurzelung ihres Volkes zu Sprache geformt, hat das Unrecht, die Unmenschlichkeit beschworen. In präzisen Worten hat sie die Vernichtung einer Gesellschaft beschrieben: die Männer verschleppt, ermordet, die Frauen vergewaltigt, verwitwet, die Kinder verwaist. Keiner weiß, wie viele tot sind. Keiner weiß, wie viele noch am Leben sind. Man brauche eine Volkszählung, hat Lipkan gesagt. Eine Einschätzung der Verluste wäre doch wohl genug Beschreibung der humanitären Katastrophe, um die EU, die OSZE, die UN, den Europarat zur Reaktion zu zwingen. „Immer können sie doch nicht schweigen.“ Nur an der Zahl der Überlebenden lässt sich ermessen, glaubt Lipkan, welche Hoffnung die Tschetschenen für eine Zukunft nach dem Krieg haben dürfen. Untergang oder Fortbestand?

Mit Abgeordneten, Menschenrechtlern, Friedensaktivisten und Vertretern moslemischer Gemeinden hat Lipkan über diese Sorgen gesprochen. Ihre Stimme ist klar und ohne Anklage geblieben. Für Mitleid ist sie nicht gekommen, das wäre zu wenig. Sie will keine Emotionen. Sie will Gerechtigkeit für Tschetschenien. Sie will den Westen einbinden, will, dass Europa Verantwortung zeigt. Ihre Geschichten sind archivierter Horror, sie reiht Namen, Fakten, Zahlen und Daten zu einer Kette. Diese wie einen Strick um Russlands Hals zu legen, das erwartet sie von Europa. Sie erzählt, damit niemand eines Tages sagen kann, er habe es nicht gewusst.

Dass die Zahl derer, die ihr zuhören, kleiner wird, merkt Lipkan. In der westlichen Wirklichkeit, in der sich die Erfahrungen eines sicheren Lebens ebenso spiegeln wie die propagandistischen Sätze des Anti-Terror-Kampfes, haben die grauenvollen Erzählungen aus Tschetschenien nur noch wenig Gewicht. Politisch hat das Land keine Bedeutung, ist das tschetschenische Volk aus einigen hunderttausend Menschen nur eine Schachfigur im Machtpoker der Großmächte. In der westlichen Welt, in warmen Räumen, an sauberen Tischen vorgetragen, ist der Schrecken Tschetscheniens Lichtjahre entfernt. Manchmal glaubt Lipkan, die Welt wolle, dass er das auch bliebe: Fern und unwirklich.

Bevor 1999 der zweite Tschetschenienkrieg begann, war Lipkan Basajewa Dozentin für russische Literatur und Linguistik an der Universität von Grosny. Zusammen mit Tausenden von anderen Zivilisten floh sie im Oktober 1999 nach Inguschetien, als die Russen ihr Land bombardierten. Trotz der Vereinbarung, für die Flüchtenden einen Korridor zu öffnen, wurde der Treck aus der Luft beschossen. Das Auto der Basajewas und all ihre Habe wurde dabei zerstört. Im Gegensatz zu vielen anderen blieben Lipkan und ihre Familie am Leben.

In einem Gemeindezentrum am Rande von Hamburg warten gut dreißig Männer auf Lipkan. Obwohl es doch um Frauenprojekte geht, ist nur eine Frau gekommen. Sie haben die Tische zusammengerückt, Kaffee gekocht und Torten gebacken. Lipkan erzählt von ihrem Zentrum. Man müsse das Schweigen brechen, sagt sie. Die Schande von den Frauen nehmen, die Männer mit einbinden. Oberst Budanow, der Schänder und Mörder von Elsa Kungajewa, wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen. Dass die Vergewaltiger zur Rechenschaft gezogen würden, erwarte sie nicht, sagt sie. In erster Linie ginge es um die medizinische und psychologische Behandlung. Darüber hinaus erhielten die Frauen rechtlichen Beistand, falls sie doch Anklage erhöben, man unterstütze sie bei der Suche nach Angehörigen, helfe ihnen, sich und ihre Kinder selber zu ernähren. „Wir haben Nähmaschinen gekauft“, sagt Lipkan. „Nun nähen die Frauen, und haben endlich Geld.“ Die Männer nicken. Handys klingeln, einer dreht ununterbrochen mit der Videokamera, es ist ein Kommen und Gehen. Lipkans Worte verschwinden im staubigen Raum.

Dann aber redet sie über Grosny, über die Verlagerung ihrer humanitären Arbeit zurück in die tschetschenische Hauptstadt, um neue gesellschaftliche Strukturen zu schaffen. „Es zeigt, dass wir Hoffnung haben. Wir arbeiten jetzt mitten in Tschetschenien.“

Plötzlich wird es still, und man meint, die zerfaserte Kulisse einer Ruinenstadt schöbe sich in den Raum. „Mitten in“. Sehnsucht ist das. Und Angst. Für die Männer, die an diesem Tag gekommen sind, ist Grosny Wunde in ihrer Seele. Niemand von ihnen weiß, wer von den Freunden, Verwandten, Lieben noch lebt. In einer Zeit, in der in Tschetschenien täglich Menschen verschwinden und dann als unkenntliche Tote wieder auftauchen – von Handgranaten in Stücke gefetzt, mit ausgestochenen Augen, abgeschnittenen Gliedmaßen – ist die Erinnerung falsche Nostalgie.

Nun aber steigen aus Lipkans Sätzen die verdrängten Bilde auf: die der Frauen, Kinder, Eltern, Geschwister, die sie zurückließen, weil man Tschetschenien nur mit einem gefälschten Visum verlassen, den Preis dafür nur für einen aus der Familie zahlen kann. Zwischen Lipkans Sätzen wohnt die Gewalt, lauern Hunger und Armut. Die zu dünne Kleidung der Kinder, die Einsamkeit der Frauen, der Winter Tschetscheniens, die Kälte der Flüchtlingslager, all das verdichtet sich zu einer Wirklichkeit, die Kaffeeduft, Zentralheizung und Handyklingeln nicht mehr verdrängen kann. Zwischen Lipkans Sätzen schleicht sich die Physiognomie der Heimatlosigkeit in die Gesichter der Anwesenden: die Augen werden stumpf, die Haut fahl.

„Wir danken dir, Lipkan“, sagen die Männer schließlich. „Und wir danken den Menschen hier in Deutschland, die uns aufgenommen haben. Wir möchten wissen, was wir tun können, damit man aufhört, Tschetschenen für Terroristen zu halten?“ Da schweigt Lipkan, die Beredte. Erst als sie sich verabschiedet hat, im Auto sitzt, erlaubt sie ihren Händen, sich umeinander zu schlingen und lässt aus ihrer Brust ein tiefes, müdes Seufzen.

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