Erste Spekulationen gab es bereits am
Donnerstag, nun werden sie auch vom russischen Geheimdienst FSB bestätigt:
Hinter der grausamen Geiselnahme in einer Schule der nordossetischen
Kleinstadt Beslan soll der tschetschenische Kriegsherr Schamil Bassajew
stecken, geleitet wurde sie demnach von Bassajews treuem Gefolgsmann Magomet
Jewlojew alias Magas, der schon im Sommer den blutigen Überfall auf
Inguschetien geführt haben soll.
Schamil Bassajew bekannte sich in den letzten Jahren zu zahlreichen
Anschlägen und Entführungen. Und schon in der Vergangenheit opferte er im
Kampf für ein unabhängiges islamisches Tschetschenien das Blut hunderter
Menschen, darunter zahlloser Zivilisten. In Russland ist er als äußerst
brutaler Kriegsherr gefürchtet - viele Tschetschenen dagegen bewunderten ihn
bisher wegen seines Muts und seiner Verwegenheit. Doch möglicherweise hat er
mit der Geiselnahme von hunderten von Kindern und ihrem durchaus
einkalkulierten Tod auch bei ihnen nun die Grenze überschritten.
Bassajew wurde 1965 in Wedeno im Südosten der Kaukasusrepublik geboren. Als
Dschochar Dudajew 1991 die Unabhängigkeit Tschetscheniens ausruft, studiert er
noch Agrarwissenschaften in Moskau und verkauft nebenbei Computer. Kurz darauf
schließt er sich mit einer aufsehenerregenden Aktion den Rebellen an: Mit
Gesinnungsgenossen entführt er im November 1991 ein sowjetisches Flugzeug mit
178 Menschen an Bord nach Ankara; seine Geiseln lässt er anschließend in der
tschetschenischen Hauptstadt Grosny frei. Medienwirksame Taten wie diese
sollten schon bald zu seinem Markenzeichen werden.
Im ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 steigt Bassajew zusammen
mit dem späteren und inzwischen von Moskau nicht mehr anerkannten
tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow zu einer der Schlüsselfiguren
der Rebellenbewegung auf. Traurige Berühmtheit auch im Ausland erlangt
Bassajew als Kopf der blutigen Geiselnahme in der südrussischen Stadt
Budjonnowsk, bei der im Juni 1995 mehr als 150 Menschen getötet werden. Im
Austausch gegen die überlebenden Geiseln erhalten er und seine Rebellen freies
Geleit.
In der kurzen Zeit der De-Facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens geht
Bassajew in die Politik. Bei den Präsidentschaftswahlen im Januar 1997 muss er
sich zwar Maschadow geschlagen geben, ein Jahr später wird er aber
vorübergehend dessen Regierungschef.
Sein Verhältnis zu Maschadow ist
gespannt, Bassajew wirft ihm zu große Nachgiebigkeit gegenüber dem Kreml vor.
Bassajew verbündet sich mit dem arabischstämmigen Kriegsherren Chattab. Im
Gegensatz zum Großteil der tschetschenischen Bevölkerung wollen beide
Rebellenführer den Wahabismus, eine strenge Ausrichtung des Islam, in der
Kaukasusrepublik einführen.
Gegen den Willen Maschadows beginnen Chattab und Bassajew im August 1999 in
der an Tschetschenien angrenzenden russischen Republik Dagestan eine
Rebellion. Die Erhebung ist einer der Auslöser für den zweiten
Tschetschenien-Krieg. Ein halbes Jahr später, im Januar 2000, wird Bassajew
bei der Rückeroberung Grosnys durch die russische Armee bei einer
Minenexplosion schwer verletzt. Ihm muss ein Bein amputiert werden, doch sein
Kampfeswillen bleibt ungebrochen.
Seine Kämpfer bringen im Oktober 2002 mehr als 800 Besucher des Moskauer
Musicaltheaters Nord-Ost in ihre Gewalt. Beim Sturm russischer
Spezialeinheiten auf das Theater sterben 129 Geiseln und 41 Entführer. Auch
für den tödlichen Anschlag auf den pro-russischen tschetschenischen
Präsidenten Ahmed Kadyrow im vergangenen Mai übernimmt er die Verantwortung.
Eine friedliche Lösung des Tschetschenien-Konfliktes schließt Bassajew
schon seit längerem aus: Der Krieg zur Befreiung der Moslems von der Wolga bis
zum Don werde 20 bis 25 Jahre dauern, sagte er vor fünf Jahren. Sein Kampf sei
erst dann zu Ende, wenn das "Gesetz Allahs in Jerusalem herrscht".
Wer helfen will, der findet auf der Seite alle notwendigen Informationen über Spendenkonten, aber auch über die Verwendung der Mittel. Die Spender werden, soweit sie es wünschen, namentlich genannt. Täglich verlängert sich die Liste derjenigen, die ihren finanziellen Beitrag leisten, um die Terroropfer zu unterstützen.
Von Kai Ehlers. In Beslan, Nord-Ossetien haben Geiselnehmer zum 1. September eine ganze Schule (Männer, Frauen und Kinder) als Geiseln genommen....
Kondolenzbuch
Die Schweizer Internetseite www.kondolenzregister.ch hat ein Online Kondolenzbuch für die Opfer der Geiselnahme in Beslan eingerichteteingerichtet.
Die Kondolenzeintragungen werden nach 6 Wochen in einem Sammelband der
Botschaft der Russischen Föderation in Bern übergeben.
Die südrussische Republik Nordossetien gehört seit Jahren zu den Krisenherden im Nordkaukasus. Mit einer Fläche von 8000 Quadratkilometern - etwa halb so groß wie Thüringen - ist sie eine der kleinsten Republiken der Russischen Föderation.