Ausgerechnet ein Kinderarzt scheint bei den
Verhandlungen mit den Geiselnehmern in einer Schule von Beslan eine
Schlüsselrolle zu spielen. Leonid Roschal war am Mittwochabend in der
nordossetischen Kleinstadt eingetroffen und hatte in der Nacht mit dem
Kommando telefoniert.
Nach Informationen russischer Medien hatten die
Geiselnehmer selbst den 71-jährigen Chirurg als Unterhändler vorgeschlagen.
Dieser hatte schon im Oktober 2002 bei der spektakulären Geiseldrama im
Moskauer Musicaltheater Nord-Ost vermittelt. Die Geiselnahme von mehr als 800
Personen endete damals blutig: Nach zwei Tagen stürmten russische
Sicherheitskräfte unter Gaseinsatz das Gebäude, 129 Geiseln und 41 Kidnapper
starben.
Den russischen Medien ist der 71-Jährige mit dem weißen Haarschopf und dem
meist hochroten Gesicht schon lange als "der Friedensdoktor" bekannt. Seit
1988 taucht er immer dort auf, wo nach bewaffneten Konflikten oder
Naturkatastrophen seine Hilfe verlangt wird. So war er 1991 in Jugoslawien,
1992 in Georgien und Berg-Karabach sowie 1995 in Tschetschenien. Er behandelte
Erdbebenopfer in Ägypten (1993), Japan (1995), Afghanistan (1998) und in der
Türkei (1999) und war auch nach mehreren Anschlägen in Russland zur Stelle.
Dabei deutete zunächst nichts in seinem Lebenslauf auf seine spätere Rolle
hin. 20 Jahre lang führte der in Orjol südlich von Moskau geborene Sohn eines
russischen Luftwaffenpiloten ein ruhiges Leben als Kinderarzt, 1981 dann
übernahm er die Leitung der Notfallchirurgie in einem Kinderkrankenhaus der
russischen Akamedie für Medizinwissenschaften.
1988 wurde er nach einem
schweren Erdbeben in Armenien zur Hilfe gerufen. Sein Einsatz vor allem bei
den kleinen Opfern der Katastrophe prägte ihn für sein weiteres Leben:
Unmittelbar darauf gründete er eine Ärzte-Brigade, um fortan in Konflikt- und
Katastrophenregionen rasch intervenieren zu können.
Vermittler im Moskauer Geiseldrama wurde Roschal nach eigenen Angaben wegen
seines Tschetschenien-Einsatzes. Das tschetschenische Geiselkommando habe nur
deshalb in Verhandlungen mit ihm eingewilligt, versicherte er später
wiederholt in Interviews. Im Gegensatz zum jetzigen Drama hatte Roschal im
Oktober 2002 nicht nur telefonischen Kontakt mit den Geiselnehmern; einem von
ihnen operierte er sogar die verletzte Hand. Auf sein Drängen hin ließen die
Kidnapper damals acht Kinder frei und akzeptierten die Versorgung ihrer
Geiseln mit Medikamenten und Trinkwasser - was das Geiselkommando in Beslan
strikt ablehnt. Für seinen Einsatz für die Geiseln wurde er von Präsident
Wladimir Putin mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
Inzwischen ist Roschal auch Mitglied des vom Kreml ins Leben gerufenen
Menschenrechtsausschusses. Innerhalb des Weltverbands für Katastrophen- und
Notfallmedizin (WADEM) leitet er darüber hinaus ein Hilfskomitee für Not
leidende Kinder in Kriegs- und Katastrophengebieten.
Wer helfen will, der findet auf der Seite alle notwendigen Informationen über Spendenkonten, aber auch über die Verwendung der Mittel. Die Spender werden, soweit sie es wünschen, namentlich genannt. Täglich verlängert sich die Liste derjenigen, die ihren finanziellen Beitrag leisten, um die Terroropfer zu unterstützen.
Von Kai Ehlers. In Beslan, Nord-Ossetien haben Geiselnehmer zum 1. September eine ganze Schule (Männer, Frauen und Kinder) als Geiseln genommen....
Kondolenzbuch
Die Schweizer Internetseite www.kondolenzregister.ch hat ein Online Kondolenzbuch für die Opfer der Geiselnahme in Beslan eingerichteteingerichtet.
Die Kondolenzeintragungen werden nach 6 Wochen in einem Sammelband der
Botschaft der Russischen Föderation in Bern übergeben.
Die südrussische Republik Nordossetien gehört seit Jahren zu den Krisenherden im Nordkaukasus. Mit einer Fläche von 8000 Quadratkilometern - etwa halb so groß wie Thüringen - ist sie eine der kleinsten Republiken der Russischen Föderation.