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11-03-2008 Schlagzeilen
Neu auf DVD: Wächter des Tages
Während der dritte Teil „Wächter des Zwielichts“ gerade im Startloch für den diesjährigen internationalen Kinostart steht, ist nun der zweite Teil der erfolgreichsten Kinoproduktion des nachsowjetischen Russland ab 15.3. in Deutschland auf DVD erhältlich: „Wächter des Tages“.

Der zweite Teil eines großen Erfolgs hat es oft schwer. Schon zu viele Fortsetzungen hielten nicht, was der Debütfilm versprach und so ist das Publikum misstrauisch. Noch mehr, wenn sich Hollywood in eine andernorts erfolgreiche Idee einklinkt. Doch es gibt auch Gegenbeispiele, wie „Wächter des Tages“, die Fortsetzung von „Wächter der Nacht“ zeigt. Die Russen stürmten ihre Kinos 2006 noch mehr als beim Vorgänger und spülten 30 Millionen in die Kassen der Macher – für Russland und seine niedrige Kinodichte ein Rekordergebnis.

Inhalt des Fantasy-Spektakels ist – wie sollte es anders sein – der Kampf Gut gegen Böse. Interessant wird er im Tagesteil dadurch, dass die Rollen nicht so klar verteilt sind und der Held – Anton Gorodetsky – zwischen den Fronten steht. So bereiten sich also wie in einem riesigen Schlachtgemälde die Kämpfer von Licht und Finsternis auf den großen Endfight vor und scharen sich um mächtige Anführer – bis der Sturm los bricht. Währenddessen muss der Held sich gegen eine unrichtige Mordanklage an einer Anhängerin der Dunkelheit wehren und wird zwischen Sohn Egor (Finsternisanhänger) und großer Liebe Svetlana (Lichtkämpferin) hin und her gerissen.

Alles in allem also ein Stoff für großes Fantasy-Actionkino und dass Hollywood hier in Gestalt von 20th Century Fox seine Hände im Spiel hat, sieht man. Doch man sollte diesen Einfluss nicht nur negativ bewerten. Die Spezialitäten großen US-Kinos, wie atemberaubende Special Effekts und packende Handlungserzählung ohne Längen stecken ebenfalls in diesem Film. Während bei „Wächter der Nacht“ für Unkundige der Romanvorlage der Plot teilweise schwer zu durchschauen war, ist dieses mal alles klarer. Hollywood-typisch mit schnellen Effektfolgen im Vordergrund geht es dann im Finale zu, doch ein überraschendes Ende (das hier natürlich nicht verraten wird) entschädigt für den fast rein aus Action gebauten Schlussteil. Schwer wird es jedoch jeder haben, dem Geschehen zu folgen, der „Wächter der Nacht“ nicht kennt. Es geht von Anfang an voll in die Handlung hinein, ohne neues Kennenlernen der Protagonisten.

Der Film ist spannend und nicht zu platt. Die Dunklen sind nicht ganz so böse und auch die Hellen nicht solche Lichtgestalten, wie in ihrer eigenen Auffassung – was den Film durchaus interessanter macht. Durch das geschlossene visuelle Design ist der Film atmosphärisch dicht und wird wohl nicht zuletzt deswegen mit „Matrix“ verglichen. Doch der Vergleich hinkt ein wenig – anders als Matrix ist die Wächter-Reihe keine Science Fiction, sondern pure Fantasy-Action. Absolute Fans der Romanvorlage von Sergej Lukjanenko werden nicht ganz zufrieden sein. Lukjanenko – selbst am Drehbuch beteiligt - wich gehörig vom Originalplot ab. So ist „Wächter des Tages“ nicht eine Verfilmung des gleichnamigen Romans, sondern befasst sich eigentlich mit einer geänderten Version des zweiten und dritten Kapitels des „Wächter der Nacht“-Buchs. Gerade der stark abweichende Schluss nährt dabei natürlich Gerüchte, dass die Amerikaner hier ihre Hände im Spiel hatten.

Der größte Teil des Tageswächter-Films wurde übrigens parallel mit dem Vorgänger 2002/2003 in Moskau und Samarkand (Usbekistan) gedreht. Nur der dritte Teil entstand erst 2007. Eine wichtige Rolle in der Handlung von Teil 2 spielt der Ostankino-Turm – mit 577 Metern dem höchsten Fernsehturm der Welt. Natürlich fällt er im Handlungsverlauf in mehreren Explosionen und einem monströsen Zusammensturz in Trümmer – aber dieser Film wäre wohl auch kein Massenkino mit Hollywood-Beteiligung, wenn das nicht passieren würde.

Die Besetzungsliste wird Russland-unerfahrenen Mitteleuropäern wenig sagen – nicht zuletzt weil die „Wächter“-Reihe ja der erste Großerfolg des neuen Russland im internationalen Massenkino ist. Es handelt sich nichts desto trotz um Schauspieler aus der ersten Reihe der dortigen Filmindustrie. Der Held Anton Gorodetsky wird gespielt von Konstantin Chabensky, der davor bereits in zahlreichen nationalen Kinoerfolgen in Hauptrollen mitgewirkt hat und 2004 sogar Gastgeber der russischen MTV Music Awards war. Sein attraktives weibliches Gegenstück Maria Poroschina in der Rolle der Swetlana ist die Tochter einer Regisseurin des Moskauer Bolschoi-Theaters und russischen Filmfans durch große Rollen in Filmen und Serien ebenfalls keine Unbekannte. Die Nebendarstellerin und Sängerin Schanna Friske in der Rolle der (ebenfalls singenden) Alisa ist in Russland mit einem Nummer-1-Hit bekannt und erwarb als beste Darstellerin gleich einen Preis bei den MTV-Movie-Awards. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg erstklassig – hier muss sich die neue russische Kinoequipe nicht hinter Hollywood-Größen verstecken.

Hinter den Kulissen ziehen die ganz Mächtigen der russischen Medienwelt die Strippen. Produzent Konstantin Ernst ist seit 2000 Generaldirektor des Perwij Kanal, des wichtigsten russischen Fernsehsenders. Auch sein Co-Produzent Anatoly Maximow sitzt beim russischen Ersten Programm ganz oben dabei als Chefproduzent und Kinoverantwortlicher. Der Regisseur Timur Bekmambetow schaffte mit der Wächterreihe den Sprung nach Hollywood und dreht dort aktuell mit Angelina Jolie.

Gesellschaftlich haben die Wächter-Filme in Russland einiges bewegt – nicht nur als Styling-Vorbild. Nach dem weitgehenden Zusammenbruch der Kinoindustrie am Ende der Sowjetunion - so ging die Zahl der Kinos von 10.000 auf 70 zurück - markieren sie einen Neubeginn in der eigenen Großfilmproduktion. Dieser wurde vorbereitet durch einen Innovationsfeldzug in Kinotechnik und ein modernes Verleihsystem, das die Anzahl der Kinosäle wieder auf etwa 1.000 steigern konnte.

Als Kauf-DVD kommt „Wächter des Tages“ am 15.3. übrigens als Director´s Cut daher, was heißen will, dass die Minuten, die die deutsche Kinofassung gegenüber der russischen kürzer war, wieder dabei sind. Beliebtes Zusatzmaterial wie „Making of“ und Kinotrailer sind natürlich ebenfalls mit auf der Silberscheibe. Neben der deutschsprachigen Fassung kann man auch beim hiesigen Release das russische Original in Dolby Digital genießen – gerne zur Not mit deutschen Untertiteln. Alles in allem also ein Kauf, der sein Geld für Fans von Action-Fantasy wert ist, die die russische Variante hiervon erleben wollen. Gerade atmosphärisch und von den schauspielerischen Leistungen ist sie manch großem Hollywood-Machwerk überlegen – frei ab 16 Jahren.

Roland Bathon / russland.TV – Daten des Films: Wächter des Tages, Director´s Cut Edition, Russland 2006, 140 Minuten, EAN 4010232042422; ab 15.3.2008 auf DVD im Handel, unter anderem bei www.dvd.nachrussland.de


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