russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



28-12-2004 Satire
... psst! ... Sternflüstern ...
Bitte ein Ren!
oder: Im Osten nichts Neues

Satire von Ralf Brings

Sechs Million Zuschauer verfolgten vor einem Jahr, wie es zwei deutschen Familien beim Russland-Probewohnen erging. Und sechs Millionen waren entzückt.

Auf besonderen Wunsch seiner Zuschauer und weil eine gute Quote immer noch das beste Argument für schlechte Unterhaltung ist, sendet das ZDF nun eine Neuauflage seiner In-Russland-ist-es-aber-kalt-Soup "Sternflüstern". "Im Osten nichts Neues" könnte man auch titeln: Wieder darf eine Großfamilie West und eine Kleinfamilie Ost mit Kind und Kegel ins ferne Russland ziehen.
bei russland.RU
Russland im deutschen TV - die unendliche Satire

Russland ist ein armes Land. Und seltsame Menschen leben dort. Die Männer tragen Uniform, Sonnenbrillen oder eine Flasche 40 Prozent. Und irgendwie sind alle ein bißchen kriminell:
Vorurteile die im deutschen Fernsehen immer wieder aufgekocht werden. Ralf Brings setzt sich satirisch mit der deutschen Berichterstattung über Russland auseinander.
Wieder drohen Kälte und Konsumverzicht, locken russische Weiten und Natur pur. Damit der Zuschauer nicht gleich erkennt, dass es sich bei der Neuauflage um eine lausig nachgestrickte Wiederholung handelt, hat sich das ZDF von der Ekel-TV-Soup "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" inspirieren lassen - und den frisch angereisten Deutschen ein Kakerlaken-Empfangskomitee ins Nest gelegt. Das hält die Germanen auf Trapp und kommt beim Publikum gut an. Die gemeine australische Küchenschabe (blatta australicus) ist eine Leihgabe von RTL und erfüllt pflichtbewußt auch öffentlich rechtlich ihren Auftrag. Ihr ist egal, welcher Sender mit ihr schlechtes Fernsehen macht. Nach dem schäbigen Empfang urteilt Frau Rabe treffsicher und zitiert einen bekannten russischen Schlager: "Na ulize cholodno, a w dome tarakani!" Was soviel heißt wie: "Draußen kalt und drinnen Kakerlaken" Sternflüstern, so schalmeien seine Macher, möchte zeigen, wie die Russen leben: Jetzt wissen wir´s. Dann werden im Familienkollektiv und mit deutscher Gründlichkeit die Kakerlaken totgetreten.

Auch Familie zwei hat gleich zu Beginn ein spannendes Russland-Abenteuer zu bestehen: Njet wodi! Kein Wasser im Haus! Oh Schreck, oh Graus! Wie wird Kleinfamilie Studte diese lebensbedrohliche Situation meistern? Mit kühlem Kopf und technischem Sachverstand! So kennt man die Deutschen! Tatsächlich entdeckt Team 2 kurz vor dem Verdursten im Garten ein Bodenloch, das ortskundige Nenzen für einen Brunnen halten. Mit letzten Kräften gelingt den Studtes aus Sachsen-Anhalt die Sicherstellung des wertvollen Nass´. Schnell noch einen Zaun drumrum und fertig. Dafür gibt es 100 Überlebenspunkte. Bravo! Dann treffen die Deutschen auf Eingeborene und Vieh. Die Eingeborenen werden geherzt, das Vieh gemolken und dann gegessen. Auch das hatten wir schon.

bei russland.RU
Sternflüstern - 1 - Die Ankunft - oder: Sibirische Blutorgie
Sternflüstern - 2 - Abenteuer Alltag - oder: Tote Fische ohne Kopf
Sternflüstern - 3 - Der Kuhflüsterer - oder: Holiday on ice
Sternflüstern - 4 - Ausgeflüstert!? - Gewinner und Verlierer und kein Ende
Aber dann: Während die Regie noch grübelt, ob die Einöde der Tundra nun öde oder mystisch sei, trabt ganz zufällig eine Rentierherde vorbei. Die kommt ja wie gerufen - und wird auf der Stelle gebucht. Nach der Schaben-Schar nun rastlose Rene. "Echt tierisch" findet das Benjamin Rabe, 9 Jahre. Die Idee mit den Rentieren ist nicht wirklich originell. Aber irgendwie hat der ZDF-Planungsstab übersehen, dass in der baumlosen Tundra nicht gerade der Bär tanzt. Da freut man sich über jeden Besuch. Zudem ist die Herde Kameraerfahren, weil sie schon bei 40 ARD-und ZDF-Produktionen unter Vertrag stand. Großfamilie Rabe und Rentierherde traben nun gemeinsam durch die sibirische Leere. Das regt die Sinne von Dr. Rabe, genannt Schiwago, an. Und je länger man so vor sich hin trabt, desto mehr beschleicht den Wandersmann eine Ahnung vom Kreislauf und Sinn allen Seins: Die Rentiere fressen Gräser, Moose und Flechten, und die Rabes Rentiere. Beides roh, weil das hier so üblich ist, aber mit Mehrwert: Denn von den Rentieren lernen, heisst in der bitterkalten Tundra, überleben lernen! Solch tief schürfende Einsichten vermittelt nicht einmal die RTL-Super-Nanni. Sternflüstern, die Sinnsuche-Soup ohne Plumsklo blickt hinter den Alltag einer fremden Welt. Sie fordert uns Daheimgebliebene auf, zu erkennen, dass Wasser aus dem See hohlen, nicht mühsam, sondern ein Abenteuer ist - und lässt uns darüber nachdenken, warum roher Fisch nicht nach Fleisch und rohes Fleisch nicht nach Fisch schmeckt.

Aber derart spirituelle Anwandlungen verblassen augenblicklich beim Um-die-Wette-Rentierbluttrinken. Hier entscheidet, wie im wirklichen Leben, nur die Menge. Der Spender heißt Ren und wird bei minus 40 Grad frisch angezapft. "Bitte ein Ren!" scherzt da der Doktor schon ein wenig angeheitert. Die kühlen Mannen aus dem norddeutschen Leck geraten nun doch noch in Wallung und den Ureinwohnern deutlich näher. Dr. Schiwago singt im Vollrausch "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins", was die Quote unter zwei Millionen drückt , die Stimmung im Rentierfellzelt aber auf den Siedepunkt treibt. Zum Finale verbrüdern sich dann alle Mannen. Bei minus 50 Grad! Wunderbar! 50 Überlebenspunkte und ein Völkerverständigungs-Fleißkärtchen! Das war alles. ... Nun erwarten wir die dritte Staffel. Arbeitstitel: "Die mit den Bären tanzen." Zwei deutsche Familien begleiten ein Rudel russischer Brummbären nach Tschukotka - und enden als Tanzbären in einer ukrainischen Zigeunersiedlung. Mit Ring in der Nase, Knopf im Ohr und allem, was zu einem richtigen Bärenleben dazu gehört. Im Völkerkundemuseum von Kiew findet das Abenteuer beider Familien dann ein würdiges Ende: ausgestopft für ein Zahlpublikum. Dann wird die Serie eingestellt.


Ralf Brings
:
www.rosen-dornen-und-traeume.agdok.de