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14-11-2003 Satire
RUSSLAND TV
Vom Elend der Russland-Reportagen - Teil 1
Satire von Ralf Brings

"Sie gingen aufeinander los,
wie zwei Kampfhunde
in einem Moskauer Hinterhof."
(Die Süddeutsche Zeitung über Andreas Möller und Mario Basler beim Fußballspiel Bayern München gegen Borussia Dortmund.)


In den Auslandreportagen, in Dokumentationen und tele-Magazinen begegnet er uns leibhaftig und auf allen Kanälen: der Russe. Kaum ein Abend, an dem er nicht wenigstens für Minuten aus seinem Reich ewiger Finsternis emporgestiegen und ins grelle Kameralicht der Fernseh-Reportagen getaucht, seinen eisigen Atem gen Westen haucht - und unter friedliebenden deutschen Fernseh-Konsumenten Angst und Schrecken verbreitet. Ganz gleich, ob als Reality-Produkt der Privaten oder Quoten(ver)brecher Öffentlich Rechtlicher Fernsehanstalten, der Russe ist im gewinnschielenden Tele-Spektakel unter den Bösewichten, Finsterlingen und Barbaren dieser Welt derzeit wieder die unbestrittene Nr. 1. Iwans Rückkehr fesselt Millionen vor den heimischen Empfängern. Abschalten können Sie woanders.

Es ist, wie es war: Russland: Frontland. Orte des Verbrechens sind, natürlich, Moskau und St. Petersburg, die gefährlichsten und sündigsten Städte der Welt. Russlands Rest - so scheint es - besteht aus endlostrostlosen sibirischen Weiten und kleinen Dörfern mit kleinen dicken, mal lustigen, mal betrunkenen Frauen unter bunten Kopftüchern, die geduldig darauf warten, von Gerd Ruge oder Dirk Sager interviewt zu werden: "Ist es Ihnen damals in der Sowjetunion besser gegangen?". Die Idylle aber ist weit weg und trügt schon deshalb, weil von Stalin millionenfach mit Menschenknochen gedüngt.

Was uns die deutschen Medien also über Russland zu sagen haben, sind nicht mehr als drei Dinge: Armut, Gewalt und Sex. In allen denkbaren Spielarten fimmert die östliche und elende Sex&Crime-Tragödie über die Mattscheibe in deutsche Haushalte und erzählt, was alle schon zu wissen glauben - weil sie es immer schon so gehört und gesehen haben...

Mit kleinen Präsenten in der Tasche findet der deutsche Kameramann immer, was er sich zu finden vorgenommen hat. Das Drehbuch ist bereits geschrieben: zu Hause. Nur noch die vorgedachten Bilder einsammeln. Und das heißt: Elend, Elend, Elend. Russlands Straßen sind voll damit - mit Säufern, Bettelkindern, jungen Nutten und alten Frauen, die im Akkord Kreuze schlagen, wenn sie nicht gerade beim Tüten verkaufen gefilmt werden. Die Straßenkinder von Moskau, die Straßenkinder von St. Petersburg, die Straßenkinder von Irgendwo-in-Russland ...

Eine endlos, gnadenlose Erfolgsleier mit immer gleicher Handlung schickt sich an, alle Städte Russlands zu erfassen und produziert Elendsbilder am laufenden Band. Natürlich spielt die Story überwiegend im Winter, denn jedermann weiß, in Russland ist es kalt - eiskalt - , und das erhöht die Elendigkeit des Elends noch um einige Grade. Wer friert, erfriert im bitterkalten Russland schneller als im Rest der Welt. Das weiß auch der Sibirien-Reisende Klaus Bednartz und deshalb liefert er, nachdem er sein Pulver bei Baikalsee II. verschossen hat, alle paar Minuten die neuesten Temperaturgrade frei Haus: Der Zuschauer, ergriffen von soviel journalistischem Spürsinn, staunt nicht schlecht, denn er erfährt aus erster Hand: In Russland, da ist es aber kalt. Wer jetzt nicht erfrieren will, der mußt schnell in den warmen Westen und vielleicht ist das auch der Grund, warum deutsche Fernsehjournalisten russische ReNtiere unaufhörlich als ReNNtiere bezeichnen: Nur schnell weg hier, scheint sich so ein ReNNtier in Russland ständig zu sagen.

Zurück in den Städten beginnt dann auch schon wieder die Suche nach verkrachten Existenzen. Thomas Roth kämpft sich am 1. Mai schnurstracks durch ein gut gelauntes Moskau in Partystimmung, umkurvt Frohsinn und Normalität und steuert zielstrebig den Bahnhof an: dort gibts Alkoholiker und Gestrandete satt und genau die will er haben. Es folgt: Investigativer Journalismus in besoffene Gesichter und der Bericht zur Lage der Nation, von Russen, die den vollen Durchblick haben: Journalisten Fragen, Alkoholiker antworten! Immer wieder auf den Wunschzetteln von Öffentlich und Privat stehen die Betteljungs.

Links zum Thema
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Top Drehadressen sind Quartiere unter Gullideckeln - und dann eine Runde Kleberschnüffeln bis die Linsen beschlagen. Sind die Kids dann so richtig hey, stellen die Journalisten Fragen. Z.B, wie es sich denn so lebt im winterlichen Russland, bei xy Grad und was sie denn mal Schönes werden wollen. Da lachen die Jungs beschwippst, denn nach dem Berufswunsch hat sie schon lange keiner mehr gefragt. Naja , sagt da einer, er gehe halt zur Mafia, was denn sonst. Da lachen die Jungs wieder und auch der Reporter ist bester Stimmung. "Gestorben" sagt der und meint damit, daß die Szene im Kasten ist: gut gelaufen, Aufstieg aus der Gulliwelt und ab ins Studio. Die Kids bleiben im Loch.. ...


( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
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