russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



20-11-2003 Satire
RUSSLAND TV
Vom Elend der Russland-Reportagen – Teil 2
Keine Russland-Rundreise ohne Rentierherde - und Ureinwohnern hinterher. Aber egal ob nun im hohen Norden, im fernen Osten oder bei "Mythos Ural" - irgendwie scheinen unsere Reiseexperten doch immer die selbe Strecke abzufahren, die sie dann auch mit den immer selben Liedern besingen: Man steigt in einen Wagen, der hier "Schneepanzer" heißt, trotzt Schnee und Eis

- und schon erleben wir die erste Autopanne: Eine Panne! Eine Panne! So ein Glück aber auch, da hat man was zu berichten. Reiseberichte von zivilisationsmüden Journalisten sind aus gutem Grund zu einem guten Teil immer auch Pannenberichte. Im Film wird die Panne dann auf Russisch, d.h. ohne Hightech dafür aber mit viel Muskelkraft von Sergej und Serjoscha weggestemmt und wegge- schoben. Die Deutschen, denen schon bei deutschen Schlaglöchern das Herz stehen bleibt, staunen dann nicht schlecht und erinnern sich an ihren Job und daß sie hier doch eine Reportage zu zaubern haben.

Also, Schlagzeile: Autopanne bei minus 40 Grad. "Ist das nicht gefährlich?" fragt Jungreporterin Bröker dann ängstlich und vermummt bis auf zwei Augen. "Nö", sagt Serjoscha ganz unvermummt und friert dabei noch nicht einmal, "sowas ist hier ganz normal". Anja Bröker aber kriegt die Krise. Seit sie gehört und berichtet hat, daß sogar russiche Motoren bei minus 40 Grad ihren Geist aufgeben, fürchtet sie um Leib und Leben. Eigentlich wollte sie ja über all-inklusiv und Castro auf Kuba berichten. Dann hat das Zentralkomitee der ARD spitz gekriegt, daß sie nicht nur eine Frau, sondern auch aus Ost-Deutschland ist und ungenutzte Schul- russischkenntnisse in ihr schlummern. Schon wars aus mit Cuba Libre und Sonne satt. Ab nach Russland! Daweidawei! ging der Befehl.

So zittert sich denn Bröker bei Eis und Schneegestöber ihre Repor- tage zusammen: "Jetzt sind es schon minus 50 Grad!" ermittelt sie, kriegt wieder ne Krise und verschwindet nun ganz hinter dicken Schals und hundert Prozent Wolle. Der Rest des Berichts wird mit dem Thermometer geschrieben und kreist um die Worte "kalt", "sehr kalt, "unglaublich kalt" und "eiseskalt". Damit steht auch schon der Titel: "Notruf in der Tundra. Unterwegs in Russlands eisigem Norden" Hilfe! Hilfe!

Währenddessen kämpft sich ARD-Studioleiter Albrecht Reinhardt weiter durch Schnee und Eis auf der Suche nach dem "Mythos Ural" im Ural. Frei nach Reinhardts Devise: Wir sehen nichts, kennen aber den Weg, entsteht hier gerade der obligatorische Reportagezweiteiler für das ARD-Weihnachtsprogramm 2003 - der Deutschland daran erinnern soll, daß die ARD auch dieses Jahr für keine Überraschung gut ist, aber ein Herz hat für überbezahlte und überforderte Korrespondenten.

Aber Reinhardt ist nun mal der neue Generalsekretär in Sachen ARD- Russlandbild. Und vielleicht will er ja die Zuschauer nur nicht mit Neuigkeiten verwirren. Gemäß dem Motto: Schone den Zuschauer - und schone Dich selber - nur keine Ansprüche wagen, steuert der General mit seinem Schneepanzer das nächstbeste Zelt ("Zelt am Ende der Welt") an. Mal sehen wer da ist! Dann guckt Reinhardt ins dampfende Zelt und sagt: Hier arbeitet die Frau vom Rentierzüchter. Der Rentierzüchter hat getrunken und legt sich schlafen. Das Zelt ist aus Rentier. Die Kla- motten sind aus Rentier. Dann guckt Reinhardt in den Kochtopf: auch hier Rentier. Hier ist alles Rentier, denkt sich Reinhardt, führt dann aber doch ein kleines Gespräch mit der Jüngsten und fragt nach ihren Zukunftsperspektiven: Rentierherde oder Studium? Mythos oder Zivilisation? Das ist hier die Frage. Dann dampft er ab, um das Thema Gulag abzuhaken. Dafür ist ihm kein Weg zu weit. Worüber auch sonst berichten in Tundra und Taiga? Als in Workuta ein vollbesetzter Linienbus an ihm vorbeifährt, verkündet Reinhardt komischklaustropho- bisch in die Kamera: Jetzt gibt's hier keine Lager mehr. Trotzdem fühlt man sich hier immer ein bißchen gefangen, von der Außenwelt abgeschnitten und eingepfercht."

Dann verliert sich der Gefangenentransport mit den eingepferchten PostGulagianern zwischen Einerlei und Nirgendwo. Die ARD fährt Erste Klasse in entgegengesetzte Richtung, dem Mythos immer noch dicht auf den Fersen. Dann geht die Sonne unter.

Im hohen Norden hat sich derweil Kollegin Bröker einer Gruppe Tschuk- tschen angeschlossen. Nachdem sie sich davon überzeugt hat, daß im Zelt der Nomaden Plustemperaturen herrschen, hat sich die Journalistin vor- sichtig aus ihrem Thermopanzer geschält und denkt nun daran, im wonne- warmen Tschuktschenzelt zu überwintern. Und Hunger hat sie auch! Wird wohl gleich gekochtes Rentier zu Mittag geben! Dann aber zupfen die Tschuktschen aus dem Rentierfleisch quabbelige, fette Maden. Eine Deli- katesse und "lecker, lecker", wie die Tschuktschen auf Tschuktschisch sagen. Da wird es der Bröker aber dann doch zu bunt. Die rasende Reporterin springt zurück in ihren Schneepanzer und fährt ganz ohne Panne in einem einem Rutsch zurück in die Moskauer Sendezentrale: Nie wieder Tundra! Nie wieder Rentiere! hört man sie noch bis in die Taiga fluchen.

Seit diesem Erlebnis ist die Jungjournalistin nicht mehr die Alte. Wie man hört, hat sie sich dem Alkohol zugewandt - und wie man leider auch gesehen hat, im Delirium eine Reportage mit dem Titel "Nasdrowje! Wodka - Treibstoff der russischen Seele" gemacht.


( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
www.rosen-dornen-und-traeume.agdok.de