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16-01-2004 Satire
RUSSLAND TV
Vom Elend der Russland-Reportagen – Teil 3
Zurück in den Städten muß sich der Korrespondent dann also wieder mit der Tagespolitik herumschlagen. Sagt er. Tatsächlich aber macht er sich sogleich wieder auf die Suche nach verkrachten Existenzen.

Thomas Roth kämpft sich am 1. Mai schnurstracks durch ein gut gelauntes Moskau in Partystimmung, umkurvt Frohsinn und Normalität und steuert zielstrebig den Bahnhof an: dort gibt's Alkoholiker und Gestrandete satt - und genau die will er haben. Es folgt: Investigativer Journalismus in besoffene Gesichter und der Bericht zur Lage der Nation, von Russen, die den vollen Durchblick haben: Journalisten Fragen, Alkoholiker antworten!

Roth hat für den Weltspiegel gerade wieder eine "Krise" in Russland ausgemacht. Und wo's keine gibt, kann man sie ja herbeireden: Steht der Roth also am 1. Mai auf dem Roten Platz und fragt: "Was halten Sie denn von der Krise?" Antwortet der Russe: "Welche Krise?" Pech gehabt. Falsche Antwort. Der nächste Bitte! Da sind die Säufer schon verläß- lichere Partner. Im Zweifel machen die auch für wenig Geld, eine volle Pulle, oder nur für ein bißchen Aufmerksamkeit was man will und für einen anständigen Bericht braucht. Säufer suchen ist denn auch in der Russland-Berichterstattung ein absolutes Muß: Iwan, der Säufer, bestätigt sämtliche Russlandklischees, ein Traumprotagonist, Nasdrowje!

Da schweben in einem Zug auf der Strecke zwischen Moskwa und Stolich- naya, wie von Geistes Hand, Wodkagläser durch die Abteile. Iwan Iwano- witsch, noch müde vom durchzechten Arbeitstag und nun auf der Heimreise, ist mächtig entzückt als ihm unsichtbare deutsche Hände, das Gläschen vor die Nase halten - und greift freudig nach der Gage. Mal ganz was Neues: Korrespondenten inszenieren die Wirklichkeit, so daß jeder die Inszenie- rung als Inszenierung erkennt. In ihrer Säufer-Reportage "Nasdrowje!" gibt Bröker einen tiefen Einblick in die russische Säuferseele. Auf tiefschürfende Fragen: "Warum trinken Sie?" folgen gehaltvolle Antworten: "Weil Sie mir gerade was eingeschenkt haben!" Für Bröker sind alle Russen im Zugabteil Alkoholiker und Säufer - nur weil sie ein Gläschen in der Hand halten, einfach nur schlafen, oder noch einfacher: weil sie Russen sind. Von der herbeigeredeten Sauforgie in dem "stinkenden" Zug, ist zwar auch bei genauerem Hinsehen keine Spur. Dafür aber trumpft die Journalistin mit Fakten, Fakten, Fakten auf: 60.000 Alkoholtote jährlich in einem Land, in dem es laut Reinhardt nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht dunkel ist. Wenn das kein Grund ist. Dann fängt der Kameramann noch schnell drei Torkelrussen ein. Was Bröker nicht sagt: Für Deutsch- land und Frankreich ermittelt man ziemlich genau die selbe Zahl Alkohol- tote. Wenn man nun die Einwohnerzahlen der drei Länder miteinander ver- gleicht, kann sich jeder darauf seinen eigenen Reim machen - und freuen auf die nächste entlarvende ARD-Reportage. Intro: Bierflaschen schweben durch den ICE oder eine Boing. 747 Ballermänner unterwegs und Harald Juhnke im Bierzelt als Experte. Die Reportage, ausgestrahlt zu Karne- vall, wird natürlich "Prost" heißen, Untertitel: "Gerstensaft schmiert deutsche Leber.

Zurück nach Russland. Immer wieder auf den Wunschzetteln von Öffent- lich und Privat stehen neben den Säufern auch auch die Betteljungs. Top Drehadressen sind Quartiere unter Gullideckeln - und dann eine Runde Kleber schnüffeln bis die Linsen beschlagen. Sind die Kids dann so richtig hey, stellen die Journalisten Fragen: Z.B, wie es sich denn so lebt im winterlichen Russland, bei xy Grad und was sie denn mal Schönes werden wollen. Da lachen die Jungs beschwippst, denn nach dem Berufswunsch hat sie schon lange keiner mehr gefragt. Naja, sagt da einer, er gehe halt zur Mafia, was denn sonst. Da lachen die Jungs wieder und auch der Reporter ist bester Stimmung. "Gestorben" sagt der und meint damit, daß die Szene im Kasten ist: gut gelaufen, Aufstieg aus der Gulliwelt und ab ins Studio. Die Kids bleiben im Loch.

( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
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