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20-01-2004 Satire
RUSSLAND TV
Vom Elend der Russland-Reportagen – Teil 4
Russland ist ein armes Land. Und seltsame Menschen leben dort. Die Männer tragen Uniform, Sonnenbrillen oder eine Flasche 40 Prozent. Und irgendwie sind alle ein bißchen kriminell: Die Armen, weil sie arm sind und sich durchs Leben schlagen. Und die Reichen, weil sie reich sind und - wie Russen nun mal sind - mit stolzer Russenbrust ihren Reichtum vorzeigen.

Und die Frauen? Russische Frauen heißen alle Tatiana oder Natascha. Und die Frauen haben es schwer: mit ihren versoffenen Männern, die das wenige Geld in Promille anlegen und nichts außer Sorgen nach Hause bringen. Aber russische Frauen stehen ihren Mann - im Sozialismus als Kranführerin und auch im Kapital. Zwei Sorten Frauen schlagen sich durch die Härten des russischen Lebens. Die kleinen Dicken mit den bunten Kopftüchern, die leben auf dem Land, sind laut und lustig und seit Gerd Ruge fester Bestandteil des ARD-Weihnachtsprogramms. Für "heiße" Geschichten aber taugen die nicht: da langt man lieber nach den Töchtern. Die sind dünn, haben auffallend rote Lippen, sind auffallend grell geschminkt, tanzen in einer Stripp-Bar und gehen auf den Strich oder in die Abtreibungsklinik. Meistens in dieser Reihenfolge.

"24 Stunden" mit Natascha durchleuchtet den Alltag einer 24jährigen aus St. Petersburg. Vom Anbaggern bis auf den gynäkologischen Stuhl in der Abtreibungsklinik recherchieren die SAT1-Männer detailversessen und mit schonungslos aufklärerischem Blick - bis fast hinein in den weit aufgefächerten Unterleib der jungen Russin. Der Zuschauer vernimmt, wie Natascha der Gynäkologin mit der Kochmütze und der Metzgermentalität von ihrer 24. Abtreibung im 24. Jahr berichtet, was dann sogar die hartgesottene Abtreiberin kurz in Richtung Kamera brüskiert. Spätestens jetzt wird klar, die Kundin ist Prostituierte, und Verhütung in Russland vollstreckt frau nicht mit Gummis oder Pillen, sondern mit Messer und Sauger. Ein kurzer Blick noch in die Rekonvaleszenz: drei Frauen, blutjung und alle Wiederholungstäterinnen, gerade entsorgt und schon scherzen und lachen sie wieder. Mein Gott, was für Menschen!

Aber eine gut gerührte Geschichte! Redaktionen und Konsumenten lieben Geschichten über strauchelnde und gefallene Mädchen. Und deshalb werden die Tatianas und Nataschas gleich schaarenweise vom Laufsteg abgegriffen und treten als medial vorzeigbare Lustobjekte ihre Reise gen Westen an. Von Katalogmädchen, Models, Stripperinnen, Prostituierten und Porno- darstellerinnen können die deutschen Programm-Macher gar nicht genug kriegen. So ist denn auch Herr Deutschmann schnell im Bilde: Russische Mädchen wollen Model werden oder so was ähnliches, oder reich, oder in den Westen - und das alles am besten gleichzeitg. Auch Dirk Sager weiß anschaulich über die russischen Lolitas zu berichten. Fünf braven jungen Frauen, die sich gelegentlich durch brave Tanzeskunst ein paar Rubel dazu verdienen, verpaßt der ZDF-Mann, kaum daß er sie vor die Kamera bekommen hat, den Prostituzia-Stempel der Käuflichkeit. Sager: "Jetzt haben sie sich daran gewöhnt, ihre Haut zu Markte zu tragen, werden gemietet für Feste einiger wenigen Reichen."

Dann zaubert der Russland-Experte vom zweiten Kanal ein Szenario, als wolle er Lenin mit Stalin austreiben: Russland, ein Wintermärchen. Bezaubernde Schneelandschaften. Dann eine Sauna, daneben ein Swimmingpool. Der Pool dampft, Sager schwitzt und haucht mit Lilo Wanders Worten:

"Und dann noch Sibirien von der ganz heißen Seite..."

Das war das Stichwort: Aus der Sauna treten nun, eine nach der anderen, fünf junge Frauen in knappen, bunten, unverbrauchten Bikinis - und tragen, wie der Reporter schon so treffend vorhersah: ... "ihre Haut zu Markte". Aha! Typische russische Mädchen! Lassen für Geld und Gagen, für reiche Russen und TV-Teams aus dem goldenen Westen mal wieder die Hüllen fallen! Schnitt. Da stehen also fünf Bekinimädchen im sibirischen Schnee. Und? Was sollen wir JETZT tun? fragt da eine. Pause. Denn Herr Sager ist sprachlos glücklich und läßt seine Mietmädchen noch ein Weilchen in dem von ihm geschaffenen Szenario stehen. Und dann, natürlich und unvermeidlich, der Höhepunkt des Abends, man ahnt es schon: Die Mädchen springen in den vor Freude dampfenden Pool.

Dann ist nur noch Plantschen. ...

Und Ende. Der flotte Fünfer verabschiedet sich vom ZDF, um auf dem heimischen Markt noch ein bißchen Kohl, Kar- toschka und Kascha zu kaufen. Die Kamera zeigt derweil wieder: Russichen Winter. Besonders beeindruckend, weil hier in Sibirien besonders kalt! Dirk Sager aber bleibt nur eine wehmütige Erinnerung an eine unvergeßliche Poolparty. Dann nimmt er die Hand von seinem ersten Auge, vergießt eine Träne und schreibt in den ewigen Schnee die Worte:

"Lockruf der Wildnis ... Warme Quellen
- eine Verlockung auch für den auf
Sachlichkeit bedachten Reisenden."

( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
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