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29-01-2004 Satire
Sternflüstern - 2 - Abenteuer Alltag
oder: Tote Fische ohne Kopf
Deutsche Familien entdecken russischen Alltag Klapproths arbeitslos. Fische kopflos. Möchel Superdaddy

Satire von Ralf Brings

Das Abenteuer hat einen Namen: Alltag. Kühe melken als Obsession und Holzhacker im Dauereinsatz.


Die Überlebenstechniken sind gelernt. Aus Freizeittripp wird Arbeitslager. Die deutsche Trudarmee im sibirischen Dauereinsatz, denn Väterchen Frost naht und drückt kräftig auf die Stimmung.
Nur Herr Möchel findet noch Zeit und Muße, um in einer selbstlosen Aktion, ein Vater-und-Sohn-Segelboot zu bauen: zur Freude von Klein-Aljoscha. Sein Papa habe so etwas nie mit ihm gemacht. Klar, nur deutsche Väter kommen auf die Idee, mit einer Tischdecke in See zu stechen.

Ansonsten sind die Rollen beim deutsch-deutschen Familienduell klar verteilt: Da ist Michael Möchel, ein Mann ohne Fernsehgesicht aber mit Eigenschaften, sehr bayrisch aber von norddeutscher Zurückhaltung, unscheinbar, aber von übersprudelnder Schaffenskraft, ein Überlebenstiger - und keine Frage: der kommende Bürgermeister von Olchon.

Auf der anderen Seite: René Klapproth, mit Cowboyhut, Kampfanzug, Silberkette, Gummistiefeln und im Gesicht Bart oder Schnauzer. So sehen Abenteurer aus! Denkt man. Selbstzufrieden mit sich und seinem Outfit strahlt Mr. Abenteuer dem Millionenpublikum aus jedem Programmheftchen entgegen. Der Outfitmann ist das Covergirl zur Sendung, das Logo als Gesicht und verspricht, was er nicht hält. Denn wenn's drauf ankommt, möchte man keine Cowboyattrappe, sondern doch lieber den Möchel zum Papi haben.

Wohl wahr: Denn unter Meister Möchels Händen erblühen Gärten und Gewächshäuser, entstehen Kirchen und vielleicht ganze Flottenverbände - auf denen traurige kleine Jungs Vatergefühle entwickeln. Das ist der Unterschied: Während Vielvater Möchel Kinderträume wahr macht, werkelt Klapproth an der Klositzbrille für den Eigenbedarf und gibt anderen nur gegen Bares.

Es wird kühler und beiden Familien gehen so langsam die Rubel aus. Wie also zu Geld kommen in diesem Dorf am Ende der Welt? Auch hier erweist sich Möchel als Fritze im Glück, wird unter seinen magischen Händen doch alles zu Gold, wofür ihm dann sogleich von den Eingeborenen eine Daueranstellung angetragen wird: Olchon auf Lebenszeit. Wenn das kein Angebot ist.

Kollege Klapproth hingegen verdingt sich traurig als Tagelöhner und reißt auf einem Fischkutter naturgeschützten Fischen die Köpfe ab. Natürlich macht er das ungeschickt und widerwillig - lieber malt er daheim Tiger und Büffel auf Tanks und Satellitenteller.
Aber jetzt ist er hier beim ZDF und in Sibirien und Hauptdarsteller einer Abenteuer-Doku. Eigentlich das, wovon er immer geträumt hat. Nur: Das aktuelle Abenteuer auf dem wackeligen Boot behagt dem bodenständigen Klapproth leider gar nicht. Und die glitschigen Fische, die er hier zu massakrieren hat, geben ihm den Rest. Gleich muß er kotzen ... Aber wohin? In den mystischen Baikalsee? Auf die Fische? In den Cowboyhut? Dann ist endlich Feierabend. Grinsend überreichen ihm die Russen ein paar Rubel und noch eine Tüte Fisch zum Knabbern für unterwegs. Mit Mr. Abenteuer aber ist heute nicht mehr zu spaßen. Knurrend nimmt er seinen Stift und streicht "Fische" und "Schiffe" aus seiner "Ich und meine Abenteuer"-Liste und hofft auf bessere Zeiten.

Aber auch Gattin Kerstin ist schon lange nicht mehr bester Laune. Zum einen geht ihr die Kuh und das ewige Melken ziemlich auf den Keks und zum anderen hat sie sich das Job-Angebot in der sibirischen Provinz irgendwie bunter und lustiger vorgestellt. Als man sie dann auch noch auf ihre fehlenden Russischkenntnisse anspricht, ist die Krankenschwester ernsthaft verstimmt - und schlägt eine Arbeit, bei der sie den Russen in "bitterster Armut" helfen könnte, glatt aus: zu wenig Geld, zu viel Arbeit und vor allem: nicht sauber! Auf solche Abenteuer kann Frau Klapproth gerne verzichten: "Dann lieber arbeitslos."

Nächste Woche: Noch mehr Abenteuer.
Klapproths streiken. ZDF klagt vor Arbeitsgericht.

( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
:
www.rosen-dornen-und-traeume.agdok.de