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04-02-2004 Satire
Sternflüstern - 3 - Der Kuhflüsterer
oder: Holiday on ice
Jenny lernt Deutsch. Kerstin eröffnet Massage-Salon. Und René zieht Kalb das Fell über die Ohren.

von Ralf Brings

Kerstin Klapproth ist mal wieder grantig. Schon die Russen waren ihr fremd. Und nun auch noch diese Chinesen.


Und dann feilschen diese Chinarussen auch noch um die Preise. Seltsame Bräuche!
Weil unsere Überlebensstrategen doch glatt ihre dicken Pullis zu Hause gelassen haben, sind Frau Möchel und Frau Klapproth zum Einkaufsbummel nach Irkutsk auf den Chinesen-Markt gefahren.

Keine chicen Boutiquen und keine Einkaufswagen, sondern kilometerweise getürkte Echtware und quengelnde Kids, denen der Sinn ohnehin nur nach Mac Ripp steht.

Auch die ersten Schneeflöckchen stimmen Krankenschwester Kerstin nicht freudiger, sondern lassen böse Ahnungen in ihr hoch kommen: Melken bei minus 40 Grad! Stand das denn so im Reiseprospekt?

Anja Möchel hingegen malocht ohne mit der Wimper zu zucken in der Fischfabrik, nimmt "kalte Fische" aus und macht Schaschlik draus - und das alles eisgekühlt und ohne Ofen. Dafür hat sie einen Job, nette Arbeitskolleginnen, viel Drushba und ihre sechsköpfige Familie ein paar Überlebens-Rubel mehr.

Möchels und Klapproths sind die Antipoden in einem Spiel, das uns unentwegt vorgaukelt, dass es in Sibirien (fast) unmöglich sei, zu überleben: weil zu kalt und Mensch zu arm. Dazu noch ein Wetter als nahende Naturkatastrophe und ein Baikalsee, der seine Fischer verschlingt, wenn ihm danach ist. Und mitten drin in diesem Inferno zwei Familien, die sich und Deutschland beweisen wollen, dass Deutsche wie die Russen (über-)leben können.

In Wirklichkeit aber hat sich Ehepaar Klapproth schon längst aus der Abenteuer-light-Game- show verabschiedet. Schon beim Vorspiel "Arbeiten wie die Russen" sind die Krankenschwester (Zu viel Arbeit für zu wenig Geld) und der Cowboy (in der Luft luftkrank, auf dem See seekrank, und im Schnee tun ihm die Zähne weh) ausgeschieden. Sechskommasechsdrei Millionen Deutsche Fragen sich nun: Können lust- und arbeitslose Klapproths den gnadenlosen sibirischen Winter überleben?

Außer Onkel Mischa und Tante Mascha, die beim Möhrenpulen und Gurken- einmachen helfen, haben Klapproths von Land und Leute noch wenig kennen gelernt. Deshalb muss Töchterchen Jenny jetzt internationale Kontakte knüpfen und zur Schule gehen. Aber wie alles bei den Klapproths ist auch diese Mühsaal nur von kurzer Dauer: Einmal (!) in der Woche Schulbank drücken bei den Russen!

Nur widerwillig fügt sich Jenny in das deutsch-russische-Begegnungsprogramm. Papa Klapproth herzt sie noch einmal: Wenigstens einer von uns soll hier arbeiten. Dann sitzt das deutsche Mädchen in der russischen Klasse und - Achtung! Achtung! 1,2,3, Polizei! - nimmt am Deutschunterricht teil. Chuschir lernt Deutsch.

Keine Kühlschränke aber deutsche Sprachkenntnisse. Wie praktisch, da kann man sich das Russischlernen sparen. Zurück bei Mama und Papa erzählt Jenny dann auch stolz, dass sie in der Schule jedes Wort verstanden habe. Otlitschna! Ganz hervorragend! Zur Belohnung gibt´s eine Woche Lernpause.

Den Klapproths geht es viel zu gut. Sie haben freie Unterkunft, eine Kuh, Kartoffeln, Kohl, Karotten - und nur ein Kind. Und zu allem Überfluss auch noch monatlich 100 Euro Stütze für fünf Monate Holiday on ice. Harter Überlebenskampf und Leben wie die Russen?

Von wegen! Kriegen die Eingeborenen von Chuschir auch hundert Euro Grundrente vom ZDF? So aber kann man sich als Überlebenskämpfer einen Lenz machen und den Urlaub von der vermeintlichen Zivilisation als knüppelhartes back to the roots-Abenteuer verkaufen. Wenn Klapproths wirklich wie die Russen von Chuschir leben müssten, hätten die sich schon am zweiten Tag vom Acker gemacht. So dauert es eben ein bisschen länger.

Wie anders sind da die Möchels aus Bayern. Michael Möchel arbeitet unermüdlich am Aufbau Ost. Ein Deutscher wie er im Buche steht: Fleißig, fleißig, fleißig - und vier Kinder. Allerhand.

Aber auch wo Faulheit und Fleiß miteinander im Wettbewerb stehen, ist noch lange kein Abenteuer. Da hat Krankenschwester Kerstin eine tolle Geschäftsidee! Sie gründet auf der Insel Olchon die erste Ich-AG, zieht ein Pritsche hervor und eröffnet für massagebedürftige Russen einen flotten Massage-Salon.

Auch René wagt den Schritt zu mehr Selbständigkeit und erklärt sich feierlich zum "freien Künstler". Sein erstes Kunstwerk "Made in Russia" heißt "easy" und ist seine ganz persönliche Antwort auf das schwere Leben in Sibirien. "easy" ist eine Art aktionskunstgepinselter Graffiti. Und "easy" prangt nun bedeutungsvoll über seinem Bett. Gerne würde er sein Kunstwerk dem gemeinen Volk von Chuschir zeigen. Aber es kommt natürlich keiner. Jetzt wartet er auf Aufträge, oder dass ihm jemand die Tapete abkauft. Auch Kerstin wartet. Vor ihrem Haus hat sie ein Schild aufgestellt: "Deutsche Massage. Halbe Stunde: 3 Euro."

Der Zuschauer fragt sich unterdessen, nach welchen Kriterien die zwei Familien wohl ausgesucht worden sind. Bestimmt nicht, weil sie begnadete Erzähler sind, Witz und Esprit haben. Womöglich hat das Zweite beim Casting vor allem auf Klapproths (absehbare) Krankengeschichte, schlechte Zähne und Möchels Kinder- schar gesetzt. Die Akteure jedenfalls haben wenig bis gar nichts zu sagen und sind leichenblass. Bemühungen des Erzählers (Marke Märchen-Onkel), durch Dauer- gequassel die Story voranzutreiben, degradiert die vermeintlichen Hauptakteure vollends zu Statisten - die nur das Bild zum Text abgeben. Wozu fernsehen, wenn alles vom Big Brother erzählt und erklärt wird? Wenn der ganze Film, wie aus einem Buch, vom allwissenden Erzähler-Onkel vorgelesen wird?

Doch dann endlich eine Aktion, die einem das Blut in den Adern erfrieren lässt. Mr. Abenteuer verspürt plötzlich einen Heißhunger auf Blutwurst. Schon in Folge 2 erwies sich der sibirische Patient als Experte im Umgang mit Kühen. Über Kühe habe er sich nämlich im Internet informiert., weiss der große Bruder zu berichten.

Schon rast Klapproth auf das arme Tier los und will es fesseln und knebeln. Die Kuh tritt aus, was sie laut Internet-Lernprogramm gar nicht darf. Aber Klapproth kontert und flüstert ihr magische Worte ins Ohr: "Bleib stehen! Verdammt!" Die Kuh ist verwirrt und erstarrt augenblicklich. Dann lässt sie sich widerstandslos melken. Otlitschna! Das richtige Wort zur richtigen Zeit, denkt Kuhflüsterer Klapproth und klopft sich wieder auf die Schulter.

Aber das war gestern. Jetzt geht's ans Eingemachte. Blutwurst muss her! Nachbar Mischa holt seine Knarre und erschieß ein Kalb. Dann zieht der freie Künstler ganz easy dem Kalb das Fell über die Ohren. Endlich. Nie hat man Klapproth glücklicher gesehen. Und er wird noch nicht mal krank.

Dann das Finale: Kleine Fleisch-und Blutwurstparty mit Mascha und Mischa. Nur Jenny ist traurig. So hat sie sich ihren Mac Ripp nicht vorgestellt.

Fortsetzung folgt ...

( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
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