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12-02-2004 Satire
Sternflüstern - 4 - Ausgeflüstert!?
Gewinner und Verlierer und kein Ende

von Ralf Brings

Sternflüstern ist für seine Macher ein Erfolg gewesen. Auch wenn mit 5,67 Mio. Zuschauern der vierte Teil auf hohem Niveau eingebrochen ist,


haben die Mainzer mit ihrem Konzept (Schöne Bilder, vorgekaute Worte und Russland-Klischees am laufenden Band) einen Hit gelandet.

Mit schwerwiegenden Folgen: Fortan werden die Dienstagabende auf unabsehbare Zeit durch weitere Winter-Reportagen über Russland besetzt bleiben. Schon nächste Woche sendet das Zweite seinen ersten Dienstag-ist-Russland-Themenabend. Zunächst wird eine neue alte Reportage ausgestrahlt: "Russland ein Wintermärchen, Teil 1", in der wie schon tausendmal davor, fröstelnde Reporter tausende von Kilometer auf holprigen verschneiten Wegen verfahren, um mit immer gleichen Geschichten das immer gleiche Russlandbild zu vermitteln. Und dann, kurzfristig ins Programm genommen: Die Fortsetzung des Erfolgs: der Sternfüstern-Nachschlag sozusagen.

Das Zweite hat dazugelernt und sich die Vermarktungsstrategien der Privaten zu eigen gemacht. So folgt denn auf den vierten und vermeintlich letzten Teil "Sternflüstern: Abschied aus Sibirien" unerwartet und spontan: "Sternflüstern: Ankunft in Deutschland". In die Vermarktungsstrategie mit Gewinnspielen, (Gewinnen Sie ein Abenteuer), 0190-Anrufaktionen
(An welchen See liegt der Baikalsee?), dem Buch, der CD, der DVD und dem Spiel zum Film (Schnee-flöckchenspiel), werden nun auch die strahlenden Sternflüstern-Matchwinner eingebunden. "Möchel in TV" machen die Runde: Ein medialer Dauerbeschuss mit den neuen Sibirien-Helden steht an: von "Frühstücksfernsehen" über "Mittagsmagazin" bis "heute Nacht": ("Haben die Kinder auch gut geschlafen?") Tags darauf ein Stelldichein mit Anja im ZDF-Kochstudio. "Leichte Kost aus fernen Ländern". Heute auf dem Speiseplan: Aussteigerküche sibirische Art mit Kartoffeln, Kohl und Karotten. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität werden die Möchels dann als Möchel-Family mit Mischa, Anja, Ronja, Nelly, Lou und Jule ihr ganz persönliches Sibirien-Lied zum besten geben. Auch an der Produktion eines Musicals im ZDF-Theaterkanal wird bereits fieberhaft gearbeitet. Hier dürfen dann auch wieder die Klapproths mitspielen: Als fleischfressende Bösewichte, alle drei mit Schlapphut und blutig verbundenen Gliedmaßen, auf einem Bein über die Bühne hüpfend, während das Publikum sie mit Kartoffeln, Kohl und Karotten anfeuert.

Mit ZDF-Kerner wurde der Reigen an Talk-Shows wenige Minuten nach Teil 4 eröffnet. Leider war die Stimme des Sternflüstern-Geschichtenerzählonkels nicht mit dabei und so hatten die Möchels - wie schon in der Serie - nicht viel zu sagen. Da auch Kerner eigentlich nichts zu fragen wusste, hat man sich in der Sache eine Weile wortreich angeschwiegen. ("Was hatten sie für Kleidung an?" ... "Anoraks". ) Ohne Orchestermusik und Kommentatorstimme im Off machen die Möchels im wirklichen Leben nun mal wenig her.
Vor allem entsprechen sie überhaupt nicht dem Bild von romantischen Totalaussteigern. Kerner: "Wie oft haben Sie mit dem Gedanken gespielt da noch einmal hinzugehen, vielleicht sogar für länger?" Antwort: "Net so sehr." Bei solchen Antworten fährt es den Sternflüstern-Machern durch Mark und Bein. Das hastig vom ZDF bereitgestellte Personal-PR-Management hat bereits reagiert. Bei weiteren Auftritten werden die sympathisch bescheidenen aber mundfaulen Bayern durch das Stern-flüstern-Streichorchester begleitet und Mr. Sternflüsterstimme erklärt - wie im Film - was die Möchels denken, fühlen und meinen.

Klapproths hingegen haben sich in ihrer Air-Brush-Werkstatt verbarrikadiert. Die erhofften Mal-Aufträge (Take it easy auf dem Tank) sind ausgeblieben. Stattdessen durchstöbern sie seit Wochen Säcke mit "Fan"-Post und suchen verzweifelt nach freundlichen Worten. Seit ihrer Arbeitsverweigerung im zweiten Teil haben sich vor allem ostdeutsche Zuschauer über die "arbeitsscheuen Klapproths" ereifert.
Die Klapproths, so hieß es immer wieder, hätten ein schlechtes Bild von der Arbeitsmoral in Ostdeutschland vermittelt. Auch am Looser-Image hatten viele Ostdeutsche schwer zu knabbern. Für manchen hat sich die Serie auf die plakative Frage reduziert: Halten diese Ostschlaffis durch? Tatsächlich war die Serie von Anfang an als Gewinn-und-Verlierer-Spiel konzipiert. Die mit Abenteuer-Image ausgestatteten Klapproths (Russlanderfahren, weil mal durchgefahren) sollten dabei obsiegen gegen eine mit vier Töchtern gesegnete Großfamilie mit scheinbar unbegrenztem Problempotential. Es kam ganz anders. Aber egal, denn auch mit vertauschten Rollen wurde das Konzept durch-gehalten. So ist zu erklären, warum die Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie der Klapproths nicht abbrechen wollte. Dazu das ewige klapprothsche Blutbad: Ob Nase, Bein oder Finger, alles hat bei dieser Familie irgendwann mal mehr oder weniger geblutet. Und wo sie nicht selber geblutet haben, haben sie es mit Hilfe von Schlachtern und Verwurstern eimerweise bluten lassen.
Als wäre das nicht alles schon schrecklich genug für eine Nation, die Tiere vor lauter Tierliebe totstreichelt, erlebte Deutschland dann auch noch, wie René zum Messer greift und als Ripper dem halben sibirischen Streichelzoo das Fell abzog - nicht ungern, wie der Kommentator hinterlistig versicherte. Auch während des anschließenden lustvollen Verzehrs dachte die schockierte Nation nur noch wehmütig daran, dass dieses tote Fleisch gerade noch glücklich gelebt hat. Mit ihren zwei selbstgeschlachteten Sonntagsbraten konnten die Klapproths also kaum Sympa-thiepunkte sammeln. Aber eigentlich waren sie schon vorher unten durch. Demgegenüber blieben die Möchels unbefleckt, keine Verletzungen, hier saß jeder Griff, kein Arzt und alles vegetarisch und koscher einwandfrei, krank hatten nur die Klapproths zu sein..

Klapproths sind sauer auf das ZDF und glauben, dass man sie einseitig und gezielt unsympathisch ins Bild gesetzt habe. "Glaubt nicht alles, was ihr seht", teilte René Klapproth auf dem Höhepunkt der Anfeindungen flehend im Russ-land-Forum der Öffentlichkeit mit. Prompt räumt das ZDF ein, dass man beim Kälber- und Schafesmassaker ein Double mit Hut engagiert habe. Dass dieser aber immerhin der Original-Klapp-und-Cowboyhut gewesen sei. (Demnächst über ebay für eine gute Sache zu ersteigern.) Andere Quellen sprechen von einer Versöhnung zwischen ZDF und den Klapproths. Nach zähen Gagenverhandlungen, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, habe man sich versöhnt und will dem vielfach geäußerten Wunsch nach einer Fortsetzung entsprechen.

Diesmal, so heißt es weiter, schickt das ZDF beide Familien in die Wüste. (Arbeitstitel: Wüstes Land) Die Voraussetzungen in der Wüste, meint ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut, sind optimal, denn die Wüste ist ja noch ärmer als Sibirien. Statt Kühe gebe es Kamele, statt Holzhäuser Zelte. Beide Familien hätten sich ein Beduinenzelt zu teilen. Und auch die Grundversorgung von 100 Euro wird abgeschafft: Überlebenskampf pur unter Afrikas sengender Sonne. Was also wird geschehen? Micha Möchel wird aus der Wüste eine Oase zaubern, René, the Ripper, wird nach unzähligen wüsten Erkrankungen, Kamelen das Fell über die Ohren ziehen. Und zum Abschied werden Beduinen weinen. 7 Mio. Zuschauer werden begeistert sein.


( Copyrights: Ralf Brings. Veröffentlichung nur nach Rücksprache )
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www.rosen-dornen-und-traeume.agdok.de