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05-01-2011 Regionen
Litkowka, ein russlanddeutsches Dorf in der westsibirischen Taiga


[ Von Gudrun Steinacker ] Litkowka ist ein ca. 120 km nordöstlich von der Kreisstadt Tara am Irtysch, 300 km nördlich von Omsk, entfernt liegendes überwiegend russlanddeutsches Dorf, das ich am 23. Mai 2010 mit einer kleinen Delegation besucht habe. Das Dorf wurde vor 110 Jahren von Mennoniten gegründet.

Ende des 19 Jhs und Anfang des 20. Jhs. zog es eine größere Anzahl deutschen Dialekt („Plattdeutsch“, erinnert eher an Hessisch) sprechender Mennoniten aus dem Süden Russlands in die fruchtbaren Gebiete der sibirische Tiefebene rund um Omsk. Sie wurden durch die Fruchtbarkeit der Erde und Steuervergünstigungen, die das Zarenreich Neusiedlern anbot angelockt und die Möglichkeit statt des Militärdiensts zivilen Walddienst zu leisten, da die Mennoniten den Dienst an der Waffe ablehnen. Die deutschen Siedlungen blühten rasch auf.

Mit der Sowjetisierung Westsibiriens Anfang der 20ger Jahre begannen erste Schwierigkeiten. Vom Ende der 20ger Jahre an waren die deutschen Siedler, wie auch andere Siedler aus dem europäischen Russland verschiedener ethnischer Herkunft, sowohl aufgrund ihrer Religion als auch der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit immer massiveren Repressionen ausgesetzt: Religionsverfolgung, Entkulakisierung, Kollektivierung, Hungersnöte, ab 1937 Ende der Bewegungsfreiheit im 20 Jahre andauernden Kommandaturaregime.

Einigen Mennoniten gelang um 1930 die Emigration aus der Sowjetunion, meist in die USA und nach Kanada. Dann war die sowjetische Grenze dicht. Die Anführer der Auswanderungsbewegung wurden hingerichtet. In den 40ger Jahren zogen deportierte Wolgadeutsche und Schwarzmeerdeutsche hinzu. Auch nach dem Tod Stalins blieb das Leben beschwerlich. Russlanddeutsche waren vielfältigen Schikanen und Gängeleien der Behörden ausgesetzt.
Daher haben in den 90ger Jahren auch viele Bewohner Litkowkas ihr Dorf in Richtung Deutschland verlassen. Sie wurden z.T. durch Russlanddeutsche aus Kasachstan, ehemals deportierte Wolgadeutsche, ersetzt.

Heute hat Litkowka 507 Ew., davon sind 380 Russlanddeutsche. Man lebt von der Viehzucht für die Fleischverarbeitung und Milchwirtschaft. Es gibt keine eigene Verarbeitung. Die Produkte werden nach Tara transportiert. Feldwirtschaft wird für die Viehzucht und den Eigenbedarf betrieben. Der Winter ist kalt, bis minus 40 Grad und lang, 7 Monate. Der Sommer kurz und heiß.

88 Kinder im Schulalter und 53 Krippen- und Kindergartenkinder besuchen die gut organisierten Betreuungseinrichtungen.
Kulturelle und sportliche Aktivitäten wurden bisher von der GTZ unterstützt. Mit deutscher Hilfe wurde ein Bäckerei gebaut. Das Produkt können wir bei einem Mittagessen mit der energischen Verwaltungsvorsitzenden und der Leiterin des Begegnungszentrums genießen, bei dem fast nur Gerichte aus Eigenproduktion vorgesetzt werden, auch Bärenschinken und geselchtes Elchfleisch.

Die kleine mennonitische Kirche ist am Pfingstsonntagmorgen nur von wenigen älteren, noch plattdeutsch sprechenden Gläubigen besucht. Am Nachmittag findet der russischsprachige Gottesdienst statt.

Trotz des kühlen, nassen Wetters, bei dem die Dorfstraße so aufgeweicht ist, dass man fast stecken bleibt, macht das Dort den Eindruck einer Musterkolonie. Die bunt angemalten Holzhäuser sind akkurat und sauber aufgereiht.

Im Kulturzentrum und der Schule werden stolz die vielfältigen Aktivitäten präsentiert. Deutschunterricht findet mit Unterstützung der GTZ für Kinder und Erwachsene statt. Die Deutschen aus Kasachstan waren weitgehend russischsprachig, als sie nach Litkowka kamen.

Das Dorf scheint fest in weiblicher Hand zu sein. Wir treffen an diesem Sonntag nur Frauen. Die Männer arbeiten in der Vieh- und Holzwirtschaft und befassen sich je nach Jahreszeit mit der beliebten Jagd. Die Verwaltungsvorsitzende, mit Studienabschluss in Irkutsk, aus einem Nachbardorf stammend, betont die Autarkie des Dorfes.

Von der Nähe der Erdölbohrungen durch Gaspromneft profitiert Litkowka wenig. Leider zerstören die schweren Fahrzeuge immer wieder im Frühjahr und Herbst die lehmige, unbefestigte Straße von Tara nach Litkowka. Nur die ersten 30 km der insgesamt 120 km sind asphaltiert. Erst vor kurzem wurde kurz nach Tara eine neue Brücke über die Schisch eingeweiht. Danach, so der Rayons-Vorsitzende beginnt erst die echte Taiga.
In den vergangenen Jahren hatte Gaspromneft mit ca. 50 Mio Rubel (ca. 1,2 Mio Euro) zum Budget des Rayons beigetragen, wovon auch Litkowka profitiert hat. 2009 waren es aufgrund der Finanzkrise nur 10 Mio Rubel.

Die beiden größten Wünsche sind eine Befestigung (Schotterstrasse), nicht Asphaltierung, der Straße nach Tara und ein besserer Internetanschluss für die Jugend.

Da der Regen stärker wird, drängen die Fahrer und der Rayons-Vorsitzende zum Aufbruch. Sie sind besorgt, dass die Fahrzeuge im Schlamm stecken bleiben, was schon vorgekommen ist.

Vielleicht hat Litkowka mit seiner erstaunlichen Bevölkerungsstruktur eine Chance weiter zu bestehen, wenn die Anbindung an „die Welt“ verbessert wird, und wirtschaftliche Perspektiven für die junge Generation eröffnet werden, z.B. durch Jagd- und Ökotourismus? Litkowka ist auf jeden Fall ein eindrucksvolles Zeugnis einer über hundertjährigen deutschen Kultur in Sibirien.


[ Gudrun Steinacker für russland.RU ]
Gudrun Steinacker ist Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Nowosibirsk

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