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19-08-2003 Verschiedenes
Schuld an der Hitze ist die „Ausgeburt des Chaos“
Die höllische August-Hitze hat Europa fertig gemacht - auf dem Asphalt konnten Spiegeleier gebraten werden. An anderen Orten tobten indessen die biblische Sintflut und Tornados, die alles auf ihrem Wege hinwegfegten. Es donnerten Gewitter, die an den jüngsten Tag erinnerten. Und überall gab es Opfer. Was passiert bloß mit dem Wetter, mit dem Klima? Warum zürnt der Himmel den Menschen? Hier ist die Meinung des russischen Wissenschaftlers Alexander FROLOW, stellvertretender Leiter des Föderalen Dienstes Russlands für Hydrometeorologie und Umweltmonitoring, Vizepräsident der Kommission für atmosphärische Wissenschaften der Weltorganisation für Meteorologie /WMO/.

Das, was in einer gewöhnlichen Pfütze nach dem Regen geschieht, ist viel komplizierter als beispielsweise die Abläufe im Windkanal. Die letzteren lassen sich berechnen, das „Leben der Pfütze", die von der Natur erzeugt wird, ordnet sich nicht den trockenen Zahlen unter. Dieser sehr einfache Vergleich gibt eine Vorstellung von der Kompliziertheit solcher Begriffe wie Wetter, geschweige denn, Klima.

Die europäische Hitze in diesem Sommer wird von vielen Menschen mit der Klimaerwärmung in Zusammenhang gebracht. Ja, diese Tatsache ist bereits unstrittig. Aber die Erscheinungen dieses Prozesses sind einander entgegengesetzt: heute herrschen Hitze und Dürre, im vorigen August ist es aber zu einer erschreckenden Überschwemmung gekommen. Die grundsätzliche Antwort liegt in Wirklichkeit auf einer anderen Ebene: Die Witterungsschwankungen nehmen sowohl in Richtung Plus wie auch Minus zu.

Die Hitze, die jetzt die Europäer plagt, führen wir, in Russland, auf eine Erscheinung zurück, die Blockade der zonalen Strömung heißt.

Das Wetter in den mittleren Breiten ist traditionell folgendermaßen aufgebaut: Es gibt etwas Flussähnliches, das als westliche Windverschleppung bezeichnet wird. Nach Ost wehen Winde, in denen es - wie in einem Fluss die Wirbel - Tiefdruck- und Hochdruckgebiete, also Zyklone und Antizyklone, gibt. Im Atlantik entstehen regelmäßig Tiefdruckgebiete, die in Europa Regen verursachen. Anschließend wird das Wetter wieder schön, danach entsteht erneut ein Tief. Das ist eine normale Erscheinung. Manchmal tritt aber eine Anomalie ein: Ein Tief wird durch eine blockierende Situation, die kurz als Block bezeichnet wird, unterbrochen. Der Block ist eine einheitliche, sich selbst organisierende Struktur, eine sehr komplizierte Erscheinung der nichtlinearen Physik, die auch russische Wissenschaftler erforschen. Sie hängt mit der Formierung einiger kohärenter Strukturen in einer verwirbelten Umgebung zusammen. In der Turbulenztheorie sind solche Situationen möglich. Aus dem Chaos entsteht etwas Langlebiges mit einer bestimmten Form: Das ist eben der Block. Gerade eine solche „Ausgeburt des Chaos" hängt heute über Europa. In seinem Inneren besteht ein warmer Kern, in dem sich ein Hochdruckgebiet befindet, links und rechts davon ist der Druck aber negativ. Russische Wissenschaftler nehmen an, dass der Zyklon, statt mit der Luftströmung zu treiben, auf ein Hindernis stößt, es zu umgehen beginnt, seinen üblichen Weg ändert. Im Ergebnis dessen geht der Regen nicht dort nieder, wo er erwartet wird. Der Block ist recht zählebig, besitzt Mechanismen der Selbstspeisung, die bislang noch nicht geklärt sind. Wahrscheinlich hängt ihre innere Struktur mit der Sonne zusammen. Der Block trocknet den Boden aus - je mehr, desto besser fühlt er sich. Wolkenloser Himmel, die Sonne brennt, es wird immer heißer und heißer. Zusätzlich erzeugen die Städte selbst Wärme: Der Asphalt erhitzt sich auf 50-60 Grad. Es gibt so gut wie keine Wälder und solide Ökosysteme mehr. Die Wetterlage wird blockiert, und es geschieht das, was wir heute beobachten können. Im vorigen August entstand ein Block über Russland: Es herrschte Hitze, Wälder und Torfbrüche brannten, Europa aber wurde überflutet.



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