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15-08-2003 Verschiedenes
Der moderne Islam Tatarstans – Ein Zukunftsmodell?
Rafael Chakimow, staatlicher Berater für politische Fragen beim Präsidenten der Republik Tatarstan, Direktor des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaft der Republik Tatarstan, Direktor des Kasaner Instituts für Föderalismus.
Der Islam dringt allmählich in das Leben Europas ein, nicht nur durch äußere Kontakte, sondern auch durch innere demographische Prozesse. Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Niederlande, die Schweiz und Italien sehen sich gezwungen, der wachsenden moslemischen Gemeinschaft Rechnung zu tragen.


Im Süden ist die Türkei bestrebt, in die Europäische Union zu gelangen, wobei sie das islamische Element darin noch mehr verstärkt.

In den nächsten Jahren ist eine Verstärkung des moslemischen Faktors in Russland, wo heute rund 20 Mio Moslems leben, zu erwarten. Laut Expertenschätzungen kann die Zahl der Moslems in der Russischen Föderation in den nächsten drei Jahrzehnten 30-40 Millionen erreichen.

Zugleich greift in der Welt nach den Terrorakten vom 11. September in den USA und nach der folgenden Serie von Terrorakten in verschiedenen Staaten, darunter auch in Russland, eine Islamophobie um sich, wenngleich auch der Terrorismus kein Produkt des Islam ist und keine religiöse Natur hat.

Es ist unmöglich, sich von den Moslems wie auch von jedem anderen Teil der Gesellschaft abzusperren. Künstliche Isolation, Abschottung von der moslemischen Gemeinschaft in Russland und jedem anderen Land würde religiöse Feindschaft nach sich ziehen. Um einen Konflikt zwischen den Moslems und Vertretern anderer Religionen abzuwenden - es handelt sich in erster Linie um Christen, - ist ein Dialog zwischen den Konfessionen notwendig. Um sich zu vertragen, muss man einander verstehen.

Die Moslems dürfen sich ihrerseits nicht in ihrer Gemeinschaft abkapseln, sondern sollten bestrebt sein, sich an jene Gesellschaft anzupassen, in der sie leben. Sich anzupassen, bedeutet dabei nicht, ihre religiöse und nationale Zugehörigkeit zu verlieren.

Die Erfahrungen Russlands sind einmalig. Die Mehrheit der russischen Moslems sind Tataren. Das Schicksal wollte es, dass sie zum nördlichen Vorposten des Islam wurden, umgeben von der orthodoxen Welt. Die Tataren, die sich nicht nur geographisch, sondern auch kulturell an der Grenze zwischen dem Westen und dem Osten befinden, haben ihre eigene Subzivilisation geschaffen. In Russland gilt nicht die Scharia und die Mehrheit der Bevölkerung sind orthodoxe Christen. Die Moslems müssen sich dieser Lebensweise anpassen. Die Bedingungen für die Moslems Russlands wurden nicht von außen hineingetragen, ihnen nicht aufgezwungen. Sie sind in diesem Land zur Welt gekommen und betrachten es nicht als ein fremdes, sondern als ihr eigenes Land. Dieses Land ist nicht schlechter und nicht besser als die moslemischen Staaten, es ist einfach anders. Und die Aufgabe der russischen Moslems besteht darin, unter diesen Bedingungen die Erfahrungen des gerechten Weges zu sammeln.

Millionen Moslems sind in Russland in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass sie in einem weltlichen Land leben und jener Kultur Rechnung tragen müssen, die sich in vielen Jahrhunderten herausgebildet hat. Die Theologen aus moslemischen Ländern können uns nicht leben lehren. Die Imams, die in Saudi-Arabien studiert haben und blind ihren überseeischen Lehrmeistern folgen, können lediglich Unverständnis und Fehden verursachen. Sie werden dazu aufrufen, die mittelalterliche Scharia strikt einzuhalten. Dabei können viele ihrer Normen in Russland im Prinzip nicht eingehalten werden. Ähnliches gilt auch für die Moslems Europas.



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