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03-07-2003 Verschiedenes
Russisches Kapital spielt englischen Fussball
(MOSKAU) Die Fußball-Öffentlichkeit und die Fußballfans Großbritanniens können sich immer noch nicht von der jüngsten Überraschung erholen. Auf den Straßen britischer Städte, in der U-Bahn und in Cafés grüßen die Fans einander mit ein und derselben Frage: „Habt ihr schon gehört, was mit Chelsea passiert ist?" Passiert war folgendes: Der prominente englische Fußballclub Chelsea mit einer Geschichte wie aus einem Agatha-Christie-Roman wechselt den Inhaber.

Der neue Besitzer ist den Russen schon lange ein Begriff - es ist der Milliardär Roman Abramowitsch. Der Gouverneur des Autonomen Bezirks der Tschuktschen Abramowitsch und der Clubvorsitzende Ken Bates besiegelten den Deal am vergangenen Dienstag abend. Der Gesamtpreis des extraordinären Kaufs ist selbst nach britischen Fußball-Maßstäben hoch - 139,3 Millionen Pfund Sterling beziehungsweise mehr als 200 Millionen Euro.
Am kuriösesten dürfte diese Summe für Bates selbst sein, der Chelsea 1982 für den symbolischen Preis von einem Pfund erstanden hat. Der Preis war tatsächlich symbolisch, weil der neue Inhaber die Schulden des Klubs zu tilgen hatte, die mit eineinhalb Millionen Pfund veranschlagt waren.

Bates, der seine erste Million durch den Handel mit Zement erwirtschaftet hatte, war es gelungen, die Situation umzukehren. Im Laufe von 20 Jahren wurde aus dem einst armen und von der Pleite bedrohten Club ein prosperierendes Unternehmen - Chelsea Village. Der Club schlug Gewinne nicht nur aus traditionellen Quellen wie dem Verkauf von Rechten auf die Fernseh-Übertragung seiner Spiele oder von Sportartikeln mit seinem Logo. Der FC Chelsea riskierte nicht selten große Projekte wie den Bau von Hotels und Handelskomplexen.
bei russland.RU
• Russischer Geschäftsmann kauft Fussballclub Chelsea (02.07.2003)
• Leiter des russischen Fussballs zum Erwerb des FC Chelsa durch R. Abramowitsch ( 02.07.2003 )
Die Erfolge auf dem Fußballfeld waren dagegen bescheidener. Allerdings erfreute das Team mit seinem interessanten Spiel, das die Tribünen in Extase versetzte, und geizte nicht mit Geld, um ausländische Legionäre einzukaufen. Trotzdem blieben dem Club die vorderen Plätze in der britischen Premier-League verwehrt.

Bates selbst sorgte nicht selten für Negativschlagzeilen in der britischen Presse. 1985 hatte er vorgeschlagen, das Feld des Clubsstadions mit Metalldraht zu umzäunen und ans Hochspannungsnetz anzuschließen. Die freiheitsliebenden britischen Fans haben diese repressive Idee nicht begriffen. Im Jahr 1991 kam es zu einer noch düstereren Sensation: Die Clubleitung wurde beschuldigt, den Spielern illegal Geld gezahlt zu haben, was mit einer Strafe von 105 000 Pfund geahndet wurde.

Die Wolken ballten sich zusammen. Die Besessenheit auf groß angelegte Projekte, die nichts mit dem Fußball zu tun hatten, bescherte Chelsea immense Schulden. Ken Bates suchte hastig nach einem Investor mit einem fetten Bankkonto.

Da tauchte ein junger Bürger Russlands mit einem Zweitagesbart und einem willensstarken Gesicht auf - Roman Abramowitsch. Die Interessen des russischen Milliardärs konzentrieren sich auf das sibirische Öl, Aluminium, die Fluggesellschaft Aeroflot und das Fernsehen. Warum nicht auch auf den britischen Fußball?
Britische Massenmedien berichten überstürzt, dass Abramowitsch sich bereit erklärt hat, die Schulden des Clubs von 80 Millionen Pfund Sterling zu übernehmen und mehr als die Hälfte der Aktien von Chelsea Village für 59,3 Millionen Pfund zu kaufen (35 Pence pro Stück).

Die neuen Partner tauschten sofort Komplimente aus. Abramowitsch zeigte unverhüllt seine Freude über den Erwerb „eines der führenden europäischen Clubs" und versicherte den Briten, dass er „genug Ressourcen und Ambitionen" habe, um mehr zu erreichen, „insbesondere unter Berücksichtigung des großen Potenzials dieses hervorragenden Clubs". Und Bates sagte unumwunden, dass „der neue Inhaber mit viel Piepen Chelsea auf eine höhere Ebene bringen wird".

Mal sehen. Bislang bleiben die britischen Fans deshalb erschüttert, weil sie ein nationales und gewissermaßen ein patriotisches Symbol verloren zu haben glauben.

Nach der ersten Reaktion im Internet zu urteilen, sind auch die einfachen Bürger Russlands nicht sonderlich begeistert. „Schrecklich", klagt Wladimir aus Wladiwostok. „Besser wäre, wenn er (Abramowitsch) sich der Probleme von Tschukotka annähme." Übrigens ist Tschukotka eine der von Großbritannien am weitesten entfernten Regionen Russlands.
im Internet
• Seite des Fussballclubs
• Webcam von Chelsea Village
• Webseite der russischen Fussballunion ( in englisch und russisch )
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Man kann die Stimmungen der beiden Seiten durchaus verstehen. Aber auf den Britischen Inseln wie auch auf dem russischen Festland setzt man sich mitunter über den unwiderlegbaren und seit langem anerkannten Umstand hinweg, dass der Fußball von heute bei all seiner emotionalen Kraft und einem immens starken Einfluss auf die Gemüter der Fans ein halbwegs normales Business ist.

Dabei ist dieses Business in England, im Heimatland des Fußballs, bei weitem nicht in bestem Zustand. Die meisten Clubs schleppen einen Schuldenberg mit sich herum, der Spielertransfer-Markt ist lahmgelegt.

Der neue russische Inhaber dürfte sich darüber im klaren sein, dass er sehr viel Geld anlegen muss, bevor das Budget des Clubs wieder in den schwarzen Bereich kommt. Der Vorstand von Chelsea, in dem Ken Bates weiter den Vorsitz führt, betrachtet den Verkauf als eine reale Variante für die Rettung des berühmten Clubs vor dem Untergang. Mehr noch. Nicht wenige britische Fußballexperten wollen in der kühnen Tat des russischen Investors einen gewissen guten Anfang sehen. Diesem Beispiel sollten auch andere internationale großkalibrige Sponsoren folgen. Roman Abramowitsch eröffnet dem britischen Fußball sozusagen lukrative Perspektiven.

Bemerkenswert ist, dass sich diese Sensation kurz nach dem Besuch des russischen Präsidenten in Großbritannien ereignet hat. Der russische Staatschef schätzte in London die Milliarden-Investitionen von British Petroleum und Royal Dutch/Shell in die russische Energie-Branche hoch ein. Vor diesem Hintergrund nimmt sich die beachtliche russische Finanzspritze in den britischen Fußballclub als eine würdige Antwort aus. Russland zerstört im Bewußtsein westlicher Spießbürger das Bild eines Landes, das an internationalen Kreuzwegen bettelt. Das russische Business kann nicht nur nehmen, sondern auch reichlich geben.

Es ist gut, dass die Ausnahme zur Norm wird. Die Präsenz eines russischen Investors auf dem britischen Fußballmarkt stellt eine ebenso normale, mit Hoffnungen und Risiken verbundene Operation dar wie die Registrierung von zwölf russischen Unternehmen an der Londoner Effektenbörse.

Ein scharfes Auge könnte an der Geschichte mit Chelsea jedoch etwas Außerordentliches erkennen - ein Vorzeichen für wichtige Wandlungen im Bewusstsein der russischen Großunternehmer. Roman Abramowitsch muss wissen, dass seine Aktivitäten als Inhaber eines renommierten britischen Fußballclubs von den britischen Analytikern unter die Lupe genommen werden. Jeder Schritt Abramowitschs wird am internationalen Maß der Geschäftstüchtigkeit und Anständigkeit gemessen, worauf der Tschukotka-Gouverneur allem Anschein nach gefasst ist. Das Image des russischen Oligarchen, der seine Profite nur in der Schattenwirtschaft erzielt, gehört allmählich der Vergangenheit an.

Genau so wie im internationalen Fußball, wird Russland auch im Weltbusiness zu einem wichtigen Spieler, der strikt nach den Regeln spielt. (RIA-Nowosti-Kommentator Wladimir Simonow).

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