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29-07-2003 Verschiedenes
Das Trockenschwimmen ist vorbei
(MOSKAU) Am 28. Juli beging die russische Kriegsmarine ihren Jahrestag. Die Feierlichkeiten dazu hatten bereits am vergangenen Wochenende begonnen. Und offensichtlich hat man 2003 neben dem historischen Ereignis der Flottengründung vor über 300 Jahren auch tatsächlich wieder einen aktuellen Grund zum Feiern: Das „Trockenschwimmen" der russischen Kriegsmarine ist vorbei.

Sofort nach der Auflösung der UdSSR, im Januar 1992 beschloss die russische Landesführung unter Jelzin, den Bau von neuen Schiffen für die Kriegsmarine und den Flottenbestand drastisch zu kürzen. Der nun einsetzende Verfall der russischen Seestreitkräfte verlief auf Grund des katastrophalen Geldmangels noch rapider, als geplant. Es fehlte selbst an Mitteln für die notwendigen Erhaltungsmaßnahmen der regulären Schiffe. Und die Ausbildung der Marine wurde, unter anderem wegen Treibstoffmangels, überwiegend zu einer Art Trockenschwimmen in Ausbildungszentren an Land oder an Bord von vor Anker liegenden Schiffen. 2003 kann man erstmals seit etwa zwölf Jahren wieder davon sprechen, dass die russische Kriegsmarine ständig auf See ist. Die Ausbildung erfolgt wieder unter gefechtsnahen Bedingungen. Neben den internen Manövern gab es auch die Beteiligung an einer Reihe von internationalen Seekriegsübungen, so auch der Nato in der Ostsee. Schiffe der russischen Schwarzmeer- sowie der Pazifikflotte waren über mehrere Monate im Indischen Ozean im Einsatz. Für den August ist eine umfangreiche Kommandostabsübung der Pazifikflotte geplant.
Auch gab es eine Reihe von Entscheidungen auf höchster staatlicher Ebene über die weitere Entwicklung der Kriegsmarine, so unter anderem die „Marinedoktrin der Russischen Föderation für den Zeitraum bis 2020", denn der Schiffsbestand der Grundklassen drohte, zum Jahr 2010 auf unter 100 Einheiten zu schrumpfen. Diese Zahl bezieht sich auf die Überwasserschiffe und U-Boote insgesamt. Dass eine solche Lage die russische Führung beunruhigt, ist allein schon aus geographischer Sicht verständlich: Das Land grenzt an 13 Meere und hat eine Wassergrenze von weit über 30 000 Kilometern, ohne Berücksichtigung der Inseln.

Ein anderer Aspekt der enormen Schrumpfung des Schiffsbestandes ist ökologischer Natur. In den russischen Flottenbasen türmen sich inzwischen - über- und unterwasser - Berge von Schiffswracks aller Klassen und Kategorien. Und ein Teil der Flottenbasen selbst besteht nur noch aus verwaisten Ruinen, die nicht einmal mehr andeutungsweise an ihren ursprünglichen Zweck erinnern. Allein um hier Ordnung zu schaffen, bedarf es gewaltiger finanzieller Mittel.

Die neuen Planungen des künftigen Flottenbestandes gehen nach Angaben der Kriegsmarine von 210 bis 300 Schiffen der Grundklassen aus. Das wären ungefähr 30 Prozent des Schiffsbestandes der Kriegsmarine der ehemaligen UdSSR. Bei den neuen Zahlen wird vorausgesetzt, dass entsprechend den gegebenen internationalen politischen Bedingungen sowie unter Berücksichtigung der eigenen Kräfte des Küstenschutzes ein Schiff der Klasse mit einer Wasserverdrängung von etwa 1600 Tonnen je 100 Kilometer Seegrenze ausreichend wäre, zuzüglich natürlich der U-Bootflotte und der Schiffe der anderen Klassen, wie Flugzeugträger. Der Oberkommandierende der russischen Kriegsmarine, Flottenadmiral Wladimir Kurojedow, sagte anlässlich der Feierlichkeiten der Flotte: „Wir wollen nicht die Vorherrschaft auf den Meeren erreichen und noch weniger eine Bedrohung für irgendwelche Staaten schaffen." Wie er meinte, ginge es in erster Linie um die Gewährleistung der Sicherheit des Landes. Für die neue Generation der Kampfschiffe der russischen Kriegsmarine gibt es bereits die entsprechenden Projekte. Um die verlorene Kampfkraft bei dem gegenüber der UdSSR-Flotte wesentlich geringeren Schiffsbestand auszugleichen, setzt man auf die Elektronik bei der Lenkung und der Zielorientierung der Waffen, also auf eine höhere Trefferquote. Unverändert sollen die strategischen atomaren Seestreitkräfte die Hauptschlagkraft der russischen Kriegsmarine bleiben. Das soll der Erhaltung der strategischen Stabilität in der Welt dienen und politische Voraussetzungen für einen gleichberechtigten Dialog mit jedem beliebigen Land sichern, verlautet aus der russischen Seekriegsführung. Flottenadmiral Kurojedow sagt, diese Priorität hänge in großem Maße auch damit zusammen, dass die führenden Militärmächte der Welt den Hauptteil ihres Atomwaffenpotenzials nach und nach vom Land auf das Wasser verlegten. Das habe den Vorteil, dass die strategischen Marinekräfte sehr mobil, getarnt und faktisch unter beliebigen Bedingungen einsatzbereit seien. (Von Hans-Georg Schnaak, Beobachter der RIA „Nowosti".)

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