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25-07-2003 Verschiedenes
Moskau besorgt über Verdrängung des russischen im Baltikum
(Moskau) Heutzutage treten die Chefs der führenden Mächte nicht oft in Briefwechsel mit Schülern, dazu noch aus einem anderen Staat. Wenn doch, dann nicht ohne Grund. Am Montag, den 21. Juli, ging bei Jaroslaw Karpeljuk, Schüler der dritten Klasse des russischen Lomonossow-Gymnasium von Riga, eine Botschaft des Präsidenten Russlands Wladimir Putin ein.

Die Vorgeschichte dieses Ereignisses: In Mai hatte der zehnjährige Schüler einen Brief an den Kreml geschickt, in dem er darüber berichtet, wie er lernt, und dass er sich Unterricht in seiner Muttersprache Russisch und nicht in Lettisch wünscht. Nebenbei gesagt, gehört das Lomonossow-Gymnasium zu den ältesten russischsprachigen Lehreinrichtungen in der lettischen Hauptstadt. Die 1868 eröffnete Schule wird traditionsgemäß von ganzen Familiengenerationen besucht.

Der Wunsch des Schülers zeigt erneut eines der für die russische Diaspora in diesem baltischen Land schmerzlichsten Probleme: die Bildung in russischer Sprache. Ab nächstem September soll die lettische Sprache entsprechend einem neuen Gesetz über die Sprache in allen nationalen Schulen zur Hauptunterrichtssprache werden. Dagegen wenden sich Eltern, Lehre und Schüler, kurzum, alle, die zu russischsprachigen Schulen in Beziehung stehen.

Auch die Lettische Vereinigung zur Unterstützung der Schulen mit Unterricht in russischer Sprache (LASCHOR) hat energisch protestiert. Nach ihren Angaben wird in Lettland eine intensive zielgerichtete Kampagne zur Verdrängung der russischen Sprache durch die lettische, ohne Abänderung des Status der Schulen, geführt. Igor Pimenow, Vorsitzender der LASCHOR, erklärt: „Unsere Vereinigung setzt sich dafür ein, dass jeder in Lettland frei wählen kann, in welcher Sprache seine Kinder, darunter auch im Russischen, Unterricht erhalten sollen".

Übrigens bezeichnen 36 Prozent der Bevölkerung des Landes, laut der Volkszählung von 2000 in Lettland, Russisch als ihre Muttersprache.

Dieser Umstand war für Igor Iwanow, Außenminister Russlands, Anlass, die Europäische Union, der Lettland bald beitreten soll, auf die Lage der russischsprachigen Bevölkerung in dieser Republik aufmerksam zu machen. Gegenwärtig wird in Brüssel dem Vernehmen nach ein Antwortschreiben vorbereitet. Alles in allem wird dort weitgehend der Standpunk vertreten, dass die EU, was dieses Problem betrifft, an Lettland nichts auszusetzen hat. Bezeichnend ist aber dabei ein großer Meinungsunterschied. So wenden sich Vertreter Dänemarks und Finnlands grundsätzlich gegen die Erörterung dieses Themas im Rahmen des Vereinten Europa. Belgien, Italien und Portugal stellen das Recht Russlands auf Erörterung dieser Frage nicht in Abrede, schlagen aber zugleich vor, an den früher in der EU abgestimmten Positionen festzuhalten. Großbritannien veweist auf die Möglichkeit, als Antwort den Vorschlag von Rolf Ekeus, Hoher Kommissar der OSZE für nationale Minderheiten, hinsichtlich einer stärkeren Präsenz der nationalen Sprache im Bildungssystem Lettlands heranzuziehen.

Österreich verweist auf das Rahmenabkommen von Ochrid, auf dessen Grundlage die Sprache der nationalen Minderheit in Mazedonien den Status einer offiziellen Sprache erhalten hat. Dieses Abkommen war am 13. August 2001 unterzeichnet worden. Laut Artikel 6 dieses Abkommens muss der Unterricht in den Grund- und Mittelschulen Mazedoniens in der Muttersprache der Nationalität unter Einhaltung des Bildungsstandards der gesamten Republik erteilt werden. Der Staat muss die Finanzierung der Hochschulbildung in der Sprache gewährleisten, die für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung die Muttersprache ist. Jede andere Sprache, die von mindestens 20 Prozent der Bevölkerung gebraucht wird, ist in bestimmten Fällen offizielle Sprache.

Die Abkehr der Europäer von diesem in Mazedonien bewährten Prinzip und die Weigerung, dieses bei Lettland und Estland überhaupt zu erörtern, könnte von Moskau als Anwendung von zweierlei Maßstäben bewertet werden.

Nach Ansicht der russischen Seite wäre die optimale Lösung des Problems der russischsprachigen Bevölkerung im Baltikum, gemäß dem Präzedenzfall in Mazedonien, der russischen Sprache den Status einer zweiten offiziellen Sprache einzuräumen.

Wladimir Putin äußerte in seiner Antwort an den lettischen Schüler Verständnis für dessen Wusch, in der Muttersprache zu lernen und das Leben zu erkennen. „In vielen Ländern der Welt haben die Kinder aus großen nationalen Gemeinschaften ein solches Recht. Im heutigen Europa ist dies ein Merkmal für den demokratischen Charakters eines Staates".
(Boris PETROW, Beobachter bei der RIA „Nowosti").

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