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20-12-2003 Verschiedenes
Der Winter in Russland bereitet der Regierung Sorgen
( MOSKAU ) Die russische Wirtschaft hat eine Besonderheit, die dieser Tage besonders krass zum Vorschein tritt. Es handelt sich um die Abhängigkeit vom langen Winter mit seinen schwer wiegenden logistischen Problemen. Der Winter in Russland wirkt sich im Grunde genommen auf alles aus - auf Wirtschaft, Politik und Konsumgütermarkt, vom nationalen Charakter ganz zu schweigen.

Über die Winterkälte denkt die russische Regierung normalerweise schon lange vor dem ersten Schnee nach. Bereits am 11. September wurde eine Sondersitzung des Kabinetts abgehalten, in der darüber beraten wurde, wie sich die russischen Städte und Siedlungen sich auf den bevorstehenden Winter vorbereiten werden. Seit dieser Sitzung fasst das Thema „Winter" überall Fuß - davon spricht man sowohl im Kreml als auch an der Peripherie. Und die Abgeordneten der alten Duma schoben sogar ihre Sorgen im Vorfeld der Wahlkampagne beiseite und beriefen eine Sitzung ein, die voll und ganz dem Winter gewidmet war.

Das ist nicht verwunderlich, weil ein Frost von minus 20 Grad in Russland keine Seltenheit, sondern eher die Norm ist. Zwei Drittel des Territoriums des Landes entfallen auf die so genannten „nördlichen Regionen". Nicht selten handelt es sich um schwer zugängliche Orte, die nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für vieles davon wenig geeignet sind, was man mit einem komfortablen Leben verbindet.

Das Wichtigste in ökonomischer Hinsicht ist die Kälte in diesen Regionen, die daher auf die Heizung angewiesen sind. Dabei geht es nicht nur um Energie-Fragen.

Historisch bedingt wohnen die meisten heutigen Bürger Russlands in mehrstöckigen Häusern, die vom weit verzweigten System der Kommunalwirtschaft betreut werden. Der individuelle Wohnungsbau war zur Sowjetzeit verpönt. Die Menschen bemühten sich vielfach, aus den Dörfern in die Städte umzusiedeln, einen Job in einem Großbetrieb zu finden und nach einer gewissen Zeit von ihrem Betrieb mit Wohnraum versorgt zu werden. Auf diese Weise wurde es in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts landesweit schon fast zur Norm, dass die Familien in den Städten in abgeschlossenen Wohnungen mit Zentralheizung sowie zentraler Wasser-, Strom- und Gasversorgung und sonstigen städtischen Bequemlichkeiten wohnten.

Statistiken zufolge wurden in Russland bislang 2,8 Milliarden Quadratmeter Wohnfläche gebaut. Eine einfache Berechnung ergibt, dass auf jeden der 147 Millionen Einwohner knapp 19 Quadratmeter Wohnfläche entfallen, was scheinbar gar nicht so schlecht ist. Aber die Probleme kommen von einer anderen Seite: Die Wohnungen werden immer älter. Dasselbe betrifft auch die Heizungs-, Gas- und Wasserleitungen. Russlands Vizepremier Wladimir Jakowlew stellte fest, dass 290 Millionen Quadratmeter Wohnfläche seit über 30 Jahren nicht renoviert wurden. Zudem müssen die so genannten „Chruschtschowki" mit 250 Millionen Quadratmetern Wohnfläche in nächster Zeit abgerissen werden. Es handelt sich dabei um fünfgeschossige Plattenbauten mit mehreren Aufgängen, die ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre unter dem damaligen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow gebaut wurden. Als „absolut verschlissen" gelten laut Jakowlew 87 Millionen Quadratmeter Wohnraum. Dabei dürfte diese Zahl um 20 Millionen Quadratmeter jährlich zunehmen.

Fast 60 Prozent der 52 000 Betriebe, die den kommunalen Wohnungskomplex betreuen, stehen kurz vor der Pleite, behauptet Jakowlew. 170 000 der etwas mehr als 400 000 Personenaufzüge in Russland sind schon nahezu verschlissen beziehungsweise werden in Kürze stillgelegt werden müssen. Letztendlich sollen 15 Millionen Gasherde in den russischen Küchen schnellstmöglich durch neue ersetzt werden. Gasherde stehen auch heute noch auf der Liste der Technik, die der Staat den Bürgern kostenlos zur Verfügung stellt.

Diese Situation kann leicht erklärt werden. In der paternalistischen Sowjetunion wurden die Kommunaldienste größtenteils aus dem Fiskus finanziert, die Wohnungen waren verhältnismäßig neu. Dabei wagten es die Monopolisten im System der Kommunalwirtschaft, die vom autoritären Staat kontrolliert wurden, nicht, der Bevölkerung ihre eigenen Spielregeln aufzuzwingen. Gegenwärtig geht dieses System in finanzieller Hinsicht buchstäblich zu Grunde, während die Häuser und die Rohrleitungen die alten bleiben, die eigentlich vom alten System betreut werden sollten.

Der frühere russische Vizepremier Boris Nemzow, der jetzt Kovorsitzender der Union rechter Kräfte ist, behauptet, dass die Situation ohne eine marktwirtschaftliche Kommunalreform kaum geändert werden könnte. „Der Markt wird alles ordnen. Man muss nun endlich vom Fleck kommen", sagt Nemzow.

Das Hinauszögern der Reform der Kommunalwirtschaft kommt den Einwohnern Russlands wirklich teuer zu stehen. Es genügt, nur die Zentralheizung als Beispiel anzuführen: Jeden Winter kommt es in dieser oder jener Region zu Pannen bei der Zentralheizung, wodurch nicht selten ganze Städte bei klirrendem Frost ohne Heizung überleben müssen.

Vizepremier Jakowlew sagt, dass allein im vergangenen Jahr 107 000 Pannen in den russischen Wärmenetzen registriert wurden, wodurch knapp 400 000 Bürger Russlands tagelang in ihren Wohnungen froren, sich an Lagerfeuern wärmen mussten oder selbstgebastelte Öfen installierten. Jakowlew macht keinen Hehl daraus, dass solche Pannen auch heute noch passieren, und zwar „in großen Heizkraftwerken, an großen wie auch kleinen Warmwasser- und Wärmeleitungen". Störungen bei der Wärmeversorgung wurden in diesem Winter bereits auf Sachalin, in der Teilrepublik Karelien sowie in den Gebieten Tschita, Wladimir und Kirow registriert.

Um zu verstehen, wie ernst die Regierung die Herausforderungen des Winters nimmt, genügt es, daran zu erinnern, dass das Kabinett vor kurzem einen Stab zur Kontrolle über die Brennstoffvorräte gebildet hat. Nikolai Koschman, aktiver Angehöriger des Stabes und Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Bauwesen Russlands, behauptet, dass Russland 13,293 Millionen Tonnen Kohle brauche, um „normal zu überwintern". Gegen Ende November waren knapp zwei Drittel der erforderlichen Menge beschafft, worauf Koschman eine kurze Verschnaufpause einlegen konnte, denn diese Kohlevorräte reichen vorerst für 45 Tage aus. Ähnlich ist es auch um die Vorräte an flüssigen Brennstoffen bestellt, vor allem Heizöl: Die Regionen haben bereits einen Vorrat für einen Monat. Kürzlich ging die arktische Navigation - die so genannte „nördliche Lieferung" - erfolgreich zu Ende: Über den Nördlichen Seeweg wurden Brennstoffe und andere wichtige Güter für 8,8 Milliarden Rubel (knapp 300 Millionen Dollar) in schwer zugängliche Regionen Russlands gebracht. Im Winter wird die Benutzung dieses Weges nicht mehr möglich sein.

Werden es die vom Regierungsstab angelegten Vorräte gestatten, die russischen Städte und Siedlungen in diesem Winter reibungslos zu beheizen? Vielleicht ja. Aber man kann nur schwer sagen, ob das zur Lösung der anderen Probleme beitragen wird, mit denen der Wohnungsfonds Russlands jeden Winter konfrontiert ist. (Juri Filippow, politischer Kommentator der RIA Nowosti/Fotos: Petrow/.RU)

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