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06-12-2003 Verschiedenes
Die Falken des Kreml
( MOSKAU ) Die Kreml-Wache hat Zuwachs bekommen. Als Ersatz für die altgedienten Falken wurden drei junge Vögel in den Kreml gebracht, die gegenwärtig ihre Kampfausbildung absolvieren. Schließlich waren Tschita und Sima - die beiden Letzten aus der früheren Generation der Kreml-Falken -

erst unlängst von dieser Welt gegangen, nachdem sie ein für Falken hohes Alter - nämlich sieben Jahre - erreicht hatten.

Der Kreml zieht nicht nur die Blicke der Moskauer, die Kameras der Touristen und Gewitterblitze auf sich, sondern auch die Aufmerksamkeit der Vögel, insbesondere der Moskauer Krähen, die dort Atem schöpfen können von der großen Menge Menschen und Autos in der Megapolis. Unter dem Schutz der Kreml-Mauern, so meinten seit jeher die Krähen, könnten sie sich im Dickicht der Zweige des Tainizki-Gartens verstecken oder aus vollem Halse auf dem Dach des Großen Palastes krakeelen. Das war so bis zum Vorabend des Jahres 1980, als die Krähen allzu dreist wurden. Moskau bereitete sich damals auf die Olympischen Spiele vor, und die Kuppeln der Kathedralen wurden mit einer neuen Goldauflage versehen. Dabei zeigte sich, dass die Krähen, die alles Glänzende lieben, die neuen Kuppeln als Spielplatz nutzten. Sie setzten sich auf den höchsten Punkt und rutschten auf der glatten Blattgold-Schräge herunter, wobei sie mit den Flügeln ruderten und unbarmherzig mit ihren Krallen das Gold abkratzten. So rutschen die Jungs auf Schlitten einen vereisten Berg hinab.

Die Kreml-Kommandantur hat alles Mögliche unternommen, um die schwarzen Schwärme zu vertreiben - man schaltete Sirenen ein, stellte Fallen auf, streute Gift. Aber die Krähen durchschauten leicht diese plumpen Tricks. Man muss wissen, dass die Krähe einer der verständigsten Vögel im Reich der Gefiederten ist und sogar rechnen kann.

Der letzte Tropfen, der das Fass der Geduld der Kreml-Wache zum Überlaufen brachte, war genau jener, der aus dem Himmel auf den Anzug einer hohen ausländischen Persönlichkeit fiel. Nach diesem diplomatischen Fauxpas wurde beschlossen, im Kreml einen Falkendienst einzurichten, die Unterabteilung für den „Aufbau eines Systems zum biologischen Schutz des Territoriums und für die natürliche Regulierung der Krähen-Population". Die Amtssprache ist kompliziert, aber der Sinn des Zitates vollkommen klar.

Einige Offiziere und Sergeanten einer neu gebildeten ornithologischen Abteilung des Kreml-Spezialregiments erhielten Unterricht in Pflege und Dressur von Falken. Im Tainizki-Garten wurden zwei große Volieren gebaut, in denen die erste Gruppe der abgerichteten Falken untergebracht wurde - Geierfalken und Würgfalken. Der Würgfalke und der Geierfalke sind die kampffähigsten Vertreter der Greiffalken. So kamen einige Raubvögel zur Verteidigung des Himmels über dem Kreml. Für gewöhnlich werden die Falken aus dem Zoll des Flughafens Scheremetjewo gebracht, wo sie nach Versuchen von Schmugglern beschlagnahmt werden, die Greifvögel in den arabischen Orient auszuführen. Dort genießt die Falkenjagd großes Ansehen und die Vögel stehen hoch im Kurs. Für einen Falken, der in der kasachischen Steppe gefangen wurde, zahlt ein Scheich bereitwillig eine Summe im Wert eines „Mercedes". Der Standardpreis eines Falken schwankt zwischen 10.000 und 150.000 Dollar.

Der Falke ist ein leidenschaftlicher Jäger. Vom Lederhandschuh des Falkners abgeflogen, begibt sich der Greifvogel neben den Krähenschwarm, steigt in die Höhe und fällt, nachdem er ein Opfer ausgespäht hat, wie ein Stein auf den vor Schreck schreienden Vogel. Die Krähe hat keinerlei Chance, dem Räuber zu entkommen. Allerdings passiert es, dass der Falke sich in seinem Jagdeifer auf dem Asphalt zu Tode stürzt oder in der Hitze der Verfolgung so weit vom Kreml wegfliegt, dass er den Heimweg vergisst oder dass er einfach, der Unfreiheit entfliehend, über die Wälder in die ferne Steppe fliegt. Manchmal bringen mitleidige Moskauer einen Falken in den Kreml, die den Vogel auf ihrem Balkon entdeckt haben. Der zahme Falke fürchtet keine Menschen und lässt sich in die Hand nehmen. Für alle Fälle ist an beiden Beinen die Telefonnummer der Kreml-Kommandantur angebracht.

Den Falken bringt sein Jagdfieber um und nicht der Hunger - der Kreml-Falke ist satt. Er würde niemals einen nach Benzin stinkenden Stadt-Krähen fressen. Der Falke versteht seine Aufgabe sehr gut. Nachdem er eine Krähe gefangen hat, tötet er sie mit seinem scharfen Schnabel auf der Erde, wo er sie verächtlich wegwirft und auf die Hand seines Herren zurückkehrt.

Die Falken werden im Kreml gehegt und gepflegt. Die Vögel haben ihre großzügige Voliere, ihren Koch, Quellwasser, einen Arzt und zum Mittag frisches Hühnerfleich. Während der Jagd wird der Vogel auf einem Spezialhandschuh geführt, über den Kopf wird dem Räuber eine Kapuze gestülpt, damit der Falke das Opfer nicht vorzeitig sieht. Der Falkner trägt ebenfalls eine Spezialkleidung - lederne Fliegerjacken sind unvermeidlich, nur sie halten den Druck der Falkenkrallen aus, wenn sich der Vogel, von der Jagd zurückkehrend, auf der Schulter seines Herren niederlässt.

Und die Krähen?

Sie sind zu klug und zu vorsichtig, um nicht um den Hinterhalt der Falken zu wissen. Ein Falkenaufstieg in der Woche reicht aus, um die ganze Krähenschar ringsum für einen halben Monat in Panik zu versetzen. Die Schwärme fliegen seitwärts am Kreml vorbei und seit 1980 glänzen die Kuppeln der Kathedralen in flammend leuchtendem Gold.

Irgendwie ist diese Angst auch anderen Vögeln bekannt geworden. Die Tauben vermeiden es ebenfalls, über die Kuppeln zu fliegen, und nur die städtischen Spatzen können furchtlos in den Zweigen des Tainizki-Gartens tschilpen oder bei den Touristen Brotkrumen erbetteln.

Die toten Falken werden hier, in der Erde des Tainizki-Gartens, begraben - nur eine Minute Falkenflug vom Lenin-Mausoleum, das der Falke sicher für eine Jurte aus der fernen kasachischen Steppe hält. . (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA „Nowosti")

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