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30-11-2003 Verschiedenes
Was geschieht mit der russischen Familie?
"Von der Natur ist die Ehe nicht vorgesehen" - diesen Satz von Napoleon könnten heute Tausende von jungen Russen und Russinnen wiederholen. Die Institution der Familie verliert in Russland an Popularität.

Die Krise bezüglich der Familie ist mit der moralischen Krise verbunden", meint der namhafte russische Soziologe Alexander Sinelnikow. "Sie kommt darin zum Ausdruck, dass sich in der russischen Gesellschaft die Ideale des Individualismus und des Egoismus verstärkt haben." Heute erntet das Land die Früchte der "zweiten demografischen Revolution", die Anfang der Neunzigerjahre mit mehr als zehn Jahren Verspätung von Europa nach Russland gekommen war. Wie die gesamtrussische Volkszählung des vergangenen Jahres gezeigt hat, haben drei Millionen der insgesamt 34 Millionen Ehepaare ihre Beziehungen nicht offiziell beurkundet.

Eine der Ursachen dafür besteht darin, dass soziale Bindungen heute leicht wieder auseinander gehen: Jährlich werden in Russland rund 770 000 Ehen geschieden, jährlich nimmt die Zahl der Ehescheidungen um 20 Prozent zu. "Die Logik ist klar: Wozu offiziell heiraten, wenn man dann plötzlich nicht mehr zusammen bleiben will?", erklärt diese Situation Alexander Sinelnikow. "Außerdem folgen der Ehescheidung normalerweise Unterhaltungszahlungen für Kinder, Verlust eines Teils der Wohnung und anderen Vermögens".

"In gewisser Hinsicht ist es auch auf Propaganda zurückzuführen", meint Viktor Medkow, Dozent an der soziologischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität. "Die populäre Fernsehmoderatorin Fjokla Tolstaja, Ururenkelin von Lew Tolstoi, erklärte kürzlich, die Ehe brauche niemand mehr. Viele junge Leute greifen das gerne auf." In verschiedenen Fernsehsendern wird in Talkshows zum Thema Familienbeziehungen nicht selten der Gedanke geäußert, Männer und Frauen seien jeweils selbstgenügsam, die Familie wird als eine überholte soziale Institution betrachtet. Hochglanzmagazine bringen Geschichten über unglückliche Ehen. Pop- und Filmstars sowie Politiker benutzen spektakuläre Ehescheidungen und skandalöse Liaisons zur Steigerung ihrer Popularität.

Dabei sind die Veränderungen, die die Institution der Familie heute durchmacht, nicht allzu stark mit den wirtschaftlichen Problemen verbunden, die Russlands Bürger in den Neunzigerjahren durchgemacht haben und zum Teil immer noch durchmachen müssen, meint Alexander Sinelnikow. Andere Wissenschaftler behaupten allerdings das Gegenteil.

So verweisen Experten des Zentrums für Demografie und Ökologie des Menschen darauf, dass das durchschnittliche Heiratsalter der Männer gegenüber 1993 um 1,6 auf 27,8 Jahre gestiegen ist. Das Alter, in dem sie ihre erste Ehe schließen, stieg um 1,4 auf 25,5 Jahre. Bei den Frauen ist das Durchschnittsalter bei der Eheschließung um 1,4 auf 25,3 Jahre gewachsen (das Alter bei der ersten Eheschließung wuchs um 1,1 auf 22,8 Jahre). Nach Ansicht von Experten sind junge Frauen bei ihrer ersten Eheschließung immer mehr geneigt, Bräutigame mit einem stabilen Wirtschaftsstatus vorzuziehen. Offensichtlich passt ihnen der sich seit den Neunzigerjahren verbreitende Rollenwechsel nicht, bei dem es darum geht, dass die Ehefrauen, die sich der neuen wirtschaftlichen Realität besser angepasst haben, anstelle der Männer zu den Haupternährern in der Familie wurden.

Gerade aus wirtschaftlichen Gründen "sind die russischen Familien heute auf die Geburt nur eines Kindes eingestellt", meint Natalja Rimaschewskaja, Direktorin des Instituts für sozialökonomische Bevölkerungsprobleme. Das Einkommensniveau eines wesentlichen Teils der Familien zwingt diese dazu, die Steigerung des Lebensstandards der Geburt eines zweiten Kindes vorzuziehen. Immerhin hätten die Wirtschaftsreformen in Russland "zu einer Polarisierung beim Lebensniveau, bei den Einkommen, dem Besitz und den Wohnungsverhältnissen der Bevölkerung geführt", so Rimaschewskaja. "Die Einkommen der fünf Prozent besonders reicher Bürger sind um mindestens das 50-fache höher als die Einkommen der ärmsten Bevölkerungsschichten." Diese Situation habe sich zwangsläufig auf die Demografie ausgewirkt. "Die Zahl der Geburten belief sich 2002 auf 1,4 Millionen und lag damit bei der Hälfte von 1987", stellte sie fest. "Auf eine Frau entfallen heute im Durchschnitt nur 1,25 Geburten, während für die einfache Reproduktion 2,15 notwendig wären." Die Ehe ist heutzutage keine unabdingbare Voraussetzung mehr für die Geburt und das Großziehen eines Kindes. "Heute werden rund 30 Prozent der Kinder in nicht offiziell registrierten Familien geboren", stellt Wladimir Sokolin, Vorsitzender der Staatlichen Statistikbehörde, fest. Bei dieser Zahl steht Russland heute in einer Reihe mit den USA, Kanada und Australien. Höher ist diese Zahl nur in Frankreich und Großbritannien (40 Prozent außereheliche Kinder) sowie in Schweden (über 50 Prozent). "Mein Sohn wird keinen Mangel an Liebe verspüren", behauptet die 30-jährige alleinstehende Tatjana K., eine Wirtschaftsexpertin, die guter Hoffnung ist. "Und verdienen tu' ich nicht schlecht." Laut soziologischen Angaben sind 88 Prozent der russischen Bürger der Ansicht, dass der Staat einen Geburtenanstieg stimulieren müsse. 40 Prozent sind dafür, dass der Staat mehr zur Festigung der Familie beiträgt. Die Regierung ist sich der Aktualität dieser Probleme völlig bewusst. In vielen Regionen wird eine solche "Stimulierung" bereits praktiziert. So tritt in Moskau demnächst ein Gesetz "Über die Jugend" in Kraft, in dem die Auszahlung von Geburtsbeihilfen verankert wird. Für das erste Kind werden 15 000 Rubel (ungefähr 500 US-Dollar) ausgezahlt, für das zweite 21 000 und für das dritte 30 000 (umgerechnet 1 000 US-Dollar). Vorzugsbedingungen wird es auch bei der Bereitstellung von Wohnungen geben. Es gibt föderale und regionale Programme zur materiellen Unterstützung für Mutter und Kind, u.a. das Programm "Gesundes Kind". Das trägt in einem gewissen Maße zur Steigerung der Geburtenzahlen bei: In 22 Regionen des Landes liegen sie über den Sterbezahlen. Unter diesen Regionen gibt es auch solche, in denen die Russen die Mehrheit bilden. Insofern wäre es nicht richtig zu sagen, dass ein Wachstum nur dort registriert wird, wo hauptsächlich moslemische Völker leben, bei denen die Geburtenzahlen traditionell höher sind. (Von Olga SOBOLEWSKAJA, RIA-"Nowosti"-Kommentatorin)

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