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02-11-2003 Verschiedenes
Werden Abtreibungen in Russland verboten?
„Mein Mann ist Lehrer und verdient wenig", sagt die 28-jährige Kindergartenerzieherin Natalja W., die vor kurzem eine Abtreibung gemacht hat. „Meine Familie, in der es bereits zwei Kinder und eine kranke Schwiegermutter gibt, wird von mir unterhalten. Wohin denn mit einem dritten Kind?" „Ich habe keine andere Wahl", meint die 19-jährige Studentin Irina N., die sich aus dem gleichen Grund an die Ärzte gewandt hat. „Ein Kind würde alle meine Pläne zerstören."

Bis zu 60 Prozent aller Schwangerschaften im Lande enden mit einer Abtreibung, stellt Wladimir Kulakow, Direktor des Forschungszentrums für Geburtshilfe, Gynäkologie und Perinatologie der Russischen Akademie der medizinischen Wissenschaften, fest. Zehn Prozent der Frauen, die sich zu einer Abtreibung entscheiden, sind nicht einmal 18 Jahre alt. Für Russland mit seiner demografischen Krise können diese Zahlen fatale Auswirkungen haben.

„Die Abtreibungen gehen für die Gesundheit der Frauen nie spurlos ab, ganz zu schweigen von den Abtreibungen, die außerhalb von Kliniken vorgenommen werden, wozu immerhin 15 Prozent der Frauen unter 20 Jahren greifen", sagt Gynäkologie-Professorin Klara Serebrennikowa von der Moskauer „Setschenow"-Medizinakademie. „Sie ziehen verschiedene Entzündungsprozesse nach sich. Im Endeffekt sind gerade die Abtreibungen die Hauptursache der Unfruchtbarkeit." Ein Schwangerschaftsabbruch in einem späteren Stadium der Schwangerschaft stellt eine Gefahr nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das Leben der Frau dar. Nach Angaben der stellvertretenden Gesundheitsministerin Olga Scharapowa sind rund 30 Prozent der Todesfälle bei der Müttersterblichkeit gerade mit solchen Operationen verbunden.

Obgleich es in Russland mehr als 500 Zentren für Familienplanung gibt, ein entsprechendes Föderales Zielprogramm realisiert wird und die Zahl der Zentren für Sexualaufklärung der Jugend wächst, gehört das Land bei der Zahl der Abtreibungen immer noch zu den Spitzenreitern: 60 künstliche Schwangerschaftsabbrüche pro 100 Frauen im Fertilitätsalter gegenüber fünf bis sechs in den Niederlanden und zehn bis 15 in Großbritannien. Die Geburt eines ungewünschten Kindes wird in Russland im Unterschied zum Westen häufiger mit chirurgischen und nicht mit medikamentösen Mitteln verhindert.

Einen gewissen Optimismus ruft zugleich die Tatsache hervor, dass die Zahl der Abtreibungen in Russland zwischen 1990 und 2001 um die Hälfte zurückgegangen ist: von 4,103 Millionen auf 2,015 Millionen. Diese Tendenz entwickelt sich weiter: 2002 hat es 1,944 Millionen Abtreibungen gegeben. Dennoch ist diese Zahl immer noch viel zu hoch. Hinzu kommen andere besorgniserregende Statistiken: Jede zehnte Schwangerschaft von den 40 Prozent, die nicht abgebrochen wurden, endet aus verschiedenen Gründen dennoch nicht mit einer Geburt. Die Morbidität bei 15- bis 17-jährigen Mädchen ist in den letzten fünf Jahren um ein Drittel gestiegen.

Die jetzige Situation mit den Abtreibungen zeugt in der Regel von einem niedrigen Stand der Sexualaufklärung im Lande. Die sexuelle Revolution in Russland hat sich bereits vor mehr als einem Jahrzehnt ereignet, diejenigen aber, die heute ihre Früchte genießen, in erster Linie die Halbwüchsigen, sind bis zum heutigen Tag nicht ausreichend über die Schwangerschaftsverhütung informiert - zum Teil weil die Verhütungsmittel nicht selten viel zu teuer sind. Mitte der Neunzigerjahre konnte die Zahl der Abtreibungen bei den Frauen aus den Risiko-Gruppen dank einer Gratis-Verteilung von Kontrazeptiven durch das Gesundheitsministerium um 40 Prozent verringert werden. Aus Geldmangel musste aber das Programm eingestellt werden, und die Zahl der Abtreibungen stieg wieder an.

Die Befürwörter des Schwangerschaftsabbruchs meinen, die Frau muss in dieser Frage eine freie Wahl haben. Hinzu kommen der niedrige Einkommensstand bei der Bevölkerung: 23,3 Prozent der Bevölkerung leben immer noch unterhalb der Armutsgrenze. Weitere Argumente für die Abtreibungen sind medizinische Kontraindikationen und Proteste der engsten Verwandten gegen die Geburt sowie Schwangerschaften als Folge einer Vergewaltigung. Ein Abtreibungsverbot könnte nach Ansicht von Experten zu einer Welle illegaler Abtreibungen und folglich zu einer Zunahme der Müttersterblichkeit führen.

Die Abtreibungsgegner in Russland sind weniger resolut eingestellt als ihre Gesinnungsgenossen im Westen. Kommt es in den USA hin und wieder zu Pogromen von Kliniken, in denen Schwangerschaftsabbrüche praktiziert werden, während die öffentliche Meinung zur Durchsetzung eines Abtreibungsverbots tendiert, beschränken sich die russischen Abtreibungsgegner auf Presseveröffentlichungen und Sozialwerbung (etwa Flugblätter mit der Aufschrift „Töte mich nicht, Mutti!", auf denen ein Baby mit aufgeplatztem Kopf dargestellt ist). Der härteste Abtreibungsgegner ist die Russisch-orthodoxe Kirche. „Die Kirche hat die Vernichtung des Embryos mit einem üblichen Tod gleichgesetzt", sagt Oberpriester Dmitri Smirnow. „Indem wir das Recht auf das Leben eines anderen negieren, negieren wird beliebige Lebenserscheinungen als solche." „Die Sünde der Abtreibung tragen gleichermaßen die Männer mit, von denen die nicht geborenen Kinder gezeugt wurden", fügt der Geistliche Artemij Lebedew hinzu. Zugleich verurteilt die Kirche auch die Kontrazeptive als ein Mittel, das der Ausführung der wichtigsten Aufgabe einer Ehe, der Vermehrung, im Wege steht.

Den Weg solcher Länder wie Indonesien, Irland, Mexiko oder Nepal, in denen Frauen, die abgetrieben haben, eine Gefängnisstrafe droht, wird wohl Russland kaum gehen. Bis 1955 waren die Abtreibungen in Russland verboten, dennoch wurde abgetrieben - illegal und außerhalb von Kliniken. Heute wäre nach Ansicht von Experten nur eine Einschränkung der Abtreibungen, nicht aber deren vollständiges Verbot denkbar.

Die Ärzte schlagen vor, die Bevölkerung mit Finanzhebeln zu beeinflussen. „Es ist paradox, aber die Abtreibungen werden in Russland gratis durchgeführt, während man für die Behandlung der Unfruchtbarkeit beträchtliche Summen zahlen muss", sagt Wladimir Kulakow. Würde man für den künstlichen Schwangerschaftsabbruch Geld verlangen, würde dies viele Frauen von diesem Schritt abhalten. Von dieser Maßnahme erwartet man eine Geburtensteigerung. Seine Berechtigung hat aber auch das Gegenargument, dass die ungewünschten Kinder höchstwahrscheinlich ausgesetzt werden.

Die örtlichen Behörden einiger russischer Regionen sind bemüht, die Bevölkerung mit materiellen Mitteln zu Geburten zu stimulieren. Für jede Geburt werden dort Prämien ausgezahlt. In Moskau würde beispielsweise ab 2004 jede junge Familie für ihren Erstling 15 000 Rubel (etwa 500 Dollar) bekommen, für das zweite Kind 21 000 und für das dritte 30 000 Rubel. In einer derart teueren Stadt wie Moskau wäre dies aber kaum eine wirksame Maßnahme gegen Abtreibungen. „Niemand wird Russlands Frauen dazu zwingen können, drei Kinder zur Welt zu bringen", meint der Demograph Jewgeni Andrejew aus dem Zentrum für Demographie und Ökologie des Menschen des Instituts für volkswirtschaftliche Prognostizierung der Russischen Wissenschaftsakademie.

Vor kurzem wurde auch ein Rezept für die Einschränkung der Schwangerschaftsabbrüche per Gesetz vorgeschlagen. Im September wurde die Initiative der Regierung zur Reduzierung der Liste der sozialen Indikationen für Abtreibungen in späteren Schwangerschaftsstadien endgültig bestätigt: Von den früheren 13 Punkten sind nur noch vier geblieben. Das Recht der Frau auf Abtreibung wird nur in den Fällen anerkannt, wo ein Gerichtsbeschluss vorliegt, ihr die Elternrechte abzuerkennen bzw. diese einzuschränken, wenn sie sich in einer Strafvollzugsanstalt befindet, wenn die Schwangerschaft die Folge einer Vergewaltigung ist sowie wenn die Frau während der Schwangerschaft Witwe geworden ist oder wenn ihr Mann behindert ist. Gestrichen wurden solche Punkte wie der Arbeitslosen- bzw. der Flüchtlingsstatus eines der Elternteile, das Fehlen einer Wohnung, das Vorhandensein von mehr als drei Kindern in der jeweiligen Familie sowie niedrige Einkommen. „Die bisherige, 1996 von der Regierung bestätigte Liste der sozialen Indikationen war eine erzwungene und provisorische, durch die schwere sozialökonomische Situation im Lande bedingte Maßnahme, die illegalen Abtreibungen und Abtreibungen außerhalb von Kliniken vorzubeugen hatte", so Olga Scharapowa.

„Sowohl der Staat als auch die Gesellschaft sind sich heute dessen bewusst, wie wichtig es ist, ein zivilisiertes reproduktives Verhalten zu entwickeln", stellt Klara Serebrennikowa fest. „Die Erreichung hoher Ergebnisse braucht aber Zeit." (Von Olga SOBOLEWSKAJA, Kommentatorin der RIA "Nowosti")

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