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31-10-2003 Verschiedenes
Der Baikalsee in Gefahr
Nähert man sich der Küste des Baikalsees von Süden her, wo die kleine Stadt Baikalsk gelegen ist, so schlägt einem der Gestank von Schwefelwasserstoff entgegen. Er greift die Nase so sehr an, dass man kein Auge mehr hat für den riesigen blauen Diamanten reinen Wassers, der von Gebirge und Taiga umrahmt ist.

Was stinkt, ist natürlich nicht diese reine Schönheit, sondern der „Baikal-Furunkel", wie Limnologen das Zellstoffkombinat nennen, das seit nunmehr 40 Jahren den großen See nach und nach vergiftet. Seine Wasserfläche beträgt 31 500 Quadratkilometer, und seine Tiefe reicht bis zu 1 600 Meter. In diesem gigantischen Kelch ist jeder fünfte Tropfen des gesamten Süßwassers der Erde gespeichert.

Als Meisterstück der Natur und strategischer Vorrat der gesamten Menschheit an reinem Wasser ist der Baikalsee in der Liste des Welterbes der UNESCO erfasst. Aber der See hat auch noch eine andere natürliche Bestimmung: das Weltmeer zu sanieren und zu harmonisieren. Wie die Biologin Larissa Kochowa, Leiterin der Internationalen Stiftung „Welterbe Baikalsee", behauptet, weist das Ökosystem des Sees eine harmonische Kombination aller Faktoren auf, die das Wasser „beleben". Die im Baikalsee entstandenen und gereiften Wassermoleküle durchlaufen viele Phasen ihrer Haarausbildung, werden auf natürliche Weise mit Plus und Minus geladen, und im Ergebnis gewinnt das Wasser magnetische Eigenschaften. Die Angara, der einzige dem See entströmende Fluss, trägt dieses unikale Wasser zum Jenissej, in den sie mündet und der sich seinerseits ins Nordpolarmeer ergießt.

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Erlebnisreise Baikal – Amur - Express 20 Tage
Der erstaunliche See entstand vor mehr als 700 Millionen Jahren in einem gigantischen tektonischen Bruch, der die Form eines Halbmondes hat. Die Natur gab sich alle Mühe, ihr Wunder möglichst fern vom Menschen - im tiefsten, kaum zugänglichen Innern Ostsibiriens, inmitten von Bergen und undurchdringlicher Taiga - zu verbergen. Aber Mitte des 20. Jahrhunderts war es doch so weit: Der Mensch schändete den See, als er an seiner Küste ein Zellstoffkombinat baute. Die ungeheuerliche Idee dazu wurde Anfang der 60er Jahre vom damaligen Kreml-Chef Nikita Chruschtschow unterstützt. Der Kalte Krieg war im Gange, die UdSSR rivalisierte verzweifelt mit dem Westen, und da war nichts zu schade, wenn es um die Erreichung der entsprechenden Ziele ging.

Die Ideologen und Vollstrecker des Projektes betrachteten das einzigartige natürliche Wasserbecken höchst pragmatisch, als Quelle eines superreinen, beinahe destillierten Wassers, das für die Produktion des damals geheim gehaltenen „Produktes 100" - des hochfesten Cordzellstoffs - so notwendig war. Das Land, das Überschallflugzeuge baute und an seinem Weltraumprogramm arbeitete, brauchte diesen Stoff unbedingt.

Die Gesellschaft erhob sich zum Schutz des Baikalsees. Viele bekannte Wissenschaftler, Schriftsteller und Vertreter der Öffentlichkeit traten gegen die Pläne des Baus des Kombinats auf. Der Filmregisseur Sergej Gerassimow drehte sogar den beeindruckenden Spielfilm „Am See" zum Schutz des Baikal. Doch gab es natürlich auch Konjunkturritter. So erinnert man sich an das Akademiemitglied Nikolai Schaworonkow nur noch als an den „Baikal-Verderber". Im Namen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gab er ein positives Gutachten zugunsten des Projektes ab und sagte Chruschtschow mit einem Blick auf eine Mineralwasserflasche, das auf dem Tisch stand: „Das in den See geleitete Wasser wird viel reiner sein als das, was Sie da trinken." Und Chruschtschow meinte entschieden: „Es wird gebaut!" So wurde über das Schicksal des berühmten Sees entschieden.

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Östlich der Sonne
Die Lena hinab: Vom Baikalsee zur Lenamündung
Akademiemitglied Schaworonkow meinte es aufrichtig: Das Baikalwasser, das den Produktionszyklus durchlaufen hat (42 Millionen Kubikmeter im Jahr) und in den See abgeleitet wird, ist bis heute durchaus sauber. Auf jeden Fall waren sich sieben Experten der Weltbank - schwedische, norwegische und finnische Fachleute der Zellstoff- und Papierindustrie, die 2002 Baikalsk besuchten - darüber einig, dass es ein so ausgezeichnetes Abwasserreinigungssystem sonst nirgends gebe.

Doch die Biologin Larissa Kochowa versichert, dass selbst jene schwach ausgeprägten Abfälle von Chlor und Holzsuspension, die doch in den See geraten, vollauf genügen, um die empfindliche Nahrungskette des Baikalsees, sein feines Ökosystem zu stören. So zeigt die Population eines endemischen Krebses, der das Baikalwasser unermüdlich filtriert, schon heute Degradationszeichen auf: Seine Kiemen und sein Panzer sind angegriffen.

Der Zellstoffaufschluss bedeutet nicht nur Abwässer, sondern auch die Emission von Gasen in die Atmosphäre. Zudem sammeln sich in den oberirdischen Speichern zähe, stinkende Produktionsabfälle: Schlammlignin, mit Dioxinsuspension untermischt. „Wenn es plötzlich zu einem starken Erdbeben kommt - und die Baikal-Zone ist seismisch hoch gefährdet - und all dieses destruktive Gemisch in den Baikalsee gerät, geschieht eine irreparable ökologische Katastrophe von weltweiten Ausmaßen", sagt Larissa Kochowa. Die Lage ist nur auf eine radikale Weise zu retten: durch die Schließung und Beseitigung des Kombinats. Aber heute gehört es nicht mehr dem Staat, ist vielmehr Privateigentum, von dem man sich nicht so leicht trennt, weil es Profit bringt. Der hier produzierte Zellstoff dient nicht mehr der Weltraumerforschung, sondern deckt einen durch und durch irdischen Bedarf: Daraus werden hygienische Einlagen hergestellt.

1997 verabschiedete die Staatsduma ein Gesetz über den Baikalsee. Durch dieses Gesetz wurde die Tätigkeit des Zellstoffkombinats am Baikal strikt eingeschränkt: Es durfte nicht ausgebaut werden, die Produktivität nicht erhöhen und keine alten Technologien verwenden. Das Unternehmen stand vor der Wahl: entweder schließen, den unikalen natürlichen Standort verlassen oder, in Erfüllung der Forderungen des Gesetzes, moderne Technologien einführen, die einen geschlossenen Produktionszyklus sichern und so den See gegen das Kombinat abschirmen und dessen negativen Einfluss auf ihn minimieren. Der Direktorenrat stimmte für die zweite Option.

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Grosse Russlandreise 2004 ( 4 Wochen )
Aber vorläufig wird diese Variante so gut wie nicht realisiert. Die Weltbank hat im Rahmen eines Projektes zur Umweltgestaltung einen vergünstigten Kredit für die Lösung der ökologischen Probleme des Baikalsees zugesagt. Aber gemäß den Bedingungen der Bank darf das Geld ausschließlich ökologischen Zielen dienen. Dabei sind die Probleme des Baikal aufs Engste auch noch mit der Stadt Baikalsk verbunden: Die dortigen häuslichen Abwässer schaden dem See nicht weniger als die industriellen. Ministerpräsident Michail Kasjanow, der Baikalsk besuchte, erteilte den Auftrag, das Geld für kommunale Kläranlagen aus dem Staatshaushalt aufzutreiben. Der föderale Haushalt ist bereit, im Jahre 2004 rund 30 Millionen Rubel (1 Dollar = 30 Rubel) bereitzustellen, das Gebiet Irkutsk, auf dessen Territorium Baikalsk liegt, spendete 50 Millionen Rubel, die Weltbank eine Million Dollar.

Doch die Projektkosten belaufen sich im Idealfall auf 7 Millionen Dollar. Wie Juri Maximenko, Generaldirektor der Exekutivdirektion des Russischen Programms zur Gewinnung von Investitionen für den Umweltschutz, sagte, „bremst das Fehlen der erforderlichen Mittel für den Bau von Anlagen zur Reinigung der kommunalen Abwässer das Projekt der Weltbank, das dem Baikalsee ökologisch helfen kann. Somit kann die Idee scheitern! Auch sonst", meint Juri Maximenko, „wäre es vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes und der rationellen Verwaltung des Territoriums besser, das Kombinat zusammen mit der Stadt an einen anderen Ort zu verlegen." Es ist jedoch nicht real, eine Stadt mit 17 000 Einwohnern zu verlegen. Der Staat ist nicht imstande, ein sozialhumanitäres Problem von diesen Ausmaßen zu lösen.

Romantiker haben dem Baikalsee einen zweiten Namen gegeben: „Das blaue Auge unseres Planeten". Die Metapher hat nicht nur einen lyrischen, sondern auch einen durchaus praktischen Sinn: Blickt ein Limnologe in die Tiefe der „Pupille" des Baikalsees - wie ein Augenarzt ins Auge eines Menschen - , so bekommt er Informationen darüber, was in den Gewässern der Erde, in ihrer ganzen Natur geschieht. „Allein kann Russland dem Baikal-Problem nicht beikommen. Hier werden die Anstrengungen der ganzen Welt, Mittel aus der ganzen Welt und eine allgemeine Kontrolle benötigt", meint Larissa Kochowa. „Unsere Stiftung kämpft heute gerade für die Verwirklichung dieser Idee." Frau Kochowa, eine Schülerin und Helferin des verstorbenen Akademiemitglieds Grigori Galajsija, der sein Leben der Erforschung und der Rettung des Baikal widmete, wiederholt optimistisch die Worte ihres Mentors: „Der Baikalsee zeugt vom Genie des Schöpfers, ist seine verkörperte Liebe, und solange jemand davon spricht, wird auch der Gegenstand der Liebe fortleben." (Tatjana SINIZYNA, Kommentatorin der RIA „NOWOSTI")

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