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25-10-2003 Verschiedenes
Die Architektur des neuen Moskau - Harmonie oder Chaos?
( MOSKAU ) Der Bauboom in Moskau stößt nicht selten auf den Widerstand der Bevölkerung. Kürzlich hat das Fernsehen gezeigt, wie Moskauer, empört über einen Beschluss der Behörden, auf dem Hof ihrers Hauses Garagen zu bauen, die geplante Baustelle mit jungen Bäumen bepflanzten. Als die Miliz eintraf, nahmen die Einwohner ihre Pflanzen in Schutz.

Die Unzufriedenheit der Moskauer führte unter anderem zu radikalen Aktionen in Krylatskoje, einem der vornehmsten Moskauer Stadtbezirke. Dort gelang es den Einwohnern eines Hauses, auf dessen Hof ein neues Haus errichtet werden sollte, mit allem was ihnen in die Hände kam die eben erst errichtete drei Meter hohe und 200 Meter lange Betonwand um die Baustelle umzukippen.
Alexander Rukawischnikow, Autor des Denkmals für den russischen Schriftsteller Michail Bulgakow an den Patriarchenteichen, musste sich auf lediglich eine bronzene Figur des Autors des Romans „Der Meister und Margarita" beschränken und auf einen riesigen Petroleumkocher, der die im Roman dargestellten Kräfte des Unheils symbolisieren sollte, verzichten: Die Einwohner der Umgebung und Vertreter der Kirche waren dagegen.

Im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahlen im Dezember wurde die öffentliche Meinung in der Hauptstadt durch zwei direkt entgegengesetzte Standpunkte zu den auffallenden äußeren Veränderungen gespalten, zu denen es seit 1992 gekommen ist, als Juri Luschkow Oberbürgermeister wurde.





Die Befürworter der Modernisierung Moskaus in der jetzigen Form sagen: Moskau bekommt neue Gebäude, Denkmäler, Parks und Straßen, es wird sauberer, schöner und komfortabler. Laut einer Gallup-Umfrage ist die Zahl der Moskauer, die mit ihrem Leben in der Hauptstadt völlig zufrieden sind, in den letzten fünf Jahren von 17 auf 41 Prozent gestiegen - eine der höchsten Kennzahlen dieser Art unter den Großstädten der Welt.

Kritiker der russischen Metropole von Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts stellen fest: In Moskau wurden dutzende von Architekturdenkmälern des 17. bis 19. Jahrhunderts vernichtet, es werden immer mehr Werke von zweifelhafter künstlerischer Qualität aufgestellt, die Stadt wird immer weniger grün. Anstelle von Polikliniken, Kindergärten und Schulen und auf Kosten von Spiel- und Sportplätzen werden elitäre Wohnhäuser mit Wohnungen bis zu 700 Quadratmeter gebaut, die allerdings leer stehen, weil sie zu teuer sind. Zugleich mangelt es an Sozialwohnungen für unterbemittelte Moskauer, für Bewohner der Gemeinschaftswohnungen und für junge Familien.

Die Zerstörung des alten Moskau und den Bau eines neuen hat es im 20. Jahrhundert bereits gegeben. Unter dem Banner des Kampfes gegen die Religion wurden damals die berühmte Erlöserkathedrale und die Kathedrale zur Mutter Gottes von Kasan zerstört. Vor kurzem wurden sie wiederaufgebaut. Nicht weniger heftig wird auch der Beschluss über die Abtragung des Hotels „Moskwa" in der Nähe des Kremls diskutiert, dessen Architektur von Jossif Stalin abgesegnet worden war. An dieser Stelle soll ein modernes Hotel gebaut werden. Die Kritiker sind aber mit den Behauptungen der Stadtväter nicht einverstanden, die neuen Objekte würden das traditionelle Antlitz Moskaus nicht verderben. Dies klingt allerdings kaum überzeugend, weil an der Stelle von Architekturdenkmälern deren „Klone" auftauchen, die das traditionelle Aussehen der Stadt entstellen.

Diese „Dekorationen" und „Modelle" wie diese „Klone" von den Kritikern bezeichnet werden, verstärken in der Tat die Eklektik des architektonischen Gesichts der Hauptstadt. Wozu wurde etwa in der Nähe des Kreml eine Art Disneyland mit Springbrunnen-Plastiken von Märchenfiguren angelegt? Die Qualität dieser Figuren ruft bei den Liebhabern des alten Moskau Empörung hervor. Wird den Märchenfiguren deren Geschmacklosigkeit noch halbwegs verziehen, so ist die Primitivität der neuen Denkmäler nicht zu verzeihen. Warum erinnern die Beine des aus Metall gegossenen Marschall Schukow in der Nähe des Roten Platzes an Prothesen? Wozu brauchen die Moskauer Amts- und Bürogebäude so viel Marmor und Gold? Wozu braucht man so viele klobige Villen im Stil eines falsch verstandenen Historismus? „In der Hauptstadt ist eine Architektur gefragt, die dem Geschmack der ‚neuen Russen' entspricht", meint Alexej Kometsch, Direktor des Moskauer Kunstforschungsinstituts. „Stein und Marmor, die heute die wichtigsten Baustoffe sind, wirken teuer und solide und werden deshalb akzeptiert." Im Gegensatz zu den westlichen können russische Architekten vorerst nicht den Geschmack mitprägen, weil sie finanziell voll von den Auftraggebern abhängen. Die Expertenkommissionen erweisen sich hier nicht selten als machtlos.

Moskau hat auch früher zur Eklektik tendiert. Selbst der Kreml-Komplex vereint orientalische und westliche Traditionen, die alten Kirchen stehen neben dem „stalinschen Empire-Stil" und den ersten HiTech-Versuchen. Die heutige Eklektik, beklagen sich ältere Moskauer, kenne aber keine Ufer, auch das Make-up der Stadt wirkt zu auffallend: Frisch gestrichene Häuser stechen mal mit radikalem Rosa, mal mit grellem Orange, mal mit Smaragdgrün ins Auge.

Moskau will sich aber nicht mit Make-up begnügen. Eine „plastische Chirurgie" ist angesagt: Die Hauptstadt wird umstrukturiert.

Laut dem Generalplan zur Entwicklung Moskaus bis zum Jahr 2020 werden nur 58 Prozent des Territoriums der Stadt ihre bisherige Zweckbestimmung bewahren. Die restlichen Flächen wollen die Moskauer Stadtbehörden intensiv bebauen: Geschäfte, Restaurants, Bürogebäude, Kinos, Fitness-Zentren und elitäre Wohnhäuser. Die Projekte sind dermaßen gigantisch, dass der Erste Stellvertreter des Oberbürgermeisters, Wladimir Ressin, die Einwohner beruhigen muss. Nach der Modernisierung solle die Hauptstadt „maximal komfortabel für das Leben" werden und zugleich ihr unverkennbares historisches Antlitz bewahren, erklärte er öffentlich. Die Stadt müsse „eine einheitliche Struktur" werden, die „aus einzelnen architektonischen Optionen besteht, die organisch aufeinander abgestimmt sind", fügt Architekt Michail Possochin, einer der aktivsten Bebauer der Stadt, hinzu.

Alle Stadtbezirke sollen eine gut entwickelte Infrastruktur haben, betont Wladimir Ressin. Moskau werde keine „Schlafbezirke" mehr haben. All die Mängel, die für sie kennzeichnend waren - das Fehlen von Läden mit Waren des täglichen Bedarfs sowie von Theatern, Kinos, Bibliotheken, Parks und Sportsälen wie auch Schwierigkeiten mit dem Stadtverkehr - sollen überwunden werden. Die sieben Moskauer Peripherie-Zonen werden alles Notwendige für Arbeit und Unterhaltung bekommen. Sie sollen voraussichtlich auch in sieben Zentren umfunktioniert werden. Mit anderen Worten: Anstelle des einzigen historischen Zentrums mit dem Kreml als Kernpunkt wird es sieben moderne Zentren - ein jedes mit seinem individuellen Antlitz - geben.

Experten bewerten diese Idee positiv wie auch die Idee, Industriebetriebe möglichst weit aus dem Moskauer Stadtzentrum zu vertreiben. Niemand hat natürlich auch etwas gegen eine Entlastung der Hauptstadt von Autos. Auf 1000 Einwohner entfallen heute 250 Autos, was zu großen Verkehrsstaus führt.

Das Bürgermeisteramt will das Geschäftsleben intensivieren. Zu diesem Zweck soll am Krasnopresnenskaja-Kai, in der Nähe des Regierungssitzes, ein supermodernes Wolkenkratzerviertel der Moskauer City, ein "Manhattan" an der Moskwa, errichtet werden, wo sich auch Hotels, Freizeit- und Handelseinrichtungen sowie ein Aquapark befinden werden. „Dieses Projekt öffnet das historische Zentrum, das heute wenig zugänglich ist, für einfache Menschen", meint Juri Botscharow, Mitglied der Russischen Akademie der Bauwissenschaften.

Die geplante „Operation", die der Entwicklung des Tourismus im Stadtzentrum dienen soll, ist dagegen zumindest zweifelhaft. Bis 2010 sollen im historischen Zentrum von Moskau und in einem Teil des Stadtbezirks Samoskworetschje, wo die wichtigsten Sehenswürdigkeiten konzentriert sind, Fußgängerzonen angelegt werden, die durch ein System von Übergängen und Brücken miteinander verbunden sind. Laut diesem Projekt, das die Bezeichnung „Moskauer Goldring" bekommen hat, sollen 17 neue Hotels sowie neue Museen, Restaurants, Geschäfte, Parkplätze und Erholungseinrichtungen entstehen. 300 Architektur- und Kunstdenkmäler sollen restauriert werden. Eines der Hauptargumente dagegen ist, dass derart intensive Bauarbeiten Grundversetzungen im Stadtzentrum hervorrufen könnten, was Denkmäler und Wohnhäuser in Gefahr bringen würde. Ist das Risiko wirklich gerechtfertigt? - fragen die Kritiker. (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA „Nowosti")

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