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21-10-2003 Verschiedenes
ISS am Rande einer Finanzkatastrophe
( MOSKAU ) Am Montag, dem 20. Oktober, nahm an Bord der Internationalen Weltraumstation /ISS/ die achte Besatzung ihre Arbeit auf.
Ungeachtet des erfolgreichen Starts des modifizierten Raumschiffs Sojus TMA-3 am 18. Oktober und der nicht weniger erfolgreichen automatischen Andockung an den Weltraumkomplex wird diese Expedition allem Anschein nach mit Schwierigkeiten verbunden sein, die die Besatzung allein nicht bewältigen kann.


„Die Situation mit der Finanzierung des ISS-Programms ist katastrophal", erklärte Juri Semjonow, Chef der Raketen- und Weltraumfahrt-Korporation „Energija", die die russischen Raumschiffe baut.
Am Vorabend des Starts der Expedition erklärte Nikolai Selenschtschikow, Erster Stellvertreter des Generalkonstrukteurs der „Energija", dass das Unternehmen, das die automatischen Raumtransporter „Progress" baut, den Beschluss gefasst hätte, den für den kommenden November angesetzten Start eines neuen Transporters auf den Januar nächsten Jahres zu verschieben. „Im Moment besteht keine dringliche Notwendigkeit für den Start. In der Station gibt es ausreichende Vorräte an Lebensmitteln, Brennstoff und Wasser.", sagte Selenschtschikow.

Buchstäblich einige Stunden vor dieser Erklärung hatte Nikolai Moissejew, stellvertretender Generaldirektor der russischen Weltraumagentur Rosaviakosmos, darüber gesprochen, dass das für den Sonntag geplante Treffen der Chefs der Weltraumagenturen der Partnerländer des ISS-Programms nicht stattfinden wird. „Ich sehe keine Notwendigkeit, einen ganzen Tag für die Lösung von Problemen zu verschwenden, die wir bereits auf dem Geschäftswege gelöst haben", präzisierte Moissejew.

Diese beiden Erklärungen scheinen miteinander zusammenzuhängen, jedenfalls widerspiegeln sie das heutige Hauptproblem der ISS: Russland und die USA haben keine Übereinkunft über die Finanzierung des Programms erzielt.

Wenn man aber die Absage des Treffens Rosaviakosmos - NASA formal damit erklären kann, dass Juri Koptew, Chef von Rosaviakosmos, aus gesundheitlichen Gründen ins Krankenhaus musste, so ist es um die Absage des Starts des Raumschiffs Progress viel komplizierter bestellt.

Die Hauptursache für die Verschiebung des Starts liegt jedenfalls in der Finanzierung. „Das in diesem Jahr versprochene Geld haben wir nicht erhalten. Deshalb haben wir bereits unsere Kreditmöglichkeiten überschritten und können nicht weiter gehen", betont Selenschtschikow in derselben Erklärung. Das heißt, dass niemand mehr zusätzliche Raumschiffe auf Kredit bauen wird.

Man kann die Führung der „Energija" verstehen. Das für dieses Jahr ausdrücklich versprochene Geld haben weder die amerikanische noch die eigene Regierung gegeben. Noch Mitte Februar 2003, also gleich nach dem Absturz der amerikanischen Raumfähre „Columbia", als es schon offensichtlich geworden war, dass die ganze Last der Versorgung des Komplexes für viele Monate ausschließlich auf Russland entfallen würde, wandten sich NASA-Vertreter mit der Bitte an Rosaviakosmos, Ende des Jahres einen zusätzlichen, vierten Start des Raumtransporters „Progress" zu gewährleisten. Dieser Start sollte im November stattfinden. Daraus lässt sich folgende Schlussfolgerung ziehen: Wenn die Amerikaner bereits Anfang des Jahres einen zusätzlichen Start geplant haben, so bedeutet das, dass es um die Vorräte in der Station, ungeachtet der Erklärung von Selenschtschikow, nicht so gut bestellt ist. Die russische Seite hat übrigens gewissenhaft, wenn auch unter Anspannung aller Kräfte, in diesem Jahr drei Starts von Progress-Transportern verwirklicht. Sie war bereit, auch den vierten Start vorzunehmen. Umso mehr, als die NASA versprochen hatte, ihn zu bezahlen.

Das Geld blieb aber aus, man berief sich wieder einmal auf das so genannte Gilmore-Amendment, das es verbietet, dem russischen Weltraumprogramm finanzielle Hilfe zu erweisen, weil Russland im Bereich der nuklearen Technologien mit dem Iran zusammenarbeitet.

Finanzprobleme gibt es auch in Moskau. Die russische Regierung legte am 3. April 2003 durch einen Sonderbeschluss fest, die für die Finanzierung der ISS vorgesehenen 1,3 Milliarden Rubel vom dritten und vierten Quartal auf das zweite Quartal des laufenden Jahres vorzuverlegen. Diese Maßnahme sollte den Bau eines zusätzlichen Weltraumtransporters ermöglichen. Außerdem wurde in dem Beschluss festgelegt, dass Rosaviakosmos im August und September 2003 für die Versorgung und Entwicklung der ISS zusätzlich 2,8 Milliarden Rubel erhalten sollte. Das alles blieb aber bekanntlich auf dem Papier.

bei russland.RU
• Erfolgreiche Andockung des Raumschiffes "Sojus-TMA" an die ISS (20.10.2003)
•  Programm der neuen ISS-Besatzung (19.10.2003)
• Im Frühjahr 2004 Shuttles wieder im All (7.8.2003)
• Wiederaufnahme der Shuttle-Flüge für 2004 geplant (30.7.2003)
•  ISS kann ohne russische Hilfe nicht auskommen (22.7.2003)
Um gerecht zu sein, müssen wir sagen, dass die Montagebetriebe der Korporation „Energija" den zusätzlichen Progress-Transporter dennoch gebaut haben. Auf Kredit. Das Raumschiff wurde auf den Kosmodrom gebracht. Für alle Fälle. Und selbstverständlich wird es noch vor dem Januar starten, wenn die Situation ganz schlimm werden sollte.

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