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18-10-2003 Verschiedenes
Rätselhafte russische Katzen
An einem Herbstmorgen hörte Jelena Kowaljowa, eine junge Frau, als sie durch die Stadt eilte, plötzlich ein merkwürdiges Geräusch. Dieses Geräusch durchdrang den Lärm der Straße. Die Frau schaute sich suchend um und entdeckte am Rande des Gehwegs ein herumkrabbelndes unbekanntes Wesen. Es war nackt, mit einem Rattenschwanz und Beinchen, die wie Affenarme aussahen. „Ein kleiner Teufel!" flüsterte die Frau erstaunt und nahm den Fund mitleidig auf die Arme.

Zu Hause legte sie das Tierchen in eine flauschige Strickmütze. Dann füllte sie eine Pipette mit Milch und hielt sie dem Tier vor die runzelige Fratze. Gierig trank das winzige Wesen die lebenspendende Flüssigkeit. Als das kleine Tierchen satt war, schlief es ein. „Dieses Schlappohr ist mir nicht zufällig begegnet", dachte die Frau. „Sollte es überleben, behalte ich es." So ging Jelena Kowaljowa, Einwohnerin der südrussischen Großstadt Rostow am Don, in die Geschichte der russischen Katzenkunde ein. Aus dem auf der Straße aufgelesenen haarlosen Geschöpf wurde ein prächtiges Exemplar von einer Nacktkatze namens Warwara, der dann der russische Zweig der Sphynx-Katzen entsprang. Warwara brachte die Tochter Tschita zur Welt, die ebenfalls kein einziges Haar hatte. Jelena Kowaljowa setzte sich mit der erfahrenen Katzenzüchterin Irina Nemykina in Verbindung, die sich dann sehr bemühte, um eine neue Rasse dieser einzigartigen Katze zu züchten.
Der erste Mutationsfall der Haarlosigkeit hat nicht nur in Rostow am Don, sondern auch in Moskau und in Sankt Petersburg enormes Interesse bei den Genetikern ausgelöst. In erster Linie wurde natürlich geklärt, inwieweit die Mutation ungefährlich ist. Ohne dieses Wissen beginnt man keinen Zuchtprozess. Es stellte sich heraus, dass die nackten Katzen durchaus lebensfähig sind, sich gut vermehren, keine spezifischen Gesundheitsprobleme aufweisen und auch keine spezielle Pflege brauchen. So entstand in Russland eine neue, „außerirdisch" aussehende Katzenrasse, die die Bezeichnung Doner Sphynx erhielt - nach dem größten südrussischen Fluss, an dem die Stadt Rostow liegt.

Die Zucht der neuen Rasse verlief in zwei Richtungen: die Kreuzung der Doner Sphynx mit üblichen sibirischen Katzen und Hauskatzen sowie mit Katzen der siamesisch-orientalischen Gruppe. Die letztere Art erhielt die Bezeichnung Petersburger Sphynx.

Der Weg der russischen Nacktkatzen zur internationalen Anerkennung war nicht einfach. Er nahm zehn Jahre in Anspruch und endete mit einem Triumph bei einer turnusmäßigen WCF-Konferenz in der lettischen Hauptstadt Riga. Im Ergebniss einer öffentlichen Abstimmung wurden die russischen Doner Sphynxe einstimmig anerkannt. Geregelt wurden auch Probleme der Zucht und der Ausstellungskarriere dieser Tiere.

Von den heute existierenden acht russischen Katzenrassen ist die Doner Sphynx am exotischsten, am modischsten und am teuersten.

Die Felinologenbewegung in Russland ist noch sehr jung und zählt erst 16 Jahre. Sie begann in den Zeiten der gorbatschowschen Perestroika, in der Epoche einer weitgehenden Liberalisierung. Die Winde aus dem Westen brachten unter anderem auch ausländische Katzen aristokratischer Herkunft nach Russland. Damals entstanden auch die ersten Klubs von Katzenfreunden.

Am 17. Mai 1987 fand im Moskauer Sportkomplex Bitza die erste Katzenausstellung statt, mit der die Geschichte der russischen Felionolgie (Katzenkunde) begann. Danach wurde eine Katzenschau in Petersburg veranstaltet. Später erfasste die Katzenzucht wie eine Epidemie nahezu alle Großstädte.

Westlichen Experten, die die ersten Katzenausstellungen in Russland besuchten, fielen sofort die örtlichen Katzen mit dem halblangen Fell auf: die „sibirischen" Katzen. Junge „Sibirier" wurden nach Westen mitgenommen, und sofort brach ein Boom der sibirischen Katzen außerhalb Russlands aus. Die Zucht dieser Katzen im Westen brachte jedoch nur einen mäßigen Erfolg: Die russische Katze erwies sich genauso rätselhaft wie die russische Seele.

Das stürmische Interesse von Ausländern für die sibirische Katze inspirierte russische Fachleute. Es war alles andere als einfach, ein nationales Katzenideal unter den Bedingungen eines sozialen Zusammenbruchs und der überaus harten Wirtschaftskrise der Neunzigerjahre, als sehr viele Menschen nur ums Überleben besorgt waren, zu züchten. Dennoch fanden sich Enthusiasten, die dieses Ziel unbeirrt ansteuerten.

Heute ist die sibirische Katze der Stolz der russischen Felinologie. Viel Aufmerksamkeit widmeten die Sankt Petersburger Experten dieser Rasse. Die sibirische Rasse wurde 1987 vom einheimischen Verband offiziell registriert. Gleichzeitig wurde eine neue Farbvariante eingetragen - der sibirische Colorpoint. Diese Art erhielt ihren Namen nach der Newa, an deren Mündung Sankt Petersburg steht: „Newa-Maskerade". An dieser Katze kann man schwer emotionslos vorbeigehen: Sie zeichnet sich durch Charme und Edelmut aus, zugleich übernahm sie auch die dominanten Charakterzüge der sibirischen Rasse - Energie und Eigenwilligkeit.

Die sibirische Katze ist auch heute die bedeutendste unter den russischen Katzenrassen. Sie ist groß, hat starke muskulöse Pfoten, schöne runde Augen und ein beneidenswertes warmes Fell. Diese Katzen sind überall in Russland anzutreffen. Besonders stark sind sie aber in Sibirien und im Fernen Osten verbreitet. Allein in den Klubs sind 4 500 sibirische Katzen registriert, wie viele leben aber ohne jede Registrierung! In einem jeden sibirischen Dorf findet man bestimmt einen riesigen prachtvollen Kater.

Ansonsten hatte man in Russland im Laufe der ganzen Geschichte nicht viel für die Katzen übrig. Sie waren sich selbst überlassen. Sie wurden zwar nicht verteufelt und nicht lebendig verbrannt, aber auch nicht angebetet.

Mit den Katzen sind in Russland etliche Traditionen und Aberglauben verbunden. So lässt man, wenn man ein neues Haus bezieht, stets eine Katze zuerst über die Schwelle gehen - das soll dem Haus Glück bringen. Besonders beliebt waren rotbraune Katzen - als ein Symbol von Erfolg und Reichtum. Die weißen galten als majestätisch, die schwarzen hatten weniger Glück, denn sie wurden als Unheilsboten angesehen. Dieser Aberglaube existiert aber heute praktisch nicht mehr, auch die schwarzen Katzen konnten sich vor den Menschen rehabilitieren - zumindest in Russland. (Von Tatjana SINIZYNA, Kommentatorin der RIA „Nowosti" )

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