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17-10-2003 Verschiedenes
Chinas "Langer Marsch" in den Weltraum
Vor Jahrhunderten hat man in China das Gewehrpulver und dann auch eine Rakete erfunden. Zu Beginn des dritten Jahrtausends, am 15. Oktober 2003, startete der erste chinesische Taikonaut (Taiko chinesisch für Weltraum) mit einem chinesischen Raumschiff in eine erdnahe Umlaufbahn. Der Start der Trägerrakete CZ-3 vom Typ „Langer Marsch" mit dem Weltraumschiff „Shenzhou-5" erfolgte vom modernen chinesischen Kosmodrom in der Gobi-Wüste.

Im Jahre 1970 hatte China den ersten Satelliten in den Orbit geschickt und danach zügig Raketen- und Satellitensysteme entwickelt sowie sich aktiv an internationalen Programmen für die Erschließung des Weltraums beteiligt. Heute hat das Reich der Mitte ein starkes Potential in der Luft- und Raumfahrt, das in enger Wechselwirkung mit der nationalen Wissenschaft, Industrie, Bildung und Verteidigung steht.
Was bedeutet Chinas Aufbruch in den Kosmos für das Land selbst wie auch für Russland und die USA, die Hauptbeteiligten an den internationalen Weltraumprogrammen?

Durch den Beginn bemannter Weltraumprogramme demonstriert China der ganzen Welt die Möglichkeiten der nationalen Wirtschaft und des wissenschaftlichen Potentials. Auf die Resonanz im Lande eingehend, muss man aber wohl dem chinesischen Geschichtswissenschaftler Li Recht geben, den die Zeitung „The New York Times" am 12. Oktober zitierte: „Die Bevölkerung Chinas ist zutiefst von der wissenschaftlich-technischen Zurückgebliebenheit des Landes überzeugt. Deshalb misst man in China der Wiederherstellung des Bewußtseins in den Köpfen der Menschen, dass ihr Land eine wissenschaftliche Macht ist, große Bedeutung bei." Auch in internationaler Hinsicht ist dieser Start bedeutsam.
Vor allem geht es um die mögliche Beteiligung Chinas am Programm der Internationalen Raumstation (ISS). In Peking zeigte man bereits ganz am Anfang dieses Programms im Jahre 2000 Interesse für die Station. Zweifellos hängt das mit dem Wunsch zusammen, die Raketen vom Typ „Langer Marsch" für die ISS-Versorgung einzusetzen. Im Grunde genommen kann die chinesische Raumfahrt schon darauf spekulieren, dass „Zhenzhou"-Raumschiffe statt der russischen „Soyuz" und „Progress" für die ISS als Rettungsmittel und als bemannte Raumschiffe zur Beförderung der wechselnden Besatzungen genutzt werden.

Eine solche Entwicklung ist durchaus wahrscheinlich. Wenn nicht heute, so in naher Zukunft. Um so mehr, als man in Peking stets beharrlich wiederholte, dass das ISS-Programm ohne Beteiligung Chinas undenkbar sei. Im April 2001 erklärte der Leiter der Russischen Luft- und Raumfahrtagentur Rosaviakosmos, Juri Koptew, dass China am Programm für den Bau der Station teilnehmen kann. Dafür genüge es, eine Agenturvereinbarung mit einem der Teilnehmer des Programms abzuschließen. Bislang haben Italien und Brasilien einen solchen Status durch Verträge mit der NASA bekommen.

Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass die USA nunmehr mit größerer Bereitschaft in die Erweiterung der Teilnehmerzahl an den ISS-Arbeiten einwilligen werden. Als indirekter Beweis dafür kann die Erklärung des NASA-Chefs Sean O'Keefe am 27. März 2002 auf dem Luft- und Raumfahrt-Sonderforum in Washinton gelten. Dieser gab zu verstehen, dass er persönlich als NASA-Chef und der erste stellvertretende US-Außenminister Richard Armitge ... lange darüber nachgedacht haben, ob man China in eine engere Zusammenarbeit mit den USA auf dem kosmischen Gebiet einbeziehen sollte und wenn ja, auf welche Weise. Aufschlussreich ist, dass er dies zwei Tage nach einem neuen, erfolgreichen Versuchsstart einer chinesischen Trägerrakete vom Typ „Shenzhou-3" im Rahmen der Vorbereitung des bemannten Weltraumfluges gesagt hat.

Natürlich ist die chinesische Weltraumtechnik für bemannte Flüge, die auf der Grundlage der sowjetischen Entwicklungen Mitte der 60er Jahre gebaut worden ist, bei weitem nicht vollkommen. China hat auch keine Erfahrungen mit ihrem Einsatz. Aber nicht das ist wichtig, sondern die Tatsache, dass westliche Investitionen in China in den letzten zwei Jahren ungefähr 41 Milliarden Dollar betragen haben. Ein beträchtlicher Teil dieser Summe wurde direkt oder indirekt für die Entwicklung der Weltraumindustrie und der damit verbundenen Zweige ausgegeben. Der Umfang des Staatshaushalts Russlands und Chinas, der entsprechend 45 Mrd. und 161 Mrd. Dollar ausmacht, zeugt davon, dass sich die chinesische Weltraumtechnik, darunter auch bemannte Raumschiffe, auf dem Weltmarkt billiger und folglich auch anziehender als die russischen Angebote erweisen können. Wenn der Anfang einmal gemacht ist, dann sind Erfahrung und hohes technisches Niveau bei entsprechender Finanzierung lediglich eine Frage der Zeit.

Die USA können China auch noch aus rein politischen Erwägungen in eine hohe internationalen kosmische Bahn bringen. Unter anderem hängt von der Position Pekings in vieler Hinsicht die Lösung der sich in die Länge ziehenden Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea ab. Außerdem könnten die Vereinigten Staaten durch die Einbeziehung Chinas in eine umfassende Zusammenarbeit im Kosmos das nationale Weltraumprogramm dieses Landes kontrollieren. In diesem Fall wäre die VRCh in gewissem Maße von den USA abhängig, die voraussichtlich das Verbot für die Lieferung von ihren modernen Technologien nach China aufheben werden. Das wiederum wird den Zufluss von Investitionen in die chinesiche Wirtschaft vergrößern.

China bewirbt aktiv seine Trägerraketen und Satellitensysteme auf dem europäischen Markt, was in absehbarer Zeit für die USA eine direkte Konkurrenz darstellen könnte. So äußerte China Ende September 2001 den Wunsch, sich an der Entwicklung des europäischen Satellitennavigationssystems „Galilei" zu beteiligen, in der Hoffnung, dass chinesische Trägerrakten und Satelliten genutzt werden. (Von Andrej KISLJAKOW, politischer Kommentator bei RIA „Nowosti")

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