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07-10-2003 Verschiedenes
Wann gibt es Frieden im Schach-Königreich?
Es scheint so, als ob es auch in diesem Jahr nicht gelingen wird, im Schachkönigreich den Frieden wiederherzustellen. Der durch die Entscheidungen des FIDE-Kongresses im November vorigen Jahres ausgelöste Optimismus erwies sich als etwas verfrüht. Damals waren, wie man meinte, endlich exakte Regeln für die Ermittlung des stärksten Schachspielers des Planeten ausgearbeitet worden.

Die Durchführung der Turniere, aus denen die Teilnehmer am entscheidenden Match um den Weltmeistertitel hervorgehen sollten, ist faktisch durchkreuzt.

Ruslan Ponomarjow (Ukraine), heutiger Weltmeister nach der FIDE-Version, dem einige Wettkampfbedingungen nicht passen, weigerte sich, gegen Ex-Weltmeister Garri Kasparow (Russland) zu spielen. Noch ungewiss ist das Schicksal des zweiten Matches, in dem sich der heutige reale Schachkönig Wladimir Kramnik (Russland) und der ungarische Großmeister Peter Leko messen müssen. Die FIDE, deren offizielles Motto lautet „Wir sind alle eine Familie!", kann bis heute die in den 90er Jahren gestörte Eintracht in ihrer Schachfamilie nicht wiederherstellen, die nach wie vor durch scharfe Widersprüche zerrissen wird.

Kasparow trat vor zehn Jahren aus der FIDE aus und gründete als Gegengewicht dazu die Berufsschachassoziation. Er wollte unverkennbar die FIDE um ihre Führungsrolle bei der Organisation der Weltmeisterschaften bringen und zu jenen weit zurückliegenden Zeiten zurückkehren, da der Weltmeister selbst seinen Rivalen wählte und die finanziellen Bedingungen des Matches bestimmte. Kurzum, wo der Weltmeister Herrscher über das Königreich des Weltschachs war.

Ende 2000 fand das Match zwischen Kasparow und dem anderen russischen Großmeister Wladimir Kramnik um den Titel des stärksten Schachspielers der Welt statt, das Kasparow verlor. Kann man aber Kramnik als durchaus legitimen Weltmeister erachten? Dieses Match war schließlich von der FIDE nicht sanktioniert worden, zumal sie ihren Weltmeister hat. Vor einigen Jahren erschien dem Präsidenten Kalmykiens (Kaspi-Republik im Bestand der RF) Kirsan Iljumshinow, der Campomanes auf dem Posten des FIDE-Chefs abgelöst hatte, das bestehende System zur Ermittlung des Weltmeisters zu langeweilig, und er schlug ein neues System, das sogenannte Knockout-Systen vor, das eher an eine Show als an ernsthaftes Schachspiel erinnert. Vor vier Jahren brachte dieser schnellverlaufende Wettkampf aus vier Spielen dem jungen russischen Schachspieler Alexander Chalifman Erfolg: Er wurde FIDE-Weltmeister. 2001 erkämpfte der indische Großmeister Vishvanathan Anand diesen Titel. Im vorigen Jahr wurde er durch den jungen Ukrainer Ruslan Ponomarjow abgelöst. In der durch die Ambitionen Kasparows und das leichtsinnige „Neuerertum" Iljumshinows gespaltenen Schachwelt entstand eine Doppelherrschaft.

Sich der Gefahr bewusst, die die Experimente Iljumshinows für das Schachspiel in sich bergen, vereinigten sich drei besonders maßgebende Schachspieler der Welt - Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Wladimir Kramnik - und schrieben einen offenen Brief zum Schutz ihres Lieblingsspiels. In diesem Brief riefen sie die Schachspieler auf, von den im Laufe von Jahrzehnten entstandenen Schachtraditionen und -kanons nicht abzugehen und sie zu respektieren. Diese Aktion der „drei K", die durch die Schachföderation Russlands unterstützt wurde, zeitigte ein Ergebnis. Der FIDE-Kongress, der 2002 in Bled (Slowenien) stattfand, legte fest, dass die Wettkämpfe um den Weltmeistertitel von nun an nach einheitlichen vereinbarten Regeln durchgeführt werden. Kasparow gab seine Idee auf, dass der Weltmeistertitel Eigentum des Weltmeisters ist. Es wurde beschlossen, im November 2003 das Finale für die Ermittlung des besten Schachspielers des Planeten durchzuführen. Die Teilnehmer daran müssen die Sieger der Halbfinals Ponomarjow-Kasparow und Kramnik-Leko werden.

Aber schon heute ist es offensichtlich, dass das Schachkönigreich den Namen seines neuen Herren in diesem Jahr nicht erfahren wird, denn vorläufig sind die beiden Finalisten nicht ermittelt. Es ist unklar, worauf die Laune Ruslan Ponomarjows zurückzuführen ist, durch dessen Verschulden (dieser Meinung ist jedenfalls die russische Schachföderation) sein Match mit Garri Kasparow durchkreuzt wurde, das übrigens in Jalta, also in der Heimat des ukrainischen Schachspielers, stattfinden sollte. Aber das wird sowohl für Ponomarjow selbst - einen zweifellos sehr begabten Schachspieler, als auch für die ganze Schachwelt sehr bedauerlich sein, wenn die FIDE seine Ansprüche als haltlos erachten und einen anderen würdigen Rivalen für Garri Kasparow finden wird. Man muss darauf hoffen, dass dies nicht geschehen wird, und das Match Kasparow-Ponomarjow immerhin, wenn auch mit Verspätung, wie auch der Zweikampf Kramnik-Leko stattfinden wird, dem vorläufig keine sichtbaren Hindernisse im Wege stehen.

Die Schachspieler sind der Doppelherrschaft und des Wirrwarrs überdrüssig. Sie brauchen die Einheit und einen von allen anerkannten König, an dessen Legitimität niemand zweifelt. Das Schachspiel ist durch seine Traditionen stark. Als der erste Weltmeister, Wilhelm Steinitz, sein Match gegen Emanuel Lasker verlor, schrie er bei der Begrüßung des Siegers lauf: „Hurra dem neuen Weltmeister!". Der Geist der wahren Ritterlichkeit schwand leider mit den Jahren aus dem Schachspiel, aber es blieb das schöne FIDE-Motto „Wir sind alle eine Familie", das man nicht vergessen sollte. (Valeri ASRIJAN, Kommentator der RIA „Nowosti")

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