russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.


Archiv:
2003   2004   2005   2006   2007   2008   2009   2010   2011   2012   2013


06-10-2003 Verschiedenes
Insel der geretteten Tiere in Moskau
Selbst die Bewohner der russischen Hauptstadt wissen kaum, dass es in Moskau Elche, Wildschweine, Biber, Hirsche, Hasen und Bisamratten gibt und Falken den Kreml bewachen. Unter den Weltmetropolen hat lediglich Moskau einen Wald, in dem wilde Tiere leben. Der Wald nimmt mit seinen 10144 Hektar etwa ein Drittel der Fläche der Stadt ein. Er gilt als Staatlicher Nationalpark und heißt "Elchinsel".

Diese Gegend im Nordosten Moskaus wurde vor 400 Jahren von dem russischen Zaren Alexej Michailowitsch entdeckt. Er war ein passionierter Jäger. Wilde Tiere und Vögel bewohnten hier dicht den Oberlauf der seichten Flüsse wie Jausa, Itschka und Bugaika. Zu Pferde war der Kreml innerhalb von zwei Stunden zu erreichen. Der Zar begab sich mit einem Gefolge von mindestens tausend Personen auf die Jagd. Den Lieblingsfalken des Zaren brachte der Falkenmeister auf einem goldbestickten Handschuh mit. Im Wald wurde ein Jagdpalast errichtet. Kürzlich haben Archäologen das Fundament des Palastes entdeckt. Heute werden hier Ausgrabungen durchgeführt.

Jahrhundertelang war die Jagd in dem Wald allen außer dem Zaren streng verboten. Deshalb mochten die wilden Tiere und Vögel diesen Wald. Hier störte sie niemand. 1861 wurde die Jagd auch anderen Russen erlaubt. Dafür musste man aber eine Karte für 15 Rubel erwerben. Und das war eine sehr große Summe.

Wie durch ein Wunder hat dieser Wald alle Irrungen und Wirrungen der russischen Geschichte einschließlich der Sowjetjahre überstanden. Eigentlich war es die sowjetische Stadtbehörde, die am 14. August 1973 den historischen Beschluss fasste, den Naturpark "Elchinsel" zu schaffen. Zehn Jahre danach erließ der Ministerrat der Sowjetunion eine Verfügung über die Schaffung eines Nationalparks. Das bedeutete einen höheren Status.

Heute leben über 200 Tierarten und 160 Vogelarten in dem Wald, dazu noch Schlangen, Frösche und Flussfische. Aus der Homepage der freiwilligen Helfer des Waldes kann man eine Menge erfahren: Eine Elchweibchen hat ein Elchbaby geboren, Biber haben einen Staudamm gebaut, es gab am Wochenende eine Müllräumung und so weiter.

Der riesige Wald innerhalb des Einzugsgebietes der Stadt schafft natürlich viele Probleme. Die Moskauer Ringautobahn teilte den Wald in zwei Teile, und nun können die Tiere kaum aus einem Teil des Reservats in den anderen gelangen. Anfangs wurden viele Elche von Autos überfahren. Deshalb gibt es jetzt einen Schutzzaun am Rande der Autobahn. Nachts können trotzdem kleine Tiere wie Waschbären oder Nerze unter die Räder kommen.

Die größte Bedrohung für das Reservat sind jedoch die Menschen selbst. An den Wochenenden strömen Tausende Stadtbewohner in den Wald. Sie kommen mit Autos, bringen Gartengrills mit, machen Feuer und grillen. Obwohl die Einfahrt ins Reservat nur an vier Stellen erlaubt ist, wird dieses Verbot kaum beachtet. Das Dutzend Förster und die anderen Mitarbeiter sind nicht im Stande, mit so einer Menschenmenge zurechtzukommen. Glücklicherweise gibt es freiwillige Helfer. Hauptsächlich sind das Schüler und Studenten. In ihrer Freizeit sorgen sie für Ordnung im Park. Sie haben auch schon etwas dabei erreicht. In den letzten Jahren gibt es weniger Müll. Im Wald haben sich Eulen eingenistet. Nun gibt es indische Stare und Gimpel, die durch eine besondere Vorliebe für eine saubere Umwelt bekannt sind. Wenn Gimpel kommen, so bedeutet das, dass es der Umwelt besser geht.

Im Winter erholt sich der Wald von der Stadt. Die Eichhörnchen schlafen in ihren Höhlungen, Mäuse huschen hin und her, und an den Futtertrögen auf den Lichtungen kann man Rehe und Hasen beobachten.

Der Nationalpark bleibt jedoch nach wie vor bedroht. Der stellvertretende Oberbürgermeister von Moskau hat geäußert, dass ein Wald innerhalb der Stadtgrenzen absurd sei.

Ein kleines Wäldchen gibt es freilich direkt mitten in Moskau. Das ist der Kreml. Dort wachsen Tannen und Fichten, Eichen und Birken um den Sitz des Präsidenten herum. Mehr noch, dort gibt es einen Falkendienst: Einmal in der Woche kommt eine Schar von abgerichteten Falken zum Einsatz. Ohne diese Falken hätten Hunderte von Krähen und Tauben die goldenen Kuppeln und Palastdächer längst total verschmutzt. Die Vögel wissen von den Falken und meiden den Kreml.

In der russischen Hauptstadt gibt es außerdem noch drei große Parks, die einem Wald ähneln: Filjowski, Ismailowski und Timirjasewski. Hinzu kommen viele Haine und Boulevards. Ökologisch gesehen, ist es nicht die schlechteste Stadt der Welt. (politischer Kommentator der RIA „Nowosti", Anatoli Koroljow)

Archiv:
2003   2004   2005   2006   2007   2008   2009   2010   2011   2012   2013