Tag der kyrillischen Schrift, des jüngsten Alphabets der Welt
Jedes Jahr wird das Denkmal für Kyrill und Method auf dem Slawjanskaja Platz nahe des Kreml am 24. Mai mit Blumen überschüttet. So dankt das Volk den beiden Aufklärern und Begründern des gesamtslawischen Alphabets, das im 9. Jahrhundert erfunden worden war. Es gibt viele Denkmäler für Gebrüder Kyrill und Method in Russland und ihre Zahl wächst. In diesem Jahr wurde etwa ein fünf Meter hohes Monument von Bildhauer W. Klykow geschaffen und in Saratow, einer Stadt an der Wolga, aufgestellt. Zu gesamtrussischen Traditionen am Tag von Kyrill und Method gehören Folklorefeste, Studentensymposien, wissenschaftliche Lesungen und Konferenzen.
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In Kirchen werden Gottesdienste abgehalten: Die Aufklärer waren für gute Taten heilig gesprochen worden.
Die Gebrüder stammten aus dem griechischen Saloniki und wurden „Philosophen" genannt. Als Missionare kamen sie in slawische Gebiete. Den Slawen, die sich zum byzantinishen Christentum bekannt hatten, wollten sie helfen, mit dem Wort Gottes vertraut zu werden. Kyrill und Method waren darum besorgt, dass die Neubekehrten, ohne Griechisch zu beherrschen, das Wesen der christlichen Lehre schlecht begriffen. Für slawische Kirchenbücher schufen die Gebrüder ein neues Alphabet auf Basis griechischer Schriftzeichen.
Nach dem Tod der Aufklärer vervollkommneten ihre Nachfolger dieses Alphabet, damit die feinsten Schattierungen der slawischen Sprache wiedergegeben werden können. Zu Ehren des älteren Bruders Kyrill, der sich der Durchsetzung der neuen Schrift besonders selbstlos gewidmet hatte, wurde das neue Alphabet „kyrillisch" genannt. Die neue Schrift verbreitete sich weit unter südlichen und östlichen Slawen. Sie wird bis heute von Bulgaren, Serben, Mazedoniern, Weißrussen, Ukrainern und Russen benutzt.
In Russland wurde das kyrillische Alphabet unter Zar Peter I. (1672-1725) etwas geändert. Die Schreibweise einiger Buchstaben wurde vereinfacht, einige „überflüssige" Lettern wurden gestrichen. Ins Alphabet mischten sich auch andere Monarchen ein. Unter Katharina II. erfand ihre Mitstreiterin Daschkowa, die erste Präsidentin der Russischen Akademie der Wissenschaften, den „weichen" Buchstaben „e", indem sie über die Letter „e" zwei Punkte auf französische Weise setzte.
Graphische Reformen führten auch Bolschewiki durch. Aus dem russischen Alphabet wurde der Buchstabe „i" gestrichen. Keiner ist aber so weit gegangen, wie die Abgeordneten der heutigen Staatsduma, des russischen Unterhauses. In den letzten Jahren wurde im Parlament mehrmals behauptet, die kyrillische Schrift sei „altmodisch" und es sei nötig, diesen nationalen „Atavismus" loszuwerden. Diese Position war angeblich auf die Sorge um die „Erhöhung der Autorität der russischen Sprache" zurückzuführen sowie darauf, die Lateinisierung des Alphabets werde die Annäherung Russlands an den Westen fördern.
Doch nach Auffassung eines der renommiertesten russischen Sprachwissenschaftler, Witali Kostomarow, „bedarf die Autorität der russischen Sprache keiner Fürsorge, denn sie ist längst von der großen Literatur gesichert. Die Namen von Puschkin, Gogol, Dostojewski, Tolstoi und Tschechow sind der ganzen aufgeklärten Welt bekannt. Nicht umsonst gehört das Russische dem Club der sechs Weltsprachen an. Die meisten Länder attestieren diesen Sprachen die höchste Bedeutung und halten sie für ein nicht wegzudenkendes Element der Erziehung der jüngeren Generation. Das Russische ist ein „Schlüssel" zum Zugriff auf kolossale Informationsmengen über Errungenschaften von Forschung und Technik. Mit der kyrillischen Schrift ist ein Drittel der wissenschaftlichen Literatur der Welt verschlüsselt. Die Tatsache spricht für sich: Der weltberühmte Schachspieler Bobby Fischer begann, Russisch zu erlernen, um die außerordentlich reiche Schachliteratur auf Russisch lesen zu können.
Technisch ist der Übergang vom kyrillischen zum lateinischen Alphabet laut Kostomarow durchaus umsetzbar. Jede Sprache lasse sich, wenn man so will, neu bekleiden. Was kommt aber danach? Was geschieht etwa mit der Russischen Staatsbibliothek, wo Millionen von Bänden aufbewahrt werden, die menschliche Erkenntnisse aus allen Bereichen akkumulieren?
„Russische Sprachwissenschaftler machen sich überhaupt keine Sorgen um die russische Sprache im 21. Jahrhundert. Sie verändert sich natürlich, um neue Zeiten und neue Denkweise der Menschen widerspiegeln zu können. Da versteckt sich aber das innere Leben der Sprache, das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit", so Kostomarow. (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti).
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