Norwegische Behörden haben seit 1976 Probleme mit ihnen und seitdem krabbeln die Königskrabben (Paralithodes camtschatica) alle Jahre wieder auf den Schreibtischen der Presseagenturen. Mal als Invasion sich explosionsartig vermehrender gepanzerter Giganten, mal als von Stalin ausgesetzte Eindringlinge und durch radioaktive Abfälle vor Murmansk mutierte Allesfresser ohne natürliche Feinde unterhalten die Russischen Riesenkrebse alias Monstren aus dem Eismeer seit ihrem Debüt 1993 regelmässig ein erschrockenes oder amüsiertes Publikum.
Pünktlich zum neuen Jahr war es diesmal der Chef des Norwegischen Polarinstitutes, Bjørn Fossli Johansen, der 'verwirrte' Fischer auf den Lofoten zum Anlass nahm, vor ernsthaften Veränderungen des Ökosystems zu warnen und das Ende der fürchterlichen Verbreitung anzumahnen.
Die Krustentiere - Monster der Meere - besitzen eine Spannweite von knapp zwei Metern, werden bis zu zehn Kilo schwer und leben millionenfach an den Küsten des Eismeeres. Heimisch sind sie in dem ein paar tausend Kilometer entfernten Nordpazifik und von Meeresbiologen bisher kaum erforscht. So wie es gattungstechnisch nur Schein-Krabben sind, gehören ihre Geschichten zum Reich der Scheinwahrheiten, in denen Journalisten ihre archaischen Ängste vor Finger abtrennenden Monstern abbauen.
Wie kam es dazu?
In den sechziger Jahren brachten russische Forscher einige Exemplare in Aufzuchtstationen nach Murmansk. Bereits in den dreissiger Jahren als neue Nahrungsquelle für die russische Bevölkerung und als Truppenverpflegung für die Rote Armee geplant entkamen offenbar einige der begehrten Proteinspender in die Freiheit und breiteten sich nach 1976 entlang der norwegischen Küste aus.
Nicht nur die Königskrabbe überrascht mit überdimensionalen Körpermaßen - auch andere Krebsarten weisen riesige Exemplare auf. So bringt es die Japanische Riesenkrabbe bei dreieinhalb Metern Beinspannweite und einer Rückenpanzerbreite von maximal 37 Zentimetern auf ein Gewicht von bis zu 20 Kilo.
Die Königskrabbe (Englisch: Alaska King Crab, Japanisch: Taraba-Gani) gehört zu den kommerziell wichtigsten Krabbenarten des nördlichen Pazifik und wird dort in großen Mengen von Russland, Japan, Korea und den USA gefischt und vermarktet. In den Feinkosttheken unserer Lebensmittelmärkte ist das eingedoste Fleisch eine alltägliche Erscheinung (Handelsname: Kamchatka Crab Meat, Chatka Crab).
Die im russischen Nordatlantik ausgesetzten Krabben gediehen prächtig und vermehrten sich. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen im Pazifik hatten sie unter deutlich geringerem Fischereidruck zu leiden. Deswegen sind die in Russland und Norwegen gefangenen Krabben deutlich größer, als ihre Artgenossen aus dem Nordpazifik.
Der Kabeljau aus der Nordsee ist ein gutes Beispiel dafür. Die Tiere haben keine Gelegenheit mehr größer zu werden, sie werden vorher weggefangen.
Die Königskrabben führen in der Barents-See und in Nord-Norwegen ein demgegenüber eher beschauliches Leben und damit können viele Tiere ihre Maximalgröße erreichen. Diese liegt aber in keiner Weise über der von früher angelandeten Tieren aus dem Nordpazifik.
Die russischen Einwanderer lösten zuerst Schrecken aus. Zunächst wußten die Fischer überhaupt nicht, was ihnen da in die Netze gekommen war. So gigantische Tiere hatten sie nie gesehen. Doch dann begriffen sie, was das für eine kostbarer Rohstoff ist. Vor allem Japaner haben sie als besonderen Leckerbissen entdeckt. Bis zu 400 Euro kostet das Schalentier auf dem Teller eines Restaurants in Tokio, immerhin 40 Euro bringt ein Männchen dem Fischer, der es gefangen hat.
Damit die geschmacklich zwischen Hummer und Garnele liegende Delikatesse
lange erhalten bleibt, gelten strenge Regeln: Fangen dürfen die Fischer nur Männchen mit einem Rückenpanzer mit mindestens 13 Zentimeter im Durchschnitt. Weibchen und kleine Krabben werfen sie zurück ins Meer.
Nicht alle Fischer dürfen sie fangen. Im norwegischen Fischerdorf Boygeness zum Beispiel haben zehn Fischer die Lizenz, die anderen gehen leer aus. Mit Lizenz kann man reich werden, ohne sich zu überarbeiten. Ein kräftiger Fangkorb, ein paar Dorschköpfe als Köder und das Fischen macht wieder Spaß.
Nicht alle Fischer sind daher glücklich. Für alle, die keine Lizenz bekommen haben, sind die Königskrabben eine Plage. Sie verfangen sich in den Netzen und kappen die Schnüre der Garnfischer, und bedienen sich an den Fangleinen. Die betroffenen Fischer haben reichlich Grund zum Klagen und fürchten, dass den gefräßigen Königskrabben mit Wüsten unter Wasser der ökologische Kollaps folgt.
Das Wort der Fischer hat in Norwegen Gewicht und so lässt der Staat den neuen Krabbensegen und seine Schattenseiten erforschen. Eine direkte Bedrohung der anderen Meeresbewohner sei bisher nur Spekulation. Und dennoch: die Krabben konkurrieren mit anderen um Nahrung auf dem Meeresboden. Sie greifen in eine Nahrungskette ein, zu der sie eigentlich nicht gehören. Von einer direkten Bedrohung für die anderen Meeresbewohner gehen die Wissenschaftler bisher aber nicht aus.
Besonders diskutiert wird die Frage, ob die Krabbe weiter Richtung Süden wandert.
Die norwegischen Staatsforscher glauben es nicht, der führende russische Krabbenforscher Boris Berenboim ist da skeptischer und Kollegen von ihm nehmen an, dass die Krabben noch weiter nach Süden ziehen könnten, bis an die deutsche Küste, oder nach England oder Spanien.
Ein weiteres Vordringen nach Süden spricht aber gegen alle Erfahrungen. Man macht sich zur Zeit eher Sorgen darüber, daß durch die globale Erwärmung südliche Arten nach Norden vordringen und der Lebensraum nördlicher Arten eingeengt wird, als dass Kaltwasserarten sich ausbreiten. Es spricht also alles gegen eine Südwärtswanderung der Königskrabbe und es gibt auch bisher nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür. Sie ist genau so weit gekommen, wie das subarktische Kaltwasser reicht, nicht weiter.
Fischer hören das natürlich nicht gern, aber solche klaren Worte erleichtern ihr Geschäft. Als ersten Schritt hat Norwegen die Fangquote für dieses Jahr verdoppelt. 200.000 Tonnen Königskrabben dürfen dieses Jahr die Fabrik in Bogynes verlassen, der größte Teil Richtung Japan.
Was für Russland, Amerika und Japan schon lange ein gutes Geschäft ist, gerät allmählich ins Visier norwegischer und EU-Fischer. Der journalistische Kanonenrauch zeigt, um wieviel Geld es geht. Ökologie ist wieder nur einmal das Spielfeld der Interessen, denn wenn es etwas gibt, was moderne Fischereiflotten können, dann ist es die Überfischung der Meere. Es wäre doch sehr, sehr überraschend, wenn das nicht auch mit den Königskrabben gelingen könnte. ( hub /.RU )